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Leitartikel

Lieber Schwarm­disziplin als das Konzept Herden­immunität

(c) Getty Images (Thomas Kronsteiner)
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Die nun gefragte Disziplin klappt offenbar in Schulen besser als am Wiener Magistrat. In den kommenden Tagen ist sie jedenfalls kriegsentscheidend.

Es ist auch eine gesellschaftliche Reifeprüfung: Gelingt es einem Land und seinen Städten, das soziale Leben auf ein notwendiges Minimum herunterzufahren? Gelingt es jeder und jedem Einzelnen, auf die meisten Gewohnheiten, die meisten Freizeitaktivitäten und das vielleicht wichtigste Serum unseres Lebens zu verzichten: den direkten Kontakt und die persönliche Kommunikation mit Mitmenschen? Das ist eine mehr als schwierige Übung, aber sie ist notwendig angesichts einer Pandemie, die nicht nur, wie immer berichtet, ältere Mitmenschen und solche mit schwacher Immunabwehr mit dem Tod bedroht, sondern auch durch eine völlige Überlastung des Gesundheitssystems ganz andere medizinische Notfälle zum Hochrisiko machen kann.

Glaubt man ersten Zahlen, Berichten und Beobachtungen, ist das öffentliche Leben zwar noch immer sichtbar, aber deutlich gedämpft. Eltern schicken ihre Kinder offenbar wirklich nur im Notfall zur Betreuung in die Schulen, Wandertage durch die Innenstädte, wie sie noch vor Kurzem zu beobachten waren, finden ebenso wenig statt wie die alten Stoßzeiten in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Interessanterweise scheint Disziplin für uns Österreicher besonders schwierig zu sein: In wenigen anderen Ländern gilt der latente Widerstand gegen Alltagsregeln und Ordnung als eigene Kunstform. Während die Österreicher im internationalen Vergleich vorbildlich sind, wenn es um Steuerzahlen und Leistungsbereitschaft geht, sind wir in anderen Bereichen Erfinder des Begriffs „Kavaliersdelikt“. Das ist paradox, aber wahr: In manchen harten Lebensbereichen wie der Wirtschaft geben Österreicher den Hanseaten, doch wenn es um Tempolimits und zeitsparendes Anstellen geht, erwacht der kleine Anarchist.

Genau der sollte aber nun für wohl mehrere Wochen Pause machen und zu Hause bleiben. Und auch das ist Österreich, oder besser Wien: Bürgermeister Michael Ludwig sieht sich veranlasst, in einer Aussendung festzuhalten, dass die Wiener nicht die Gelegenheit nutzen können oder dürfen, ihre Amtsgeschäfte in aller Ruhe zu erledigen. Denn es gibt ernsthaft Schlangen bei den Bezirksämtern!

Das sind dann die Momente, in denen man auch an der Intelligenz seiner Mitmenschen zu zweifeln beginnt. Oder anders formuliert: Die Wiener sind stolz darauf, nichts ernst zu nehmen und alles mit Humor zu relativieren. Gut so, aber bitte zu Hause. Natürlich ist das alles pauschalierend, und Erwin Ringel hätte es besser formuliert, aber in den kommenden Tagen und Wochen kommt es auf die Schwarmdisziplin aller an. Soll heißen: Einkaufen ja, aber mit einem Meter Abstand, Freunde kontaktieren, aber am Telefon oder via WhatsApp, spazieren gehen, aber nur mit dem Partner oder dem Hund, laufen, aber am besten allein. Oder ganz anders formuliert: Eigentlich wird von uns allen nur erwartet, was uns als Kindern großartig erschien – zu Hause zu bleiben.

Das soll an dieser Stelle kein krampfhafter Einsatz der rosa Brille sein. Erstens beginnen wir erst mit dieser Teilquarantäne, zweitens wurden an den Börsen durch diese echte Krise Milliarden vernichtet, drittens ist die Wirtschaft durch den Stillstand auf Talfahrt, und viertens nimmt die Zahl der Arbeitslosen schneller zu als die der Coronapatienten. Aber noch lässt sich diese Notsituation retten, noch lässt sich das Schlimmste verhindern.


Einen radikal anderen Weg wählte zunächst der britische Premier, Boris Johnson. Der Mann, der in den Brexit-Verhandlungen sowohl im eigenen Land als auch gegenüber der EU schlauer agierte als oft beschrieben, versuchte es wie folgt: Risikogruppen wie Ältere sollen sich selbst isolieren, das öffentliche Leben mit vergleichsweise wenigen Beschränkungen und damit die Wirtschaft sollen aufrechtbleiben. Motto: Da das Virus nicht aufzuhalten ist, muss man es auch nicht verzögern, sondern zulassen: Konzept Herdenimmunität. Erst Montagabend lenkte Johnson ein und rief die Bevölkerung dazu auf, nicht notwendige soziale Kontakte zu vermeiden. Und verließ damit den Pfad, auf dem er angesichts untermittelmäßiger Gesundheitsversorgung das hohe Risiko Tausender Toter in Kauf genommen hätte. Kontinentaleuropa hat sich von Anfang an zu einem anderen Weg entschlossen. Nennen wir ihn den Weg der Menschlichkeit.

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2020)