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Börsenbericht

Markt bleibt trotz Fed-Aktion panisch

Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed.
Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed.APA/AFP/GETTY IMAGES/Samuel Coru
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Die drastische Aktion der Fed und koordinierte Maßnahmen mit anderen Notenbanken halfen nicht: Die Börsen stürzten gestern wieder ab. Auch der Ölpreis – und selbst Gold.

Wien. Über Jahre hatte sich die US-Notenbank Fed als Musterknabe in der Besonnenheit und Kommunikation ihrer Geldpolitik erwiesen und so das Vertrauen der Anleger gestärkt. Nun aber scheint sie mit der Tradition zu brechen und legt nicht nur in der Radikalität ihrer Zinsschritte, sondern auch in der Unkalkulierbarkeit ihres Timings einen neuen Stil an den Tag. Der Effekt: Am Montag stürzten die ohnehin in der Vorwoche schon stark verkauften Märkte zwischenzeitlich wieder zweistellig ab – ehe sie am Nachmittag die Verluste etwas eingrenzten.

Im Sog brach auch der Ölpreis wieder ein – zeitweise um bis zu zehn Prozent auf unter 31 Dollar je Barrel der Sorte Brent. Durch den massiven Rückgang beim Verbrauch und der gleichzeitigen Ausweitung des Angebots steuert der Ölmarkt „auf ein noch nicht dagewesenes Überangebot zu“, schreibt die Commerzbank.

 

Gold nun kein sicherer Hafen

Untypisch verhält sich der Goldpreis. Hatte er in der Vorwoche bereits um 8,6 Prozent nachgegeben, so am Montag um weitere zweieinhalb Prozent. Die Commerzbank führt das auf „Verkäufe spekulativer Finanzanleger zurück, um Nachschussforderungen an anderen Märkten nachzukommen“. Man habe das schon während der Finanzkrise 2008 beobachtet, wobei sich Gold damals wieder relativ schnell erholt habe. Aktuell sei festzuhalten, dass „der Schein von Gold als sicherer Hafen und Krisenwährung möglicherweise Kratzer bekommen“ hat.

Zurück zur Fed: Sie hatte ihre turnusgemäße März-Sitzung unerwartet auf den Sonntag vorverlegt und in einer dramatischen Intervention eine ganze Reihe von Maßnahmen beschlossen, um die Kreditvergabe angesichts der Coronavirus-Pandemie am Laufen zu halten. Allen voran senkte sie den Leitzins um einen ganzen Prozentpunkt auf eine Spanne von 0 bis 0,25 Prozent. Auch kündigte sie an, die Leitzinsen so lange auf diesem Niveau zu belassen, bis die Wirtschaft die Krise überwunden habe.

 

Fed schießt aus allen Rohren

Schon vor zwei Wochen hatte sie den Leitzins außerordentlich gesenkt – und zwar damals auch überraschend mit gleich einem halben Prozentpunkt. Der Panik-Effekt an den Börsen war damals ähnlich gewesen. Am Montag nun weitete die Fed ihre Maßnahmen aus und schießt jetzt aus allen Rohren, um überall Liquidität sicherzustellen: So kauft sie Staatsanleihen für mindestens eine halbe Billion Dollar und Hypothekenanleihen für 200 Milliarden Dollar. Auch andere Notenbanken sind der Fed gefolgt und haben gestern gehandelt. Über allem aber koordinierten sich am Sonntag gemeinsam mit der Fed fünf weitere große Notenbanken (darunter die Europäische Zentralbank), um den Geschäftsbanken zu günstigen Konditionen Dollar anzubieten, um so das Finanzsystem zu stärken.

 

Weiterer Abverkauf

An der Panik der Börsen änderte das vorerst freilich nichts. Investoren flüchteten aus risikobehafteten Anlagen. Der europäische Index der Touristikbranche brach um mehr als 16 Prozent ein, so starke wie nie zuvor. Aktien von Fluglinien fielen um bis zu 30 Prozent. Der europäische Bankenindex notierte so niedrig wie zuletzt vor 32 Jahren. Die Anleger flüchteten gestern stattdessen in sichere Staatsanleihen oder typische Fluchtwährungen wie den japanischen Yen oder den Schweizer Franken.

Goldman Sachs schließt nicht aus, dass der US-Leitindex, der bei 2.500 Punkten steht, noch auf 2.000 Punkte fällt. Bis zum Jahresende dürfte er aber – wie frühere massive Erholungen nach ereignisgetriebenen Kurseinbrüchen gezeigt hätten – stark steigen: Auf 3.200 Punkte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2020)