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Coronakrise

RBI-Chef Strobl: „Ferien für Kredittilgungen“

Die Raiffeisen Bank International will ihren Kunden entgegenkommen.
Die Raiffeisen Bank International will ihren Kunden entgegenkommen.APA/HERBERT PFARRHOFER
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Die Raiffeisen Bank International will ihren Kunden entgegenkommen und erwartet eine rasche Erholung.

Wien. Das Interesse an der Bilanzpressekonferenz der Raiffeisen Bank International (RBI) war groß. Nicht weil das Jahresergebnis 2019 so aufregend wäre – der Konzerngewinn sank wie erwartet um 3,4 Prozent auf 1,227 Milliarden Euro –, sondern weil RBI-Vorstandschef Johann Strobl einer der ersten Bankchefs ist, die sich nach dem heftigen Wirtschaftseinbruch inmitten der Coronakrise zur derzeitigen Lage öffentlich äußerten – und in einigen Punkten überraschten.

Strobl schätzt den aktuellen Abschwung als „kurz, tief, aber rasch vorbei“ ein. „Wir gehen davon aus, dass die Maßnahmen, die verordnet wurden, rasch Wirkung zeigen und wir in absehbarer Zeit zu einem normalen Leben zurückkehren werden“, so der RBI-Chef. Ob das im dritten oder im vierten Quartal der Fall sein wird, kann Strobl noch nicht abschätzen, aber es solle „die Anpassungsfähigkeit der europäischen Wirtschaft nicht unterschätzt“ werden – die Industrie hätte genügend Erfahrungen damit, ihre Produktion in kurzer Zeit hinunter- und bei Bedarf auch schnell wieder hinaufzufahren.

 

Kredite werden gestundet

Darüber hinaus ist der RBI-Vorstandsvorsitzende zuversichtlich, dass die von den Regierungen eingeleiteten Schritte, beispielsweise die Kurzarbeit in Österreich, die negativen Auswirkungen auf Unternehmen und Privatpersonen abfedern werden. Hier sieht Strobl auch seine Branche in der Verantwortung – die RBI wird ihren Teil dazu beitragen, um die Wirtschaft zu unterstützen: „Wenn Kunden wegen der reduzierten Einnahmen drei bis vier Monate Schwierigkeiten haben werden, ihre Kreditraten zu bedienen, dann werden Banken bereit sein, das zu stunden, dann wird es Ferien für Kredittilgungen geben.“

Zudem soll es in den Richtlinien der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) eine Passage geben, die es in bestimmten Situationen ermöglicht, die „Zähllogik“ bei Zahlungsverzug zu ändern, sagte Strobl. Derzeit scheint es in den Systemen der Banken zwei Jahre lang auf, wenn ein Kreditnehmer seine Schulden nicht rechtzeitig bezahlt hat. Das könnte nun entsprechend abgemildert werden.

Der Anstieg an notleidenden Krediten ist derzeit eine der größten Sorgen in der sich ausbreitenden Krise. So hat die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) für Europa eine Verdreifachung der Kreditausfälle prognostiziert. Derzeit liegt die Ausfallsrate bei 3,1 Prozent, daraus könnten rund neun Prozent werden, so die S&P-Analysten.

 

Keine neue Finanzkrise

Auch Strobl schließt eine solche Entwicklung nicht aus, sieht die RBI aber gut gerüstet, um das zu überstehen: „Wir gehen aus einer Position der Stärke in die Krise.“ So waren 2019 2,1 Prozent der RBI-Kredite notleidend – so wenige wie noch nie, erklärt Strobl. Dennoch geht er davon aus, dass sich die Situation in den kommenden Wochen verschlechtern wird. Daher sei man „im permanenten Austausch mit den Kunden. Wir verstehen, dass die Umsätze zurückgehen.“ Man würde dabei mithelfen, den sich daraus ergebenden Finanzierungsbedarf zu decken. Die Kapitalreserven bieten ausreichend Spielräume: Die harte Kernkapitalquote liegt bei 13,9 Prozent. Auch die Kosten-Ertrags-Quote ist mit 55 Prozent in Ordnung. Sogar eine Dividende von einem Euro pro Aktie soll ausbezahlt werden. Mit rund 26 Prozent des Vorjahresgewinns sei sie im Branchenvergleich ohnehin niedrig, so Strobl.

Bei all dem Optimismus ist es umso überraschender, dass die RBI für heuer in der Eurozone mit einem Wirtschaftsrückgang von vier Prozent rechnet. Strobl bleibt dennoch gelassen: „Die jetzige Krise ist eine Gesundheitskrise, die Wirtschaft erleidet nur die Folgen. Wir haben auch keine Vertrauenskrise im Bankensystem. Bald wird die Wirtschaftsleistung wieder in gewohnter Weise erbracht werden können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2020)