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Coronavirus

Niederlande: Zwischen Herdenimmunität und Lockdown

Mark Rutte (im Bild in einen Supermarkt in Den Haag) war in heftige Kritik wegen seiner Vorgangsweise in der Krise geraten.
Mark Rutte (im Bild in einen Supermarkt in Den Haag) war in heftige Kritik wegen seiner Vorgangsweise in der Krise geraten.(c) APA/AFP/ANP/REMKO DE WAAL
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Premier Rutte ist mit seinen Aussagen über „Herdenimmunität“ unter massiven Druck der Opposition geraten. Jetzt sagt er, er sei „missverstanden“ worden. Wenn nötig, würden schärfere Maßnahmen getroffen.

Den Haag/Amsterdam. Wenn die Gefahr besteht, dass das Gesundheitssystem überbelastet wird, „dann ist auch in den Niederlanden ein völliger Lockdown denkbar“. Das gab nun der niederländische Ministerpräsident, Mark Rutte, bekannt. Damit stellte er klar, dass auch er sich strengere Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen und das Sperren von Geschäften im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus vorstellen kann. Zuvor war er in heftige Kritik wegen seiner Vorgangsweise in der Krise geraten.

Grund dafür: Am Montagabend hatte Rutte in seiner Fernsehansprache an die Nation einen „völligen Lockdown“ noch ausgeschlossen und von der Bekämpfung des Coronavirus durch „Herdenimmunität“ gesprochen. Die entstehe dann, wenn Personen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, ausreichend eigene Antikörper gegen das Virus entwickeln und so immer mehr Menschen immun werden, sagte Rutte. Für diese Worte geriet er danach unter heftigen Beschuss.

Seine Äußerungen seien missverstanden worden, stellte der Regierungschef nun klar. Immunität durch Ansteckungen sei nicht das Ziel, sondern ein ganz normaler „Nebeneffekt“. Von einer „absichtlichen Infektion“ könne nicht die Rede sein. Immerhin würden sich die niederländischen Maßnahmen kaum von denen in Belgien oder Frankreich unterscheiden.

 

„Nur ein zusätzlicher Schutz“

Auch die Behörde für öffentliche Gesundheit und Umweltschutz (RIVM) erklärte, dass Herdenimmunität nur als „zusätzlicher Schutz“ betrachtet werden könne, man bleibe – wie der Rest der Welt – abhängig von der Verfügbarkeit eines Impfstoffes.

Kritik an Ruttes Erklärungen zur „Herdenimmunität“ am Montag war vor allem von Politikern der Opposition gekommen. Sie warfen dem liberal-konservativen Ministerpräsidenten vor, für Unruhe in der Bevölkerung zu sorgen. „Viele Niederländer fühlen sich, als seien sie Teil eines großen Experiments“, sagte etwa der Vorsitzende der Sozialdemokraten, Lodewijk Asscher.

Auch Wissenschaftler meldeten sich zu Wort: „Die niederländische Regierung nimmt große Risken in Kauf“, kritisierte der italienische Virologe Roberto Burioni, der an der San-Raffaele-Universität in Mailand lehrt. In Italien sind viele Krankenhäuser am Ende ihrer Kapazitäten angelangt. Sie können Covid-19-Erkrankte, aber auch andere Patienten, die Intensivpflege benötigen, nicht mehr betreuen. Und je größer die Zahl der Corona-Infizierten wird, desto geringer werden die Möglichkeiten der Spitäler, alle zu behandeln.

In den Niederlanden sind nach Angaben des nationalen Gesundheitsamtes bisher mehr als 1700 Coronavirus-Infektionen registriert. Mindestens 43 Menschen haben die Infektion nicht überlebt.

 

Schulen sind geschlossen

Rutte rief seine Landsleute dazu auf, „nicht mehr ins Ausland zu reisen“ und wenn möglich zu Hause zu bleiben. Schulen, Bars und Restaurants sind in den Niederlanden seit Sonntag geschlossen, größere Menschenansammlungen verboten. Zudem wurde ein faktisches Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger verhängt. Es gilt ab Donnerstag 18 Uhr für zunächst 30 Tage. (htz./APA/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2020)