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Leitartikel

Das Coronavirus ist nicht nur für Hochrisikogruppen gefährlich

BELGIUM-HEALTH-VIRUS
Ein Jugendlicher mit Skateboard im Zentrum von Brüssel - trotz Ausgangsbeschränkung.APA/AFP/JOHN THYS
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Die massive Botschaft „Schützt die Älteren“ war für den Anfang sicher richtig, doch auch Mittelalte, Jüngere und Kinder sollten sich keinesfalls anstecken.

Bei allem berechtigten Lob für das nach einer nachvollziehbaren Schreckviertelstunde so entschlossene und in weiten Teilen professionelle Krisenmanagement in Sachen Corona gibt es doch bis heute einen widersprüchlichen und ziemlich gefährlichen Schwachpunkt in der öffentlichen Kommunikation. Die nach wie vor aufrechte Aussage nämlich, es gelte vor allem die älteren Menschen vor einer Ansteckung mit dem Covid-19-Virus zu schützen.

Nun war es am Anfang der Krise sicher richtig, schleunigst jene Menschen in Sicherheit zu bringen, bei denen mit dem schwersten Verlauf der Krankheit zu rechnen ist. Und diese Hochrisikogruppe sind, nach allem, was wir bisher wissen, nun einmal vor allem Ältere und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Das mit aller Vehemenz klarzumachen, hatte sicherlich Priorität.

Für diesen massiven Fokus auf die Älteren spricht übrigens auch, dass die Ü65-Generation, anders als noch als bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts, eben gerade kein Leben führt, das sich im Hüten der Enkeltöchter und -söhne erschöpft, obwohl natürlich viele Familien ohne deren Hilfe bei der Kinderbetreuung nach wie vor restlos aufgeschmissen wären. Gerade deshalb verwundert es auch, dass in der offiziellen Kommunikation eine ganze Bevölkerungsgruppe weitestgehend auf ihre Großelternrolle reduziert wird. Dass sich diese dann nur zum Teil auch wirklich angesprochen fühlt, darf nicht verwundern. Denn diese ältere Generation arbeitet, reist, sportelt und lebt wie alle anderen auch, nur oft mit größerer Freiheit über die eigene Zeit (wenn da nicht die Enkel wären . . .). Gerade deshalb bedurfte es und bedarf es immer noch einer großen Überzeugungsarbeit samt eindringlicher Warnung vor dem Ernst der Lage, um diese voll im Leben stehenden Menschen dazu zu bringen, zu Hause zu bleiben, ihre Aktivitäten zu reduzieren und ihre direkten sozialen Kontakte vorübergehend einzustellen.

Doch durch die Hauptbotschaft „Schützt die Älteren“ ist wohl in der übrigen Bevölkerung der Eindruck entstanden, das Coronavirus könne den Mittelalten, Jüngeren und Kindern nichts anhaben. Nur so ist es auch zu erklären, dass nach dem Motto „Sind die Großeltern erst isoliert, lebt sich's völlig ungeniert“ Corona-Partys in Parks, Skiausflüge in der Coronafreizeit und Schanigartengemütlichkeit mitten im Ausnahmezustand möglich waren. Und Ähnliches immer noch zu beobachten ist. Sind wir doch ehrlich zu uns selbst: Zählten wir uns selbst zu den Gefährdeten, verhielten wir uns noch einmal anders, als wenn wir „nur“ dabei helfen sollen, die weitere Ausbreitung zu unterbinden.

Doch nur weil es eine Hochrisikogruppe gibt, heißt es nicht, dass sich nicht alle anderen auch unbedingt und mit aller Konsequenz vor einer Ansteckung schützen müssen. Erstens natürlich, um die weitere Verbreitung konsequent einzudämmen, zweitens aber auch (und das wird bis heute nicht offensiv kommuniziert, wohl, um zu große Beunruhigung zu vermeiden), weil selbstverständlich auch bei Jüngeren und Jüngsten dramatische Krankheitsverläufe möglich sind. Vor allem auch dann, wenn intensivmedizinische Einrichtungen und allgemeinmedizinische Versorgung möglicherweise einmal nicht mehr so funktionieren wie gewohnt. Jenen „Ist nur eine Grippe“-Achselzuckern sei in Erinnerung gerufen, dass auch eine „normale“ Grippe unter Heimquarantäne ohne ärztliche Versorgung kein Zuckerschlecken ist. Oder um die Gegenprobe zu machen: Wie würden wir uns verhalten, wenn es hieße, das Coronavirus sei für alle (lebens-)gefährlich?