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Internationale Pressestimmen: "Skiurlaub als Virus-Verteiler"

Eine Apes-Ski-Bar in Ischgl
Eine Apes-Ski-Bar in IschglAPA/JAKOB GRUBER
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Zeitungen in mehreren Ländern berichten am Mittwoch über den Tiroler Skiort Ischgl als Ort, wo sich ihre Staatsbürger mit dem Coronavirus angesteckt haben. Einige Auszüge im Wortlaut.

Das "Darmstädter Echo" schreibt unter der Überschrift "Der Skiurlaub als Virus-Verteiler":

"Der 'Ballermann der Alpen' - das ist Ischgl in Tirol. Gestern noch das Zentrum für die Feierwütigen unter den Winterurlaubern, ist der 1600-Einwohner-Ort in Österreich heute eines der europäischen Corona-Krisenzentren. Der Grund: Offenbar haben sich Hunderte, vielleicht Tausende von Ski-Touristen dort mit dem neuartigen Coronavirus infiziert und in ihre Heimatländer weitergetragen. Der Vorwurf: In dem Wintersportort im Paznauntal und von der Tiroler Landesregierung wurde dieses Problem zu lange ignoriert, auch weil man sich das Touristengeschäft nicht entgehen lassen wollte.

(...) Viele derjenigen, die es noch rechtzeitig rausgeschafft haben, haben offenbar das Coronavirus mit in ihre Heimat gebracht. Gerade aus nordeuropäischen Ländern häufen sich entsprechende Berichte. So lässt sich bei fast jedem zweiten erkrankten Norweger und jedem dritten Dänen die Infektionskette zurückverfolgen bis nach Ischgl. Als Ursprungsort gilt demnach die Aprés-Ski-Bar 'Kitzloch', wo ein deutscher Mitarbeiter offenbar mehrere Gäste angesteckt hat. Und so wurde aus Ischgl nun die "Virus-Drehscheibe" in Europa, so hat der Journalist Lars Wienand (t-online) den Ort genannt.

Auch in Deutschland entpuppt sich der Skiurlaub als Katalysator der Coronakrise. Und sehr oft fällt auch hierzulande der Name "Ischgl", wenn nach dem Ursprung gefragt wird. So etwa auch bei dem Mainzer Polizeipräsidenten Reiner Hamm, der sich dort infiziert hat, wie am Dienstag bekannt wurde. Allein in Hamburg gibt es nach Medienberichten 80 Infizierte, die Ischgl besucht hatten.

Dabei gab es schon früh konkrete Warnungen: Bereits am 5. März hatte Island das Skigebiet rund um Ischgl zur Risikozone erklärt. Bei einem Flug der Icelandair aus München waren demnach mehrere Covid-19-Fälle bei einer Reisegruppe aus dem Skigebiet aufgetreten. In Ischgl selbst wurde der erste Corona-Fall am 7. März offiziell - ebenjener Mitarbeiter aus dem 'Kitzloch'. Nach Bekanntwerden erklärte die Landessanitätsdirektion Tirol freilich, eine Ansteckung von Gästen in der Bar sei "aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich". Zwei Tage später stellte sich allerdings heraus, dass der Barkeeper 15 Menschen in seinem engsten Umfeld angesteckt hatte. Zwar wurden dann schon die ersten Lokale in Ischgl geschlossen, aber erst am Freitag, 13. März, wurden der Ort und das Paznauntal zur Sperrzone erklärt. Wie viele - infizierte - Touristen bis dahin ungehindert in das restliche Europa ausreisen konnten, ist nicht bekannt.

Die letzten Skilifte in Tirol wurden schließlich erst am Abend des 15. März eingestellt."

Die "tz München" fragt in ihrem Artikel zu Ischgl "Aus Geldgier zu spät gewarnt?", die "Nürnberger Nachrichten" fragen "Hat die Gier am 'Tiroler Ballermann' gesiegt?". Der "Tagesspiegel" (Berlin) titelt "Chaos und Panik in Ischgl" und schreibt:

"Was indes immer deutlicher wird, ist ein Versagen in einem anderen Bundesland. Nirgendwo in Österreich gibt es mehr Corona-Fälle als in Tirol. Hunderte Deutsche, Norweger, Dänen und Isländer scheinen sich in den Tourismus-Hotspots im Skiurlaub unkontrolliert mit dem Coronavirus angesteckt zu haben. Im Mittelpunkt stehen dabei die mittlerweile abgeriegelten Skiorte Ischgl und St. Anton. Auch St. Christoph am Arlberg ist inzwischen betroffen. Während die isländischen Behörden Heimkehrer schon vor über einer Woche unter Quarantäne stellten und das Bundesland zum Risikogebiet erklärten, blieben die Skigebiete in Tirol noch bis zum Wochenende offen.

