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Börsen schließen selbst zu Unzeiten nicht

Auch in Kirsenzeiten läuft die Börse weiter
Auch in Kirsenzeiten läuft die Börse weiterimago images/UPI Photo
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Kapitalmarkt. Die Schwankungen an den Märkten sind hoch, doch sind sie auch ein Ausdruck von Transparenz.

Wien. Der Austria Presseagentur war es am Freitag sogar eine Eilmeldung wert: Am letzten Handelstag einer durchaus ereignisreichen Woche gelang es dem Wiener Leitindex ATX mit plus zehn Prozent in den Vormittag zu starten. Papiere, wie jene der FACC, legten zeitweise um 29 Prozent zu. Auch die Aktionäre von OMV (plus 25 Prozent) oder Raiffeisen Bank International (plus 20 Prozent) hatten nach schmerzvollen Tagen wieder etwas zu lachen. Die Notenbanken sind daran nicht ganz unbeteiligt: Sie versicherten, Finanzmärkte und Unternehmen nicht im Stich zu lassen.

Die Unruhe an den Märkten ist aber nach wie vor nicht verflogen. Der CNN-Angst & Gier-Index steht weiterhin im tiefroten Bereich (große Angst). Doch kommt an guten Handelstagen mit zweistelligen Zugewinnen kaum ein Börsianer auf die Idee, den Kapitalmarkt zu schließen. Vor wenigen Tagen oder Wochen sah das noch anders aus. Immer wieder kursieren derzeit solche Forderungen.

Selbst der heimische Kleinaktionärsschützer Wilhelm Rasinger preschte kürzlich mit der Aussage vor, die Börse in Wien solle ihre Öffnungszeiten auf wenige Stunden pro Tag oder – noch besser – pro Woche einschränken. Eine Idee, die bei Kurseinbrüchen von rund 20 Prozent binnen weniger Tage, nicht von ungefähr kommt.

Auch die Philippinen wollten dem unerfreulichen Treiben an den Finanzmärkten nicht weiter zusehen. Deshalb beschloss man, am Dienstag dieser Woche den Betrieb einzustellen. Wiewohl Manila dies mit dem Schutz seiner Händler begründete. Als die Börse am Donnerstag allerdings wieder aufsperrte, erlebte sie ihr blaues Wunder: Der Markt knickte nach dem zweitägigen Handelsstopp um 24 Prozent ein und fiel auf das niedrigste Niveau seit acht Jahren. Auch im Vergleich zu anderen Börsen aus der Region war man weit schlechter dran.

Selbst in der Finanzkrise, als die Börsen ebenfalls weltweit abstürzten, blieben die Kapitalmärkte offen. In Wien setzte die Börse den Handel zwar am 10. Oktober 2008 für wenige Stunden aus. Doch musste man dafür bei Händler und Emittenten viel Kritik einstecken. Und: Wien schloss erst recht auf einem Mehrjahrestief. So etwas hat es seither nicht mehr gegeben. „Ich würde auch jetzt dringend von einem solchen Schritt abraten“, sagt Christoph Boschan, der Chef der Wiener Börse. Denn schließt man den Handelsplatz „hat das nur den Effekt, dass sich der Handel in den außerbörslichen Bereich verlagert“, so Boschan. Dort seien dann noch größere Schwankungen zu erwarten, „bei weniger Liquidität und weniger Transparenz“. Auch die Vereinigung der Europäischen Börsen plädiert dafür, den Handel, auch in Zeiten extremer Schwankungen, offen zu halten. „Die Leute tun immer so, als hätten die Indexstände nichts mit der Realität zu tun. Aber sie sind der Gradmesser“, sagt Boschan.

 

Kurze Verschnaufpause

Das, was es heute im laufenden Handel der Wiener Börse gibt, sind sogenannte Volatilitätsunterbrechungen, die dazu dienen, große Preissprünge – sowohl nach oben als auch nach unten – zu vermeiden. Diese zweiminütigen Pausen kommen automatisch zum Einsatz, sobald die Kurse gewisse Korridore verlassen. In dieser Zeit kann sich ein neuer Preis bilden. In den vergangenen Wochen kamen diese Verschnaufpausen vermehrt zum Einsatz.

In den USA sind es sogenannte Circuit Breaker, die den Händlern Zeit verschaffen. Wenn der Index S&P 500 um sieben Prozent fällt, wird der Handel für 15 Minuten unterbrochen. Bei 13 Prozent Minus schlägt das System ebenfalls an. Fällt der Index um 20 Prozent, wird der Handel für den Rest des Tages jedoch ausgesetzt. Ungeachtet dessen plädiert der Chef der US-Börsenaufsicht, Jay Clayton, dafür, die Börsen offen zu halten. „Die Märkte sollten auch in Zeiten wie diesen weiter funktionieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2020)