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Plattenkritik

My Ugly Clementine: Feminismus mit Biedermeier

Welches Bandmitglied singt jeweils? Das bleibt bewusst unklar – zwecks Gleichberechtigung.
Welches Bandmitglied singt jeweils? Das bleibt bewusst unklar – zwecks Gleichberechtigung.(c) Ink Musik
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Das Debütalbum „Vitamin C“ der rein weiblichen österreichischen Band My Ugly Clementine ist kurz und leicht zugänglich. Die Botschaft: Bleibe dir treu!

Ja, durchaus, My Ugly Clementine hätten das Titelbild für ihr Debütalbum kreativer auswählen können. Es zeigt den Ausschnitt aus Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle, auf dem Gottvater mit seinem ausgestreckten Zeigefinger Adam zum Leben erweckt. Die feministische, rein weiblich besetzte österreichische Band mag es als Aneignung dieses Männerbildes sehen, aber trotzdem. (Zu) viel ist schon in die Hand des Allmächtigen gelegt worden.

„Vitamin C“ ist jedenfalls ein zugängliches Album. Musikalisch hat man sich stark am Indierock der späten Neunziger orientiert und am Grunge, ohne die experimentellen und punkigen Elemente, die Harmonisches verzerrten. Der Grunge beschäftigte sich mit der eigenen Gefühlslage, mit dem stets einsturzgefährdeten Ich. My Ugly Clementine verhandeln das Verhältnis zur Außenwelt und betonen die weibliche Perspektive. Wer singt, muss man erraten, Mira Lu Kovacs oder Kathrin Kolleritsch, Nastasja Ronck oder Sophie Lindinger? Man wechselt sich ab, es soll keine Leadsängerin geben. Es klingt trotzdem wie aus einem Guss.

Haben My Ugly Clementine weniger Anerkennung erfahren als ähnliche Männer-Bands? Immerhin tourten sie als Vorband der populären Kölner AnnenMayKantereit, spielten beim Reeperbahn-Festival in Hamburg und beim Eurosonic-Festival in den Niederlanden, lagen in den FM4-Charts auf Platz eins. Und das vor dem ersten Album. Bilderbuch und Wanda mögen stärker gehypt worden sein. Lag das am Deutschen, damals ungewohnt? Oder doch an „Vitamin B“ wie Beziehungen oder „Vitamin T“ wie Testosteron?

My Ugly Clementine: Vitamin C
My Ugly Clementine: Vitamin C(c) Ink Music

Nuancen des Zusammenlebens

Egal. Der Wunsch nach Respekt ist berechtigt. My Ugly Clementine wollen nicht die Führungsetagen besetzen. Es geht um Selbstbestimmung, darum, sich selbst treu zu bleiben – im Kleinen. Das ist fast ein bisschen biedermeierlich, man verlegt sich aufs Innere, jetzt passt es zu Corona-bedingten Einschränkungen: Wen ruft man an, wenn die Einsamkeit zu groß wird? Wer ist ein Bekannter, wer ein Freund?

Um Zwischenstufen des Zusammenlebens geht es auch in „Who“. Wie um ein Etikett, das man aufklebt. Oder das einem aufgeklebt wird: „I am not your love just 'cause I have some love for you.“ Gedanken macht man sich auch über die Außenwirkung: „You know how people are, and how they judge the shit out of you“, heißt es im „Hairwash Song“, aber „I don't care, if you wash your hair“. Über Körperhygiene wurden noch nicht viele Songs geschrieben. Über Haare schon. Weil das ein sensibles Thema ist für das angeblich unsensiblere Geschlecht (die Männer sind gemeint), deren Haartracht oft beschränkt ist? Denn darum geht es meistens, um die Möglichkeit, sich über (lange, wilde) Haare auszudrücken. „Don't change your hair for me“ lautet eine Zeile des Klassikers „My Funny Valentine“, der die Band zum Namen inspirierte.

Der „Hairwash Song“ klingt wie ein Liebeslied, aber Liebe wird nicht ausgesprochen, auch nicht Lust. Im Gegensatz zum schleppenden „Try Me“: „Why don't you try me? I beg you try me.“ Das ist unangenehm flehend. Wie rieten früher Frauenzeitschriften? Spiel „hard to get“: „Zeig ihm die kalte Schulter, lass dich jagen!“ Das hat sich eingebrannt. Vielleicht irritiert „Try Me“ deswegen, obwohl Frauen doch ein Recht haben zu sagen: „I need some relieve.“ Erleichterung, nicht Befriedigung, und schon gar keine sentimentalen Bekenntnisse. Nicht einmal im Liebestaumel will man peinlich sein.

Mit „Peptalk“ schließt das kaum 36 Minuten lange Album: „I'm good enough“ sagen sich die Musikerinnen darin. Ja. Man hätte für dieses Motivationsgespräch bloß ein wenig mehr Euphorie gewünscht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2020)