Die Kritik wird immer lauter. Experten wundern sich, warum nicht schon viel früher der Pistenbetrieb eingestellt wurde. Die Abreise der Touristen verlief zudem chaotisch, auf eine zentrale Organisation wurde verzichtet. Viele Personen nächtigten sogar noch in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck, bevor sie heimkehrten. Die Behörden testeten laut ORF keine einzige Person, Beteiligte sprechen von einem unfassbaren Versagen der Tiroler Landesregierung. Die Gäste hätten Panik gehabt, berichten Hoteliers."

Die "Bild"-Zeitung berichtet über eine "Corona-WG" in Hamburg:

"Wie kam das Virus in ihr Leben? - 'Coroni 1' war mit ihrem Freund, 'Coroni 2', im Ski-Urlaub in Ischgl. Sie sagt: 'Auf dem Rückweg nach Hamburg haben wir 'Coroni 3' in Leipzig eingesammelt, die zu Besuch kommen wollte. Und daheim warteten 'Coroni 4' und '5'."

Die "Neue Zürcher Zeitung" wählt den Untertitel "In Tirol haben sich Hunderte von Touristen aus halb Europa infiziert - mit unabsehbaren Folgen", Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) habe die Skisaison "gegen offenbar erhebliche lokale Widerstände" beendet:

"Als 'Ibiza der Alpen' bezeichnet sich der Skiort Ischgl in Tirol, und vielfältig ist das Nachtleben, vor allem das Après-Ski-Angebot. Doch nicht nur die Gäste fühlten sich in den engen Schunkel-Partylokalen wohl, diese boten auch perfekte Bedingungen für die Übertragung des Coronavirus. (...) Laut den nationalen Behörden steckten sich in den Tiroler Skigebieten 491 Norweger, 139 Dänen sowie eine unbekannte Zahl von Österreichern und Deutschen an, ein bedeutender Anteil von ihnen in Ischgl.

Tirol steht erheblich unter Druck. (...) In der Kritik steht inzwischen das gesamte Krisenmanagement in Tirol. Die Regierung des Bundeslandes habe nachlässig und zögerlich gehandelt, aus Rücksicht auf die Interessen der wirtschaftlich bedeutenden und politisch hervorragend vernetzten Tourismusbranche. (...) Dennoch ignorierten die Tiroler während fast zweier Wochen die Warnzeichen. Bei der Umsetzung der Massnahmen wirkten die Tiroler Behörden teilweise überfordert. Touristen berichten von Panik und einer chaotischen Abreise am Samstag, als ihnen plötzlich klarwurde, dass sie bald festgesetzt sein könnten. Zudem übernachteten laut Medienberichten mehrere hundert Gäste in Unterkünften in Innsbruck, ohne dass die Gastgeber über die Corona-Gefahr informiert worden waren, was möglicherweise eine weitere Ausbreitung begünstigte.

Welch weitreichende Folgen der Infektionsherd Tirol hat, zeigt sich auch auf europäischer Ebene erst langsam. (...) Obwohl die Tiroler nun zwar zu Recht am Pranger stehen, steht keineswegs fest, dass in anderen Ländern keine ähnlichen Fälle auftauchen. Die Skigebiete in der vom Coronavirus noch stärker als Österreich betroffenen Schweiz hielten ihren Betrieb ebenfalls bis an diesem Wochenende offen. Der Party-Skitourismus mag dort weniger ausgeprägt sein als in Ischgl. Aber viele Faktoren, welche die Weitergabe erleichtern, inklusive Enge und grosse Menschenmengen, sind auch hier gegeben."

Französischsprachige Medien in Kanada berichten von sechs neuen Infektionsfällen im zur Provinz Quebec gehörenden Bezirk Estrie (Cantons de l'Est/Eastern Townships). Die Zeitung "La Tribune" vermeldet "Sechs Fälle aus Österreich importiert", ohne Details über den Ansteckungsort zu nennen. Insgesamt sind in Estrie neun Fälle bekannt, in Quebec 74 und in ganz Kanada 424.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" spricht vom "Corona-Hotspot Ischgl"

"Jetzt ist Ischgl sogar in aller Welt als Hotspot bekanntgeworden, aber in einem anderen Sinne. Denn dort haben sich nachweislich viele Touristen mit dem Coronavirus angesteckt. (...)

[D]ass die Betriebe am Ort und die Behörden in Tirol auf die Situation nur zögerlich reagiert haben, bringt sie nun zunehmend in die Kritik. Der Umgang der Verantwortlichen mit dieser Kritik ist wie aus dem Lehrbuch entnommen: Wie man es nicht machen soll. (...)

