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Die Ich-Pleite

Schon wieder Schnee von gestern

(c) Carolina Frank
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An der Coronakrise kann man gut erkennen, wie schnell eine Situation aus dem Galgenhumormodus hi­nausfallen kann.

Am Vormittag schreib ich noch in einem Kolumnenentwurf: „Optimisten sehen auch Coronavorteile: Die Venezianer wundern sich zum Beispiel, wie breit die Gassen plötzlich geworden sind. In Mailand getrauen sich die Leute wieder auf die achtspurige Autobahn, ohne vorher ihr Testament zu machen. Und in Tirol müssen die Studenten Skifahren gehen, weil sie nicht mehr auf die Uni dürfen.“ Aber gerade, als ich die Fassung abschicken will, werden alle Großveranstaltungen verboten und wird von der Regierung das Arbeiten im Homeoffice empfohlen.

Also schreib ich: „Die Coronakrise ist wirklich schlimm, aber sie hat auch ihren Kollateralnutzen. Im einen oder anderen Fall erhöht sich womöglich der Output, weil die Angestellten vom Chef nicht mehr beim Arbeiten gestört werden. Vielleicht reduzieren sich sogar die Gesundheitskosten auf dem psychopharmakologischen Sektor, wenn in den nächsten paar Wochen die Mobbing-Gelegenheiten entfallen.“

Aber kaum habe ich auf „senden“ gedrückt, höre ich, wie der Gesundheitsminister die Menschen bittet, ihre Sozialkontakte um ein Viertel zu reduzieren.

Da muss sich jetzt natürlich jeder unweigerlich fragen: Welches Viertel reduziere ich? Schließlich wäre die Versuchung groß, einfach das unsympathische Viertel zu nehmen. Aber sozial verantwortlich wäre das nicht. Reduzieren muss man natürlich das Viertel der über 70-Jährigen. Wenn es da zu wenige gibt, nimmt man eben über 60-Jährige und dann die über 50-Jährigen. Ein weites Feld für Fettnäpfchen natürlich. Aber wenn Sie das lesen, ist es bestimmt auch schon wieder Schnee von gestern.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 20.03.2020)