Schnellauswahl
Biologie

Wie alt wir (glauben zu) werden

Die Europäer unterschätzen ihre Lebenserwartung, vor allem die Frauen. Österreichs Männer machen aber eine Ausnahme.

Wer älter wird, plant für den Ruhestand: Wann soll ich in Pension gehen? Wie viele Ersparnisse werden wir brauchen? Wann übergeben wir unsere Besitztümer an unsere Kinder? Für all diese Entscheidungen ist es günstig, wenn man eine möglichst gute Vorstellung davon hat, wie viele Jahre einem noch beschert sind. Aber als wie treffsicher erweisen sich solche Erwartungen? Studien, die eine geschätzte Lebenserwartung mit der tatsächlichen vergleichen, sind nicht neu, vor allem in den USA gibt es eine ganze Reihe davon. Aber die jüngste Arbeit des IIASA (International Institute for Applied Systems Analysis) in Laxenburg ist besonders interessant, weil zu den neun untersuchten europäischen Ländern auch Österreich zählt und die heimischen Daten gesondert ausgewiesen sind (Plos One, 18. 3.).

Die Forscher Dimiter Philipov und Sergei Scherbov nutzen dazu zwei europaweite Befragungen von 60- bis 80-Jährigen aus den Jahren 2004 und 2015. Ihnen stellen sie die tatsächliche mittlere Lebenserwartung von 60- bis 90-Jährigen in den einzelnen Ländern gegenüber (neben Österreich sind das Deutschland, Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Schweden und Belgien). Erstmals wurde damit auch die Entwicklung der Einschätzungen im Detail untersucht. Einige Tendenzen sind länderübergreifend: 2004 wurde die Zahl der verbleibenden Jahre überall unterschätzt. Vor allem Frauen lebten deutlich länger, als sie annahmen. Beide Geschlechter zeigten ähnliche Erwartungen, was aber nicht den Fakten entspricht – die Lebenserwartung von Frauen ist bekanntlich deutlich höher.

Die heimischen Männer erhofften sich für ihre irdische Frist um 1,4 Jahre zu wenig und lagen damit im europäischen Schnitt, die Frauen mit 5,1 Jahren zu wenig eher am oberen Ende des Spektrums.

 

Schätzung nähert sich Realität an

Bei den Daten für 2015 schert Österreich aus. Generell gewannen die Europäer in den elf Jahren zwischen den beiden Befragungen ein realistischeres Bild ihrer gesundheitlichen Lage. Die Männer schafften nun mit im Schnitt knapp vier Monaten Differenz zwischen Ist und Schätzung fast schon eine Punktlandung. In Österreich aber schossen sie übers Ziel hinaus: Sie überschätzten jetzt ihre Lebenserwartung um 1,3 Jahre. Das überrascht auch die Studienautoren, die notieren: „Diese Veränderung erfordert eine nähere Untersuchung“. Heimische Frauen unterschätzten ihre verbleibende Zeit weiter, und zwar ebenfalls um 1,3 Jahre. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2020)