In Tirol ließ man es etwas gemütlicher angehen. Am 7. März wurde ein Barkeeper einer Après-Ski-Bar Corona-positiv getestet. Dort hatten auch die erkrankten Isländer verkehrt. Es ist eine jener Kneipen, in denen die Gäste nach dem Skilaufen dicht an dicht stehen. Noch am 8. März ließ sich eine Beamtin der Landessanitätsdirektion so zitieren: "Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich." Am 9. März wurde die Bar dann doch geschlossen. Tags darauf wurden alle Après-Ski-Lokale in Ischgl geschlossen, wiederum einen Tag später hieß es dann, dass das Skigebiet Ischgl für zwei Wochen gesperrt werde.

Am 12. März teilte Landeshauptmann Günther Platter mit, dass die Skisaison in Tirol vorzeitig beendet werde - aber erst am 15. März. Bis vergangenen Sonntag tummelten sich also immer noch Skifahrer auf Tiroler Pisten, wenn es auch nicht mehr sehr viele waren.

Die vorläufige Corona-Bilanz: Alleine in Ischgl sollen sich, neben den Isländern, hundert Dänen und 377 Norweger angesteckt haben. (...)

Mag das linkische Auftreten der dortigen Verantwortlichen das Augenmerk auf Tirol ziehen: Auch in anderen österreichischen Bundesländern herrschte noch am vergangenen Sonntag Pistenbetrieb - fast eine Woche nachdem die Schließung der Schulen in ganz Österreich verkündet worden waren. Fragen wird man sich also auch dort stellen müssen. (...)"

Der "Spiegel" hatte bereits am Dienstag von Ischgl als "Die Brutstätte" berichtet:

"Touristen aus aller Welt haben sich im Paznauntal mit dem Coronavirus infiziert. Obwohl es längst Indizien gab, blieben in Tirol Lifte und Bars bis zum Wochenende geöffnet. Ging hier Profit vor Gesundheit? (...)

'Prinzipiell ist das eine Katastrophe für Ischgl', klagt telefonisch aus dem nun hermetisch abgeriegelten Ort Werner Kurz, seit zehn Jahren Bürgermeister von Ischgl. 'Aber von den wirtschaftlichen Folgen reden wir jetzt nicht, wir werden auch das überstehen, so wie wir in der Vergangenheit Hochwasser und Lawinen überstanden haben.'"

"Berner Zeitung": Aus "grösster Wintersportarena" wurde
"grösste Krisenregion"

"Die Region Ischgl-Samnaun ist nicht nur die 'grösste Wintersportarena der Ostalpen'. Sie ist auch grenzüberschreitend. Aus dem Tiroler Paznauntal kann man auf Ski oder Snowboard direkt ins Schweizer Zollausschlussgebiet fahren. An guten Tagen tummeln sich auf den Pisten mehr als 20'000 Schneesportler.

Seit dem Wochenende gilt das Skigebiet jedoch als grösste Krisenregion der Alpen. Möglicherweise über 1000 Menschen haben sich in den Winterferien mit dem Coronavirus infiziert. Ischgl ist ein Hotspot der Krise in Europa.

(...) Dennoch brauchte die Tiroler Landesregierung bis zum 15. März, um Touristen und ausländisches Personal zu evakuieren sowie Lifte und Hotels zu schliessen. Seither hagelt es Kritik: Die Lage sei verharmlost worden, um die Skisaison zu retten.

Auf Schweizer Seite tat man letzte Woche noch so, als könne das Virus gar nicht über die Grenze kommen: "Samnaun muss alleine weitermachen", titelte das "Bündner Tagblatt" am Freitag. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Ischgl wegen der hohen Zahl von Corona-Infektionen die Skisaison beenden wird. Die Gäste in Samnaun aber wurden beruhigt (...).

Am Freitagnachmittag griff der Kanton Graubünden ein. Aber auch die Kantonsregierung wollte den Skibetrieb erst ab Montag einstellen. So hätte man zumindest noch von einem Wochenende mit Sonne und besten Schneeverhältnissen profitieren können. Diesen Plänen machte am selben Abend der Bundesrat (Schweizer Regierung, Anm.) ein Ende. Er hob gegen 20.30 Uhr die kantonale Verfügung auf: Die Bündner Skigebiete mussten sofort schliessen. Auch in Samnaun.

Die Frage, wie viele Samnauner Gäste seither das Corona-virus in sich tragen, scheint in der Gemeinde niemanden wirklich zu beunruhigen. "Wir haben keinen einzigen Fall in Samnaun", versichert Gemeindepräsident Walter Zegg. Von den Infektionen in Ischgl habe er aus der Presse und vom Kanton erfahren. Er glaube auch nicht, dass Ischgl etwas verheimlichte, sagt Zegg: "Nur die deutschen Zeitungen wollen Ischgl den Schwarzen Peter zuschieben.

(...) Die Kommunikationsstelle Coronavirus des Kantons Graubünden bestätigt 77 Ansteckungen im Kanton. Über die Verteilung gibt man keine Auskunft."