Skandal: Tag der Abrechnung bei Siemens

Hauptversammlung. Kritik an der Konzernspitze, Unmut über Skandale.

Berlin/München. So unterschiedliche Stars wie Shakira, Tokio Hotel, STS oder der Boxer Henry Maske treten demnächst dort auf, wo vor bald 35 Jahren Olympioniken um Edelmetall wetteiferten. Am Donnerstag ging es in der Münchner Olympiahalle bei der Siemens-Hauptversammlung aber nicht um künstlerische oder sportliche Unterhaltung, sondern um den schnöden Mammon - um den größten Schmiergeldskandal in der deutschen Großindustrie im Ausmaß von 400 Mio. Euro.

Die Bühne gehörte Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld, dem Aufsichtsratschef und seinem Nachfolger als Siemens-Konzernchef, sowie Aktionärsschützern und Fondssprechern, die bis in die Nacht hinein mit der Führung ins Gericht gingen. Von Pierer und Kleinfeld hatten sich eine ausgetüftelte Offensivtaktik zurechtgelegt: Sie machten kein Hehl aus ihrer Betroffenheit, ja Fassungslosigkeit über die Machenschaften, räumten Fehler ein, versprachen Aufklärung.

"Da ist etwas gewaltig schief gelaufen", meinte Kleinfeld zum Fiasko bei der früheren Siemens-Tochter BenQ. Der Siemens-Chef bilanzierte ein "strahlend-düsteres" Geschäftsjahr: Rekordgewinne in diversen Sparten bei einem gleichzeitigen Imageschaden. Die vergangenen Tage spiegeln das Auf und Ab drastisch wider: Zunächst verhängte die EU am Mittwoch eine rigorose Geldstrafe wegen Verstoßes gegen das Kartellrecht, gegen die Siemens postwendend Berufung einlegen wird.

Doch tags darauf schon schossen die Siemens-Aktien an der Frankfurter Börse um mehr als sechs Prozent in die Höhe. Siemens hatte angekündigt, einen Teil der Automobilzuliefersparte VDO an der Börse zu veräußern. "Es wird wahrscheinlich der größte Börsengang des Jahres in Deutschland", erklärte Finanzvorstand Joe Kaeser. Gleichzeitig gab die Konzernspitze bekannt, das US-Software-Unternehmen UGS um 3,5 Mrd. Euro zu erwerben.

Kleinanleger machten ihrem Unmut Luft. Die Schwarzgeldkonten seien ein Armutszeugnis für das Kontrollsystem, meinte Aktionärsschützerin Daniela Berdolt.

Der Weltkonzern wickle täglich beinahe zehn Millionen Transaktionen ab, geben allerdings Insider zu bedenken. Und doch zeigten sich manche verwundert, dass die Schmiergelder über Jahre hinaus niemandem aufgefallen sind.

Eine Mehrzahl der Sprecher kündigte an, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Sollte die Zustimmung auf unter 90 Prozent fallen, sei dies eine klare Blamage. Zur Debatte stand sogar eine Vertagung der Entlastung, von der einige verdächtige Ex-Vorstandsmitglieder ohnehin ausgenommen waren.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.