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Die höchste Autorität

Du sollst keinen höheren Gott haben als den Rechtsstaat – das ist ein neues Gebot für deutsche Bundespräsidenten. Wo käme man sonst auch hin?

Entgegen vielen Erwartungen will die Religion auch in der modernen Welt doch nicht so richtig aussterben. Daher bleibt die Frage nach dem richtigen Verhältnis zwischen Glauben und Politik spannend. Eine entzückende Fußnote dazu ist ein Interview im Deutschlandradio aus dem Juni, wo es um den deutschen Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff ging.

Da wurde die Potsdamer Theologin Kirsten Dietrich zu der „Erweckungsbewegung“ ProChrist befragt, die den Evangelikalen, also meist konservativen, in der Regel in Freikirchen organisierten Protestanten nahe stehen soll. ProChrist veranstaltet hauptsächlich alle paar Jahre einen Riesengottesdienst fürs Satellitenfernsehen. Der Beirat, genannt Kuratorium, wirkt allerdings nicht wie eine Weltverschwörung der Fundamentalisten. Ihm gehören neben ein paar bekannten Politikern, Unternehmern und dem Golfprofi Bernhard Langer auch eine Handvoll normaler evangelischer Landesbischöfe an. Auch Katholiken sind dabei – wie Wulff.


Das hat vor der Wahl für Diskussionen gesorgt. Und die Theologin, sozusagen als Fachfrau für evangelische Sekten befragt, sagte: „Vor allen Dingen vertreten sie eine Eigengesetzlichkeit, die sagt, letztendlich ist Gott die höchste Autorität, die wir haben. Dafür stehen diese Gruppen. Und dafür steht aber meines Erachtens nicht der Bundespräsident – der sollte dafür stehen, dass wir in einem Rechtsstaat leben und dass da die Autorität liegt. Und deswegen finde ich es nötig, dass Christian Wulff von diesem Amt (im Kuratorium, Anm.) zurücktritt.“

Aus dem Mund einer Theologin ist das ein interessantes Gebot: Du sollst keinen höheren Gott haben als das Gesetz, also als die Bundestagsmehrheit! Ansonsten ist die Idee ja nicht neu. Im römischen Imperium hat es zunächst den Juden und dann den Christen gar nicht gut bekommen, sich den Luxus eines an Gottes Geboten ausgerichteten Gewissens zu leisten, das über dem gesetzten Recht steht. Später wurde das dann allgemein anerkannt. Heute wird wieder mehr darüber diskutiert, ob nicht doch die Grundrechte das Höchste sind, das alle bindet.

Natürlich steht auch Wulff vor einer schweren Entscheidung, wenn das Gesetz von ihm als Bundespräsident einmal etwas fordern sollte, was gegen sein Gewissen oder seinen Glauben geht: Mitmachen? Verweigern? Zurücktreten? Sowas soll mitunter vorkommen, wenn einer an was glaubt. Aber es ist eine echt putzige Idee, dass er diesem Dilemma entkäme, wenn er nur die Kuratoriumsmitgliedschaft bei ProChrist zurücklegte. Oder hat Frau Dietrich gemeint, dass Wulff deswegen aus dem Kuratorium austreten solle, damit er den deutschen Bürger nicht ermuntere, gelegentlich mal das Gewissen über das Gesetz zu stellen? Sie war mit ihrer Ansicht jedenfalls nicht allein.

michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2010)