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Festspiele Reichenau: "Che" Herz-Kestranek wütet

Festspiele Reichenau HerzKestranek wuetet
Ein Volksfeind(c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
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Eröffnung auf der Bühne des Reichenauer Theaters mit Ibsens "Volksfeind": Helmut Wiesner inszenierte die Revolte im Kurbad und sorgte mit einem feinen Ensemble für vollendete Spannung.

Es plätschert auf der Bühne des Reichenauer Theaters. Katrine Stockmann, Frau des Badearztes Thomas Stockmann, hängt mit Redakteur Billing ihre Füße ins Wasser und flirtet ein bisschen. Überraschend licht und heiter beginnt Ibsens „Volksfeind“. Doch sobald der Bürgermeister auftaucht, verfliegt die gute Laune. Das Wasser des Kurbads ist durch Gerbereien vergiftet. Der Badearzt hat es herausgefunden, der Bürgermeister, sein Bruder, wittert wirtschaftlichen Schaden für die Gemeinde, die vom Tourismus lebt. Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Kampf, fast auf Leben und Tod.

Claus Peymann hatte „Volksfeind“ im Burgtheater inszeniert und auf die FPÖ gezielt. Die Festspiele Reichenau dachten wohl mehr an das Kuranstalt-Stück im Kurort. Die Aufführung ist weniger glamourös als in der Burg, aber richtiger. Sein Leben lang arbeitete sich Ibsen am Establishment seiner norwegischen Heimat ab, aus der er zeitweise ins Ausland floh. Trotzdem bleibt der Dichter gerecht. Gewichtige Argumente legt er beiden Streitparteien im „Volksfeind“ in den Mund. Doch der Text klingt auch altertümlich. Miguel Herz-Kestranek hat ihn bearbeitet, manches wirkt flapsig („Komm Peter, sei locker!“). Die politische Linie aber hat der politische Autor Herz-Kestranek exzellent pointiert getroffen. Und vollends begeistert er als Badearzt: Mit schiefer Mütze wie „Che Guevara“ marschiert er über die Szene, will die Welt verbessern und wird zum Tyrannen. Herz-Kestranek spielt sich selbst – und selbstvergessen seine eigene Karikatur. Nach seinem Schlusswort „Wer ist der stärkste Mann der Welt? Der alleine steht!“ bekam er bei der Premiere Samstag zu Recht den meisten Applaus.

Doch auch dem Feinmechaniker Helmut Wiesner, der inszenierte, gebührt Beachtung. Wie die Augen der Akteure zu zucken beginnen, wenn sie sich aufregen, wie sie sich biegen und wenden in peinlich menschelnder Weise, wie es sich gerade zu ihrem jeweiligen Vorteil empfiehlt, wie sie falsche Töne spucken und sich aufspielen, wie Licht und Schatten auf ihren Gesichtern wechseln vor dem bedrohlichen Horizont der Berge, die in Norwegen sehr ähnlich ausschauen wie in Reichenau (Bühne: Peter Loidolt), das ist schlichtweg großartig.

Der Guckkasten des alten Reichenauer Theaters schluckt im Vergleich zum Neuen Raum oder zum hallenden Südbahnhotel am Semmering viel Emphase. Diesmal aber kommt die vehemente Auseinandersetzung punktgenau über die Rampe, nicht nur gegen Ende der Aufführung, wenn das Publikum bei der politischen Versammlung direkt angesprochen wird. Die Produktion ist wieder einmal allenthalben hervorragend besetzt, das Ensemble spielt mit einer Verve, die man sie in Wien an den großen Bühnen gelegentlich vermisst: Peter Matić ist der Bürgermeister, einer dieser beredten Politiker, die mit Fakten polemisch umzugehen verstehen; Elisabeth Augustin ist die entzückend geplagte Gattin des Badearztes, Elisa Seydel als Tochter schlägt ganz nach ihrem rebellischen Vater; gestrichen wurden die zwei jungen Söhne des Badearztes.

 

Großartig passende Typen

Eduard Wildner und Hans Dieter Knebel (witzig und ganz gemein) geben das frustrierte Redakteursduo, das in Wahrheit nur seine eigenen Interessen im Auge hat und keineswegs das Wohl der Stadt. Wolfgang Pampel ist der wunderbar passende Typ für den Buchdrucker Aslaksen. Rudolf Melichar gibt dem geriebenen Gerbermeister etwas ungewohnt Grandseigneurales. Zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug.

Die Story ist übrigens ziemlich aktuell, vielleicht weniger für Reichenau als für das berühmte Aqua Dome in Tirol, das Kult-Wellnesszentrum. Dort hat sich eine ähnliche Geschichte wie im „Volksfeind“ ereignet, nur mit dem Unterschied, dass die Quelle in den Sechzigern wegen eines Entwässerungsprojekts versiegte. Das Kurhotel wurde abgerissen. In den Achtzigern konnte man dank Tiefbohrungen den Betrieb wieder aufnehmen. Wasser ist, wie Ökologen wissen, das Thema der Zukunft.

AUF EINEN BLICK

Der Norweger Henrik Ibsen (1828–1906)lebte 25 Jahre im Ausland, wo seine wichtigsten Stücke entstanden. „Volksfeind“ (1883) handelt von vergiftetem Wasser in einem Kurort – und von des Dichter-Visionärs Zorn aufs fortschrittsfeindliche Establishment. Die Festspiele gehen weiter mit „Ruhm“ (Kehlmann) – und mit Schnitzler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2010)