WIEN MUSEUM. Direktor Wolfgang Kos über Umzugspläne und die Ausstellungen von 2011 bis 2012.
Die Maler Gustav Klimt und Hans Makart, die Fotografin Trude Fleischmann, den afrikanischen Freimaurer Angelo Soliman, das frühe Öko-Faktotum Karl Wilhelm Diefenbach und auch den Stephansdom – ein reiches Programm bietet das Wien Museum in der Saison 2011.
Direktor Wolfgang Kos muss sich zudem auch um die Zukunft des denkmalgeschützten Hauses kümmern. Umbau oder Auszug? „Wir wissen nicht, ob wirklich und wann ein neues Museum gebaut wird, und wann wir hier den Betrieb einstellen müssten“, sagt Kos, dessen Vertrag bis 2013 läuft. Will er weitermachen? „Wenn ein neues Museum gebaut wird, ist die Verführung groß, dabei zu sein. Die Entscheidung sollte bis Jahresende fallen. Ein neues Museum ist ja eine epochale Sache, und deshalb muss es am bestmöglichen Standort sein.“ Zusätzliche Herausforderung: „Wir haben eigentlich zwei Museen unter einem Dach. Ein Kunstmuseum mit großartiger Sammlung und ein historisches zur Geschichte der Stadt. Das ist ein für Wien einzigartiges Potenzial.“
Der Malerfürst und seine Feste
Das Programm ist bereits bis 2012 fixiert. Die aufwendigste Ausstellung wird es wieder im Künstlerhaus geben: „Phänomen Makart – ein Künstler regiert die Stadt“(ab Juni 2011). „Ab und zu leisten wir uns Ausstellungen, die sehr breit mit Leihgaben bestückt sind. Die Makart-Schau wird auch dazugehören. Aber wir würden sie nicht machen, wenn wir nicht auch erstklassiges eigenes Material hätten“, sagt der Direktor. „Makart war ein echter Star der Stadt, ein gesellschaftliches Phänomen. In fast jeder Metropole gab es damals einen Malerfürsten. Makarts Bedeutung für Wien war enorm, er beeinflusste die Mode und war viel mehr als ein Maler, eine Art Chefdesigner der Ringstraßenzeit. Man hat in Makart-Möbeln gewohnt, seine Künstlerfeste waren legendär.“ Auch das Belvedere plant zeitgleich eine Schau. „Wir werden das gut abstimmen, bei uns ist der gesellschaftliche Kontext besonders wichtig. Man wird Meisterwerke von Makart sehen, aber auch ein Kleid von Katharina Schratt im Makart-Stil, man wird sein Atelier nachempfinden können. Wie Andy Warhol New York in den Sixties hat Makart in der Gründerzeit Wien beherrscht.“
Die Ausstellungen basieren sonst großteils auf eigenen Beständen. Das ist auch bei einer Klimt-Ausstellung im Frühling und Sommer 2012 so. „Die eigene Sammlung ist mit 400 Werken sehr umfangreich, war bisher aber nur in Ausschnitten zu sehen. Zumeist war das Museum nur Leihgeber“, sagt Kos: „Seit den Achtzigerjahren beschickt das Wien Museum die ganze Welt mit Klimt und Schiele. Wir zeigen jetzt endlich einmal hier im Haus am Karlsplatz, was wir alles an Klimt haben. Diesmal sind wir die Bühne.“ Neben Gemälden wie der berühmten „Emilie Flöge“ und Klimts Malerkittel sind vor allem Zeichnungen in der Sammlung. „Wir kommen so gut wie ohne Leihgaben aus. Man wird staunen, was alles zu sehen sein wird.“
Kostspieliges Künstlerhaus
Kann sich so eine große Schau rechnen? „Natürlich sind Einnahmen wichtig, aber so möchte ich die Frage nicht stellen, wir haben einen Forschungs- und Bildungsauftrag. Aber jedes Jahr könnten wir uns das Künstlerhaus nicht leisten. Bei der erfolgreichen 1930-Ausstellung zuletzt hat das sehr viel Geld an Miete gekostet, die bekamen wir von der Stadt nicht erstattet.“ Der Gewinn bestehe vor allem in „symbolischem Kapital. Würden wir Klimt und Schiele ständig zu Höchstpreisen in alle Welt verleihen, könnten wir viel Geld verdienen. Aber das machen wir nicht. Das wäre unseriös.“
Vorwiegend aus eigenem Bestand wird auch eine Fotoschau bestückt: „Trude Fleischmann – der selbstbewusste Blick“ (ab Jänner 2011). „Wir haben die umfangreichste Sammlung an Fleischmann-Fotos. Sie waren, verstreut über viele Teilsammlungen, in einer Million Objekten mit drinnen. Jetzt zoomen wir sie heraus.“ Fleischmann steht auch für das neue Frauenbild und war in der Zwischenkriegszeit eine selbstbewusste junge Fotografin in Wien. „Das Wien Museum besitzt vor allem Vintage-Prints, Porträts von Altenberg oder Loos ebenso wie die berühmten Körperstudien von Tänzerinnen.“
Der Direktor ist gespannt darauf, wie die Ausstellung „Angelo Soliman – ein Afrikaner in Wien“ (Herbst 2011) angenommen wird. „Der Historiker Philipp Blom hat das Thema vorgeschlagen. Er hat zwei Bücher über Aufklärung geschrieben.“ Soliman schaffte es im Wien der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ins mittlere Management bedeutender Adelsfamilien. Er war gebildet, saß in Freimaurerlogen, war mit Joseph II. bekannt. Aus dem Sudan kam er über Sizilien, wo ihn eine reiche Frau kaufte, nach Wien. Kos: „Es gab mehrere afrikanische Familien in Wien, ob als Diener oder Giraffenpfleger. Hofmohren waren in Mode. Erst nach seinem Tod wurde Soliman zur Wiener Legende, weil er ausgestopft und ausgestellt wurde. Da war er nicht mehr Soliman, sondern ein typisierter Wilder, Teil eines afrikanischen Figurenensembles.“ Dass er Teil des Elitegeflechts war, wissen nur noch wenige. „Die Ausstellung wird Soliman nicht als Objekt des Exotismus, sondern als Subjekt zeigen, als bemerkenswerte Wiener Persönlichkeit. Das wahrscheinlich einzige authentische Gemälde, auf den man Soliman sieht, konnte das Wien Museum kürzlich ersteigern.“
Originalpläne von Sankt Stephan
Schließlich gibt es im März 2011 eine Schau über den Bau von Sankt Stephan. „Im Zentrum stehen die originalen gotischen Bauzeichnungen. Nur in Wien hat eine größere Zahl die Jahrhunderte überdauert, eine Weltsensation.“ Seit 2005 sind die Planrisse der Dombaumeister, die sich in der Grafiksammlung der Akademie der bildenden Künste und im Wien Museum befinden, auf der Unesco-Liste des Weltdokumentenerbes. „In unserer Sammlung ist z. B. ein sechs Meter hoher, detailgenauer Aufriss des nie gebauten Nordturms.“ Worum geht es? „Um die Geheimnisse des Dombaus.“
AUSSTELLUNGSPROGRAMM
■Wien Museum am Karlsplatz: „Trude Fleischmann. Der selbstbewusste Blick“. „Hoch hinauf. Die gotischen Bauzeichnungen von Sankt Stephan“. „Angelo Soliman. Ein Afrikaner in Wien“. „Gustav Klimt“.
■Hermesvilla: „Der Prophet. Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach“.
■Künstlerhaus: „Phänomen Makart“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2010)