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Corona Briefing Tag 7

Masken, die den Ärzten fehlen, ein Bundeslabor, das es gar nicht gibt, eine SPÖ-Chefin, die eigentlich Pandemie-Expertin wäre

"Presse"_Chefredakteur Rainer Nowak telefoniert mit Pamela Rendi-Wagner
"Presse"_Chefredakteur Rainer Nowak telefoniert mit Pamela Rendi-WagnerAPA/GEORG HOCHMUTH
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Die Ausgangsbeschränkungen, die massiven Veränderungen in unserem gesellschaftlichen System scheinen bereits mancher Nerven zu strapazieren. Zumindest habe ich in den vergangenen Stunden diesen Eindruck bekommen – „gewonnen“ wäre eine falsche Formulierung.

Darf ich es vorsichtig formulieren: Die Ausgangsbeschränkungen, die massiven Veränderungen in unserem gesellschaftlichen System scheinen bereits mancher Nerven zu strapazieren. Zumindest habe ich in den vergangenen Stunden diesen Eindruck bekommen – „gewonnen“ wäre eine falsche Formulierung. Wir müssen eine ganz massive Welle an Gerüchten und Falschmeldungen – „Fake News“ klingen längst wie Donald Trumps Lieblingsillustrierte – lesen und absorbieren. In Videos tauchen etwa Ärzte mit lustigen CVs „Schiffsarzt“ inklusive auf, die einmal mehr erzählen, dass jede Grippe viel gefährlicher als das Coronavirus sei. Andere berichten, dass Norditalien eigentlich fast ausschließlich von älteren lungenkranken Großvätern bewohnt wäre, de facto keine Spitalsversorgung aufweise und daher... Genau.

Ernster klingt da schon der Appell von Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres via Facebook: „Die Ärztekammer versucht seit acht Tagen Schutzausrüstung für Gesundheitsberufe zu bekommen. Es klappt schlicht nicht. Wir haben jetzt zu wenig Masken etc. und wenn die Krankheit ihren Peak hat, reicht es gar nicht mehr aus. Teilweise werden sogar normale OP Masken knapp. Dies betrifft den niedergelassenen Bereich und die Spitäler. Wenn sie auch zu wenig Schutzausrüstung haben, posten Sie bitte auf Facebook, dass sie ohne entsprechenden Schutz hochinfektiöse Patienten behandeln müssen. Es geht nicht nur um den Selbstschutz, sondern auch darum, dass man viele Patienten in kurzer Zeit ansteckt und damit die ganze Quarantäne konterkariert. Aus China weiß man, dass ungeschütztes Gesundheitspersonal wesentlich zur Ausbreitung der Krankheit beigetragen hat. Sollten sie Journalisten oder Politiker in ihrem Bekanntenkreis haben, sensibilisieren diese unbedingt sobald als möglich. Es läuft die Zeit davon, da die USA in großem Stil auf dem Weltmarkt einkaufen und Schutzausrüstung wird demnächst weltweit nicht mehr erhältlich sein.“

Das klingt beunruhigend. Kurz nachdem der Präsident das veröffentlichte, schrieb uns ein gewisser Günther Pilz einer Firma namens „Premium“ (Deutschland) ein Mail folgenden Inhalts: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die Story von Herrn Szekeres vorne bis hinten nicht stimmt. Wir haben der Ärztekammer als auch dem KAV zig Millionen Masken, Schutzausrüstung, Sanatizer, usw. angeboten und könnten bereits kommende Woche mit der Auslieferung starten -  jedoch hat dort niemand Interesse zu bestellen - wir haben hier seitenweisen Schriftverkehr.“ Nun, das Unternehmen stellt T-Shirts und Arbeitsbekleidung her. Und Fußballdressen. Es könnte eventuell am Preis gelegen haben. Denn für Masken und Schutzkleidung werden derzeit unglaubliche verlangt…

Eine kleine Falschmeldung, oder besser: ein Gerücht machte am Samstag auch die Runde: In Österreich könnte überhaupt nicht mehr Corona-getestet werden, da das Bundeslabor zusammengebrochen sei. Allein: Es gibt kein Bundeslabor. Kleiner Kern des Gerüchts waren zeitliche Schwierigkeiten mit dem mobilen Ärztedienst in Wien, der die Proben übernimmt. Ein Satz zu den Tests: Stimmt, wir haben zu wenige davon, es werden zu wenige durchgeführt. Im Krisenstab, zwischen Experten und Regierung gab es viele Diskussionen, ob man dieselben leichter erhältlichen Schnell-Tests wie in mehreren asiatischen Ländern verwenden soll. Ihr Nachteil: eine Ungenauigkeit von je nach Schätzung bis rund 20 Prozent. Die Experten sagten nein, die Politiker hielten sich daran. Bisher.

