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Gastkommentar

Die Psychologie des Grübelns

Derzeit sollten wir nicht nur auf unser körperliches, sondern auch auf unser psychisches Immunsystem achten.

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Vor gut einer Woche hat sich unser Leben durch die Ausbreitung des Coronavirus schlagartig verändert. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kündigte an, dass Österreich auf „Minimalbetrieb“ heruntergefahren wird. Viele Menschen erleben seitdem einen noch nie da gewesenen Kontrollverlust. Langsam realisieren wir, dass die Krise nicht in wenigen Tagen vorbei sein wird. Viele fragen sich, wie lang wir noch in unseren Wohnungen und Häusern bleiben sollen. Hinzu kommen wirtschaftliche Sorgen. Das Kurzarbeitsmodell wird leider nicht alle Jobs retten.

Wenn Menschen nun zu Hause sitzen und immer wieder die jüngsten Nachrichten über Corona lesen, werden die Sorgenschleifen unweigerlich größer. In der Psychotherapie hat Ablenkung meist einen schlechten Ruf, doch in der jetzigen Situation kann sie genau richtig sein. Es ist wichtig, nicht nur auf das körperliche, sondern auch auf das psychische Immunsystem zu achten. Zunächst einmal sollten wir uns klarmachen, dass Grübeln in der jetzigen Situation nichts bringt. Anders als beim Nachdenken kreisen beim Grübeln die Gedanken, ohne zu einer Lösung zu kommen. Doch viele Fragen lassen sich gegenwärtig einfach nicht lösen. Wer Angst vor Jobverlust hat, kann zwar stundenlang darüber nachdenken, doch das hilft nicht weiter. Aktuell hat es wenig Sinn, sich nach einem neuen Job umzusehen oder gleich Bewerbungen abzuschicken. Es gilt abzuwarten, bis die Krise vorbei ist.

In der Psychologie wird im Grübelkontext auch von Rumination gesprochen. Der Begriff stammt aus dem Englischen und meint das ständige Wiederkäuen der Nahrung von Kühen und Schafen. Ähnlich beschäftigen sich grübelnde Menschen ständig mit den gleichen Gedanken. Doch solche Denkschleifen wirken sich kontraproduktiv auf unser psychisches Immunsystem aus, sie können Stress und Schlafstörungen verursachen. In solchen Situationen ist es wichtig, dass jeder lernt, die quälenden Gedanken zu stoppen. Dabei gibt es kein Patentrezept, sondern jeder sollte seine eigene Methode entwickeln. Manche schreiben beispielsweise ihre Sorgen auf. Entscheidend dabei ist, dass nach einer genau festgelegten Zeit wie etwa einer halben Stunde Schluss ist. Dann wird der Sorgenzettel entsorgt – und es wird etwas anderes getan. Andere Menschen wollen ihre negativen Gedanken unbedingt ihren Freunden mitteilen. Doch auch hier muss es klare zeitliche Grenzen geben. Dann wird das Thema gewechselt. Allerdings kann es nicht immer einfach sein, den Stress herunterzufahren und aus der Gedankenschleife auszusteigen. Daher ist es sinnvoll, sich bestimmte Handlungen zu überlegen, wenn jemand ins Grübeln verfällt. Ideal ist eine Tätigkeit, die einem guttut, wie beispielsweise eine Netflix-Serie ansehen, kochen oder ein Sudoku lösen. Wenn die Gedanken trotzdem wiederkehren, sollten Freunde oder Bekannte angerufen und mit diesen ganz bewusst über etwas anderes gesprochen werden.

 

Körperliche Bewegung hilft

Besonders hilfreich kann körperliche Bewegung sein. Im Internet gibt es verschiede Anleitungen und Videos für Fitnessübungen im Wohnzimmer. Auch wenn jemand in der Nacht aufwacht und in Gedankenschleifen versinkt, ist es nach einer bestimmten Zeit ratsam, aufzustehen und vorübergehend etwas anderes zu machen. Solche Tipps werden gern als minderwertige „Küchenpsychologie“ abgetan. Doch in einer Psychotherapie muss es nicht immer um die Aufarbeitung der Vergangenheit gehen, sondern oft kann es hilfreich sein, sich Anregungen für den Umgang mit herausfordernden Situationen zu holen.

Der Autor

Christian Höller, MSc., ist akademisch ausgebildeter Psychotherapeut und Coach. Er hat seine Praxis in Wien und arbeitete früher für die „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2020)