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Am Herd

Nie war der Frühling so kostbar wie jetzt

Am Donaukanal ist der Frühling ausgebrochen, und nie war er so kostbar wie jetzt. So üppig leuchtet der Goldflieder, so zart rosa die wilde Kirsche, das Gras zeigt sein frischestes Grün.

Freitag, 9 Uhr. Die Sonne scheint, als wäre gar nix passiert, ich sperre das Fahrrad auf, wie immer, und doch ist alles anders. Keine Kisten voller lila glänzender Melanzani und rot schimmernder Granatäpfel stehen im Hof, kein Müllkübel quillt über, das Restaurant im Erdgeschoß hat zugesperrt. Auf der Straße herrscht eine trügerische Ruhe. Niemand hetzt, keiner hastet. Hier bückt sich ein alter Mann, um den Kot seines Hundes aufzusammeln, da drüben steht eine Mutter mit ihrem Sohn im Hauseingang und kramt nach dem Schlüssel. Das war's. Als wären alle auf Urlaub gefahren, hinaus in die Welt oder zumindest an einen See. Aber das stimmt nicht. Sie sind hier, versteckt hinter den Fenstern, die zur Gasse schauen. Was sie wohl machen? Schlafen sie noch? Sitzen in Pyjamas an ihren Computern? Spielen mit den Kindern UNO?

Ich bin froh, dass ich arbeiten darf. Dass ich einen guten Grund habe, heute um neun Uhr durch die Stadt zu radeln, an alten Häusern vorbei, auf deren Fassaden der Morgen sein sanftes Licht wirft, am Donaukanal entlang. Dort ist der Frühling ausgebrochen, und nie war er so kostbar wie jetzt. So üppig leuchtet der Goldflieder, so zart rosa die wilde Kirsche, das Gras zeigt sein frischestes Grün. Löwenzahn. Gänseblümchen. Aber wie heißt dieses weiß blühende Bäumchen, wie der Strauch, der grüne Kätzchen trägt? Ich kenne ihre Namen nicht, zum ersten Mal plagt mich deshalb das Gefühl, etwas versäumt zu haben: Wer weiß, sieht mehr. Und ich möchte alles sehen.


Ein einsamer Jogger. Träge strömt der Fluss vor sich hin, eine Ente hebt sich behäbig aus dem Wasser. Schschsch, macht der Wind in meinen Ohren, ein Vogel tschilpt. Hin und wieder überhole ich einen einsamen Jogger, manchmal kommt mir ein Radfahrer entgegen, wir lächeln uns zu, verschwörerisch, aber was soll das denn für eine Verschwörung sein? Jedenfalls tut das gut: ein Gruß. Eine freundliche Geste. Die Polizei, die am Nachmittag die Menschen von den Bänken vertreiben und mit Megafon dazu auffordern wird, Abstand voneinander zu halten, ist noch guter Dinge: Ein Streifenwagen fährt extra ein paar Meter zurück, damit ich genügend Abstand zu einem Fußgänger halten kann, der Fahrer tippt lässig mit zwei Fingern an ein imaginäres Kapperl.

Dieser Frühling wird vorübergehen, ohne dass ich im Burggarten unter Blüten gelegen und gelesen hätte, ohne verplauderte Abende im Schanigarten, ohne einen Ausflug in die Wachau. Wie lang dürfen wir wohl noch spazieren gehen?

Als ich das Großraumbüro betrete, sage ich laut Hallo. Das mache ich immer, das habe ich mir noch nicht abgewöhnt. Aber natürlich kann mich keiner hören, und da ist auch niemand.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2020)