Kritik gab es von Lesern an meinem samstäglichen Mail: Das Argument, die Gegner des Shutdowns könnten bei Erfolg desselben immer behaupten, es hätte auch ohne harter Aktion nicht viele Tote gegeben, gilt auch umgekehrt. Die Regierung kann immer sagen, sie hätten mit ihrem Handeln Zehntausende Leben gerettet. So nicht in einem Land vergleichbarer Größe so viele Menschen an Corona sterben, werden wir nie 100prozentig wissen, ob nicht alles maßlos übertrieben war. Es waren auch noch ein paar unfreundlichere Argumente in dem Leser-Mail, aber das ist in diesen Tagen so. Auf Twitter beschied mir ein Mensch nach einem TV-Corona-Auftritt, ich sei ein aufgeblasener Dödel. Ich kannte den Begriff nicht, es heißt so viel wie Trottel und in Hamburg offenbar Geschlechtsteil, also männlich.

Hübsch war auch die Reaktion auf meine Beschreibung des Lobs am Krisenmanagement von Sebastian Kurz (aus der Süddeutschen): Ich würde jetzt schon andere Journalisten „heranziehen“, um Kurz` Speichel zu lecken, so die wörtliche Formulierung eines Herren. Ich fürchte, er überschätzt erstens meine Macht und das zweite wäre in Corona-Zeiten nicht vernünftig.

Wie angekündigt durfte ich dann mit Pamela Rendi-Wagner telefonieren, mit der ich aus einem sonderbaren Zufall heraus fast immer nur am Samstagnachmittag spreche: Dass der Rücklauf ihrer Mitgliederbefragung in der SPÖ sehr gut laufe, hätte ich in der Wiener SPÖ gehört. Sie nicht. Aber sie werde Christian Deutsch fragen. (Wenn es so wäre, würde sie es mir natürlich nicht einfach so am Telefon sagen…). Auch Rendi-Wagner, die ohne Wechsel in die Politik unter Christian Kern heute wohl für das Krisenmanagement im Gesundheitsressort verantwortlich wäre, sieht den Mangel an Schutzmasken und -kleidung als derzeit zentrales Problem in den Spitälern und bei Ärzten. Kritik an der Corona-Strategie der Regierung kommt ihr nicht über die Lippen. Nur so viel: Dass viele Maßnahmen nicht zentral, sondern föderal geregelt werden, hält sie für einen schweren Fehler, der nach der Krise beseitigt werden sollte. Und es sei ein schweres Defizit, dass es keine einheitlichen Pandemie-Notpläne bis hinunter in Spitäler und zu den Ärzten gäbe.

Was medial fast untergegangen ist: Am Freitag wäre fast der gesamte Nationalrat in Quarantäne geschickt worden, weil sich ein Abgeordneter mit Corona angesteckt hatte. Demnach wäre die legislative Macht des Landes für die Zeit an einen durch den Hauptausschuss gebildeten eigenen Ausschuss gegangen. In diesem sitzen einige wenige Abgeordnete aller Parteien, theoretisch sogar mit der Lizenz zur Verfassungsänderung mit zwei Drittel. In der Präsidiale wurde dieses Designated-Survivor-Modell diskutiert, aber auch auf Druck der Opposition verworfen. Stattdessen wurden nur die Mandatare getestet und in Quarantäne geschickt, die direkten Kontakt mit dem Corona-Mandatar hatten. Sie waren negativ.

Eigentlich wollte ich noch etwas sonntäglich Leichtes schreiben, aber der Exkurs über das Home-Office-Verhalten von befreundeten berufstätigen Paaren passt vielleicht besser zum Montag: „Ich wusste gar nicht, dass du so unangenehm bossy mit deinen Kollegen bist!“ „Bin ich nicht, aber ich moderiere auch nicht immer nur wie du!“ Beziehungsweise: „Das machst du wirklich den ganzen Tag?“ Und meine Bitte bei den Konferenz-Calls sorgsamer und vorsichtiger mit den Mikrofonen umzugehen.

 

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