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Corona Briefing Tag 6

Tiroler Eigen­verantwortung, Risiko Herden­immunität, Kerns Trainingshose

Clemens Fabry/Die Presse
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Corona und der Ausnahmezustand kennen kein Wochenende. Heutige Erkenntnis: Es gibt eine Selbstverantwortung. Es gibt aber auch eine politische Verantwortung, die im Krisenfall schlagend wird.

Eine einzige Woche hat gereicht, um uns in eine Situation zu versetzen, die es in der 2. Republik noch nie gegeben hat und die wir nur aus dem ersten Drittel eines Katastrophenfilms kennen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bleibt zu Hause, um soziale Kontakte und damit mögliche Ansteckungen zu verhindern. Erste vorsichtige Zeichen, dass die Übung die Zahl neuer Fälle drosseln könnte, gibt es zwar, eine Erfolgsmeldung ist das aber noch lange nicht. Mehr Gewissheit wird es frühestens nächste Woche geben, bis Ostermontag bleiben die Ausgangsbeschränkungen aufrecht. Der Wetterumsturz, also das schlechte Wetter, helfen an diesem Wochenende. In Tirol schaut die Lage schlechter aus, die Maßnahmen sind dort daher auch härter.

Landeshauptmann Günther Platter sprach rund um die Vorgänge und Versäumnisse um die Massen-Infizierung in Ischgl und St. Anton von der Eigenverantwortung der einzelnen Touristen, die sich nicht schnell genug auf den Weg aus Tirol in ihre Heimatländer gemacht oder sich eventuell nicht in Selbstquarantäne begeben hätte. Stimmt, es gibt eine Selbstverantwortung. Es gibt aber auch eine politische Verantwortung, die im Krisenfall schlagend wird. Einer der Lehren dieser Wochen wird eventuell das künftige Wahlverhalten sein, das sich hoffentlich mehr an der Frage entscheidet, wie krisenfest ein Politiker ist, denn ob sie oder er zum schönen Wetter passt. Aber Platters Forderung nach Eigenverantwortung ist schon richtig. Wo war denn die Verantwortung jener Sportmediziner, die noch in Zürs Ski fuhren, als ihr Kongress endlich abgesagt wurde, der erst hätte gar nicht stattfinden dürfen. Anfang März war in der medialen Berichterstattung Corona bereits bestimmendes Thema: Wer da noch auf die Pisten und zum Alkohol-Aprés-Ski drängte, nahm bewusst ein Risiko in Kauf. Ich habe einen (dann ohnehin abgesagten) Mediengipfel am Arlberg vorher gecancelt, ohne den wahren Grund zu nennen. Ich wollte nicht feig klingen. War auch nicht voll verantwortlich.

Ähnliches gilt übrigens für Hunderte Touristen, die zu dieser Zeit und noch später ins Flugzeug stiegen, um an den nächsten oder weit entfernten Strand zu fliegen. Das ist jederfrau oder jedermanns gutes Recht. Schwierig wird es, wenn es dieselben Touristen nun als Selbstverständlichkeit sehen, dass sie das Außenministerium mit den letzten AUA-Flügen (oder anderen noch aktiven Linien) nach Hause holt. Und wie man hört, gibt es manche, die da in Thailand und Hurghada noch nachgefragt haben, ob es vielleicht doch noch einen späteren, letzten Flug zurück ins abgeschottete Österreich gäbe... Bisher wurden rund 2500 Urlauber nach Hause geholt.

Politisch gibt es ein interessantes Phänomen zu beobachten: Zwischen der Bundesregierung und der Stadt Wien knirscht es für die Öffentlichkeit fast unhörbar, aber hinter den Kulissen dennoch gewaltig. Da prallen in jeder Hinsicht zwei Welten aufeinander, die einander offiziell im Schulterschluss verbunden sind, aber im Herbst wohl bei Wiener Wahlen aufeinandertreffen. Nicht wenige in der Wiener Stadtregierung wollten die totale Schließung von Einzelhandel und Gastronomie ein paar Monate vor der Wahl verhindern. (Zu?) stark war die Angst vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch Wiens und das Vertrauen in das Wiener Gesundheitssystem. Immer wieder wird auch in Wien – vor allem weiter rechts, aber auch links der Mitte – das Argument der Herdenimmunität gebraucht: Die Bevölkerung möge sich doch schnell mit dem Virus anstecken, ab einer Prozentrate der Durchseuchung zwischen 50 bis 70 Prozent hungert das Virus aus, weil der Ansteckungskreislauf durchbrochen ist. Alleine: Am schnellen Weg dorthin, also ohne wirtschaftlichen Teil-Shutdown, könnte es ähnlich wie in Italien Tausende Tote geben, weil das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt und auch nicht lebensbedrohlich Erkrankte nicht mehr adäquat medizinisch behandelt werden könnten. Das wäre das eigentliche große gefährliche Experiment, das nun so viele in drei Wochen mit geschlossenen Schulen und verbotener Zerstreuung erkennen wollen. Die gegenteilige Methode, die die österreichische Regierung gewählt hat, hat aber einen kleinen politischen Schönheitsfehler: So sie wie erhofft erfolgreich ist, wird das die Gegner der Maßnahmen nicht abhalten können, weiter zu behaupten, die Maßnahmen wären gar nicht notwendig gewesen. Ihr „Experiment“ wurde ja nicht durchgeführt und somit nicht falsifiziert. Das ist eine intellektuell sehr bequeme Position.

Viele wollen einmal mehr den Wirtschaftsliberalismus als Ursache für Virus und die aktuelle Krise erkennen, die Marktwirtschaft trägt bekanntlich seit Jahrzehnten an allem Unglück die Schuld. Nur: Neoliberal wäre eigentlich das darwinistische Modell „Herdenimmunität-Jetzt!“, die vielleicht wesentlich teurere Angst vor Todesfällen, vor allem von vielen Älteren, ist eigentlich das Gegenteil. Die weite Mehrheit in Europa entscheidet sich dagegen. Das nur als Hinweis für die nächsten Neoliberaler-Siegeszug-Diskussionen.

Bevor es jetzt nur noch ernst wird, sei eine kulturpessimistische Beobachtung geteilt, die harmlos ist, aber doch schmerzt: Die Trainingshose hat dank Home-Office und Ausgangsbeschränkungen endgültig gesiegt. Sie ist nicht mehr wegzudenken und lugt in jeder Videokonferenz und jedem Supermarkt hervor. In den sozialen Medien kursiert sogar ein Instagram-Bild von Christian Kern mit Trainingshose auf seiner Seeterrasse mit Laptop. (Finde ich übrigens wirklich gut, dass sich der SPÖ-Chef endlich selbstironisch frei von Eitelkeit zeigt!) Schon zuvor hatten mehrere Herren-Marken übrigens klassische Business-Anzüge angeboten, deren Hosen mit Schnur und Trainings-Saum gebunden waren. Für Weltverschwörer eigentlich ein gefundenes Fressen: Hugo Boss und Co bieten in allen Flughafen-Shops weltweit die ideale Ausstattung für das Home-Office an? Zufällig in den Wochen vor dem Corona-Ausbruch? Die Frage wird man schon noch stellen dürfen?

Corona und der Ausnahmezustand kennen kein Wochenende, daher melde ich mich morgen wieder und gehe der Frage nach, was Pamela Rendi-Wagner in der Krise macht. Und werde ein paar exquisiten Beschimpfungen auf Twitter und in Mails wegen meiner jüngsten Texte teilen.

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