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An den Wurzeln Europas

Der italienische Reiseschriftsteller Paolo Rumiz hat sich auf die Spuren der Benediktiner begeben.

Auch jemand, der vom Reisen lebt, braucht einen Rückzugsort. Für den populären italienischen Autor Paolo Rumiz, Jahrgang 1947, ist dies seine Wohnung in traumhafter Lage oberhalb von Triest. Von hier aus unternimmt der asketisch wirkende Mann sternförmig seine großen Welterkundungen, über Grenzen und Nationen, wandernd, auf Booten, als Reporter, Kriegsberichterstatter, Reiseschriftsteller. Er nennt das „in den Bauch eines Landes eindringen“, mit dem Rucksack, im Buschwerk, zu Fuß. Aus den Reisenotizen entstehen dann seine Bücher, die von den Italienern geliebt werden. Wochenlang lebte er auf einem Leuchtturm im Mittelmeer oder beschrieb das Leben auf einem Fluss, dem Po.

Besonders liebt er die Regionen des Apennin, das „starke Herz“ Italiens. Das merkt man zu Beginn seines neuen Buchs, das sich auf die Spuren der Benediktiner begibt und im erdbebenzerstörten Norcia beginnt, der Heimat des heiligen Benedikt, des Schutzpatrons Europas. Inmitten des verwüsteten Orts steht hier auf der Piazza seine unversehrte Statue, ein Mann mit langem Bart und weiter Kutte, der den Arm erhebt, als wollte er auf etwas zwischen Himmel und Erde zeigen.

Durch seine Ordensgründung entstand im Mittelalter ein unvorstellbar dichtes europäisches Netz von geistlichen Einrichtungen. Ein Raum, den man durchwandern konnte, von Kloster zu Kloster, von Glockenturm zu Glockenturm. Es wimmelte hier von Männern in schwarzen Kutten, die sich über die Felder beugten, um die Bienenstöcke kümmerten, sich zu den Laudes hinknieten. Sie leisteten gewaltige Arbeit, um den Boden zu festigen und zu bewässern, Wälder und Almen zu pflegen, Olivenbäume und Weinreben zu verbreiten. Benediktiner waren keine Mystiker, sondern praktische Menschen, die fähig waren, Tiere auf eine Weide zu bringen. Sie standen für die Heiligung der Arbeit und ein neues revolutionäres System des Zusammenlebens.


Der Autor als Wutbürger

Paolo Rumiz besucht 15 dieser Orte, in Italien, Deutschland, der Lombardei, Südtirol, Frankreich, der Schweiz, auch Österreich (Göttweig). Er schildert die freundliche Aufnahme in den Klöstern, seine Begegnungen mit den Ordensbrüdern, bewundert die positive Kraft, die von ihnen ausgeht, und beklagt die Gegenwart Europas, das seiner Ansicht nach aufgehört hat, ein Land der Gastlichkeit zu sein. Die Anspielungen auf die Flüchtlingspolitik unter Matteo Salvini sind unübersehbar, Rumiz wird zum Wutbürger, wenn er an Europas Verhalten gegenüber den Migranten denkt.

Man darf sich also keine Kulturgeschichte des Benediktinerordens erwarten, dafür liefert das reflexive Buch zu wenig. Rumiz macht sich eher Gedanken über Gegenwart und Zukunft Europas. Sie sind durchtränkt von Pessimismus. Er sieht die Ordensgemeinschaft als Beispiel für kultiviertes Zusammenleben, menschenwürdige Ökonomie, Respekt gegenüber der Natur und Barmherzigkeit im Umgang mit den Menschen. Die Benediktiner stellen für ihn eine Gegenkultur dar, mit Respekt vor dem Individuum, einem offenen Ohr gegenüber der Gemeinschaft und Übernahme von Verantwortung. Ihr stummer Widerspruch zur herrschenden Ordnung spiegelt die Haltung des Autors wider. Die Wurzeln eines offenen, barmherzigen Europa findet er in den Klöstern der Benediktiner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2020)