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Literatur

Schwarzer Humor als Lichtblick: „Ein Witz für ein Leben“

Mazen Maarouf
Mazen Maarouf(c) Raphael Lucas
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Mazen Maarouf erzählt in Kurzgeschichten mit starkem surrealen Einschlag vom Überleben in einer feindseligen und unberechenbaren Welt.

Mazen Maarouf (geboren 1978) umgibt mehr als ein Hauch des Ungewöhnlichen - sowohl in seiner Biografie als auch in seinen Geschichten. Der ehemalige Chemielehrer, Literat und Pazifist musste 2011 nach Todesdrohungen seine Geburtsstadt Beirut verlassen und landete im Rahmen eines Programms für geflüchtete Künstler an einem Ort, der vom Libanon in jeder Hinsicht sehr weit entfernt scheint: Reykjavik. Dort lebte sich Maarouf allerdings rasch ein, knüpfte enge Kontakte zu heimischen Künstlern und übersetzt mittlerweile aus dem Isländischen ins Arabische.

Einen ähnlich surrealen Einschlag tragen auch seine Kurzgeschichten, für die Mazen Maarouf 2019 auf der Longlist des renommierten Man Booker International Prize landete. Maaroufs grundlegende Frage lautet: Wie überleben Menschen in einer feindseligen und kriegerischen Welt, in der es keinerlei Berechenbarkeit gibt? Die Antwort ist allerdings wesentlich vielschichtiger als es der Titel „Ein Witz für ein Leben“ vermuten lässt. Denn bei Maarouf wird nicht einfach trotzig gegen das Schicksal angelacht, höchstens manchmal wegen der unfreiwilligen Komik, der Humor ist hier dunkelschwarz. Viel eher fächert Maarouf in seine Geschichten die vielfältigen und oft komplett unlogischen Strategien auf, mit denen Menschen sich und ihren Liebsten eine würdige Existenz zu sichern versuchen.

Der Verkauf des Zwillingsbruders

Das beste Beispiel dafür ist die erste Erzählung, nach der die Sammlung auch benannt ist. Wie alle von Maaroufs Geschichten könnte sie an jedem (Bürger-)Kriegsherd der Welt spielen. Ein Bub will seinen tauben Zwillingsbruder an Organhändler verkaufen. Mit dem Erlös möchte er ein Glasauge für seinen sanftmütigen Vater erstehen, das diesen wiederum zu einer hässlichen und damit furchteinflößenden Respektsperson in einer brutalisierten Gesellschaft machen soll. „Ein Witz für ein Leben“ zeigt, wie kompliziert Maarouf seine Figuren um die Ecke denken lässt.

Die Erzählung illustriert auch den für Maarouf typischen feinen Humor, denn schon das erste Anbahnungsgespräch des  Buben mit seinen prospektiven Kunden läuft nicht ganz nach Plan: „Was weißt du Scheißerchen denn über menschliche Organe?“ - „Alles“, log ich. „Alles? Dann zeig mal: Wo ist dein Penis?“ - „Der ist hier im Körper“, sagte ich und legte meine Hand auf die Hüfte, links vom Nabel. Der Bewaffnete prustete los vor Lachen. Tatsächlich hatte ich immer gedacht, dass der Penis des Menschen mit der Niere zu tun habe, aber ich wusste nicht, wo genau er war. Niemand hatte mir gesagt, dass der Penis der Schniepel ist (so nennt ihn Vater), mit dem ich pinkele. 

Warum der Ich-Erzähler letzten Endes nicht dazu kommt, seinen Bruder zu verhökern, teilt Maarouf dem Leser mit der Nonchalance mit, die er sich für die erschreckendsten Ereignisse aufspart und die diese nur noch umso mehr unter die Haut gehen lässt. Erstaunlich ist auch das ökonomische Geschick, mit dem Mazen Maarouf die vielen Wendungen auf kleinstem Erzählraum unterbringt. 

Handeln aus Liebe

Die Figuren in „Ein Witz für ein Leben“ handeln allesamt aus Liebe und Mitgefühl, auch wenn das nicht immer gleich ersichtlich ist. Wie der Mann in „Biskuit“, der seiner Mutter surreale Ereignisse einredet, um sie in einer imaginären Welt voller Kuchen zu verankern und damit vor einer unappetitlichen Realität zu schützen. Oder das junge Ehepaar, dessen reges Sexleben von einem Voyeur verfolgt wird, das darauf aber höchst ungewöhnlich reagiert.

Sex taucht in Maaroufs Geschichten immer wieder auf - gänzlich unromantisch, als existenzieller Gegenentwurf zum täglichen Horror. Aus demselben Grund wird gekocht, gegessen, geträumt - oder es werden Witze erfunden. Allerdings bekommt man im ganzen Buch keinen zu lesen. Das ist auch nicht nötig - das Lachen bleibt einem auch so im Hals stecken.

Neu Erschienen

Mazen Maarouf: Ein Witz für ein Leben. Übersetzt von Larissa Bender, Unionsverlag, 160 Seiten, 20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2020)