Schnellauswahl
Gastbeitrag

Überall sind die Menschen jetzt in Isolation

(c) Peter Kufner
  • Drucken
  • Kommentieren

Trumps Politik der Spaltung wirkt in der Coronakrise noch rückschrittlicher als sonst. Dieses Virus hat keine Hautfarbe und trifft alle.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare“

US-Präsident Donald Trump ist über Nacht vom Corona-Pandemie-Leugner („Hoax“) zu einem glühenden Kämpfer gegen das Virus („Wartime President“) geworden. Es ist Wahlkampfzeit, im November tritt Trump zur Wiederwahl an. Ob er erfolgreich sein wird, hängt nun nur davon ab, ob er die Krise meistert, die er bis vor Kurzem kleingeredet hat.

Über alle Bildschirme des Landes flackert sein Konterfei und wann immer es auftaucht, fürchten die, die es sehen, dass die Krise noch schlimmer geworden ist. San Francisco ist bereits im so genannten „Shelter-in-Place“-Modus, was bedeutet, dass die Menschen zu hause bleiben müssen. In New York ist es noch nicht ganz so weit, vor allem, weil der Oberbürgermeister der Metropole, Bill de Blasio, im Streit mit dem Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, liegt, wer denn eigentlich die Macht habe, die Stadt dicht zu machen. Angesichts von stetig steigenden Infektionszahlen ist dieses Gehabe ungeheuerlich und unverantwortlich.

 

Die Krise lange kleingeredet

Mittlerweile sind auch die Grenzen zu Kanada und Mexiko dicht und Menschen versuchen panisch, zurück nach Hause zu kommen. Etliche stranden dabei und berichten in den sozialen Netzwerken von ihrer Odyssee. Die Colleges im Land haben bereits zu gemacht und ihre Studierenden gebeten, nach Hause zurück zu kehren. Noch kann man innerhalb der USA fliegen, aber für die ausländischen Studierenden ist das nicht mehr möglich. Wie lange diese Situation andauern wird, ist unklar. Die einen sagen bis weit in den Sommer, andere hoffen, dass wärmere Frühlingstemperaturen den Virus eindämmen.

Ein Hauptgrund des Präsidenten, die Krise klein zu reden, war die Wirtschaft. Wenn sie in einem Wahljahr baden geht, dann kann der Amtsinhaber, egal wie er heißt oder zu welcher Partei sie gehört, einpacken. Das Weiße Haus und der Kongress haben sich nun auf ein umfassendes Programm zur Stabilisierung der Wirtschaft geeinigt. Darunter sind auch bezahlte Krankheitstage. In normalen Zeiten und in einem Land, das acht Jahre unter Präsident Obama erbittert über eine Krankenkasse für alle gestritten hat, markiert dieses Hilfspaket eine Zeitenwende. Diskutiert wird darüber noch, ob alle US-Amerikaner eine einmalige Zahlung von tausend Dollar erhalten, um schnell und unbürokratisch die Härten, die durch ihren Verdienstausfall entstehen, auszugleichen.

Erwartet werden reihenweise Pleiten: Restaurants, Bars, Clubs, Geschäfte. Für etliche Betreiber und Einzelhändler liegt die Miete in den Metropolen schnell bei mehreren zehntausend Dollar. Wenn der Umsatz auch nur einen Monat ausbleibt, gehen die Lichter für immer aus. Auch aus sind die Lichter am Broadway: hier werden viele Musiker und Darsteller finanziell hart getroffen.

Das Bestreben des politischen Betriebes, die Folgen von Covid-19 zu gut als möglich abzufedern, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Donald Trump auch in dieser Situation versucht, die Gesellschaft zu spalten. So nennt er Covid-19 das „chinesische Virus“. Die Hasskriminalität gegen Ostasiaten in den USA hat zugenommen. Trump nimmt das in Kauf, um von seinen Versäumnissen abzulenken. Dieses Virus hat keine Nation, Hautfarbe, Sprache oder Religion. Es taugt deshalb nicht, die Menschen zu spalten.

 

Trump's „chinesisches Virus“

Das Gegenteil ist vielmehr wahr: noch selten zuvor war sich die Menschheitsfamilie so nahe wie in diesem Augenblick: in der Mongolei und in Taiwan, von Indien über Nepal, in Ägypten und El Salvador, überall sind die Menschen in Isolation. Die Erfahrung dieser Vereinzelung verbindet, umso mehr in diesem Moment, wo der Menschheit die Öffentlichkeit verloren gegangen ist.

Die leergefegten Straßen und Promenaden erzeugen ein unheimliches Gefühl: „Wo sind denn alle?“ Menschen leben durch die Selbstvergewisserung im Spiegel der anderen. Solcher, die wir kennen, und derer, die wir nicht kennen. Unzählige Streifen haben Nervenkitzel dadurch erzeugt, dass auf einmal, über Nacht, die Menschheit nicht mehr da war. Nur einige wenige überleben und streifen durch die menschenleeren Gassen. „Was ist der Mensch noch, ohne die anderen?“

Doch es ist nicht nur der Selbststand, den wir im Moment in Ermangelung echter zwischenmenschlicher Kontakte verlieren. Uns fehlen auch die Orte dieser Begegnung: wenn vom Wirts- bis zum Gotteshaus alles verschlossen ist, dann kann sich der Mensch nicht in die Gemeinschaft und ihre Normalität, von der ein großes Stück durch die gewohnte Umgebung gespendet wird, flüchten. In dieser miserablen Situation heißt die Antwort auf die Frage „wo sind denn alle“ nicht „zu Hause“, sondern „nirgends“.

 

Es droht auch spirituelle Krise

Deswegen droht uns vermutlich neben der Pandemie und der Wirtschafts- und Finanzkrise, noch eine spirituelle Krise. Alleine zu Hause sein und dort endlich einmal das eine gute Buch, das man schon lange in die Hand nehmen wollte, lesen, oder auf Netflix die Serie schauen, für die einem die Zeit gefehlt hat, kann nicht die Antwort auf die Isolation und die radikale Erfahrung der Vereinzelung sein. Denn am Ende, wir wissen es alle, ist diese Isolation nicht selbst gewählt. Deshalb fällt ja auch etlichen diese soziale Distanzierung so schwer, weil wir dafür nicht gemacht sind.

Zu allererst ist es daher unumgänglich, sich damit zu beschäftigen, was exponentiell im Zusammengang mit dem Ausbruch einer Pandemie bedeutet. Es ist so wie mit dem Wählen gehen: der einzelne mag sagen, dass seine Stimme nicht ins Gewicht fällt. Das sagen zur selben Zeit aber Tausende mit ihm (die er nicht kennt und die er nicht sieht). So muss sich jeder, der jetzt das Haus verlässt, vor Augen führen, dass es ihm in diesem Moment viele Menschen gleich tun.

Im Prinzip müssen sich nun Millionen von Menschen Hals über Kopf die klösterliche Haltung der Askese zu eigen machen. Wir bleiben nämlich nicht zu hause, weil uns das gefällt, sondern, weil wir dadurch verhindern, dass sich andere Menschen durch uns anstecken. Wir verzichten auf etwas für ein höheres allgemeines Gut.

Wir sind in unserer Entscheidung, in die soziale Distanzierung zu gehen, miteinander verbunden. Jeder und jede möchte gerne das Leben wie gewohnt weiterführen. Wir müssen uns das versagen, als eine gemeinschaftliche Anstrengung, als unser aller Leistung. Wenn uns das gelingt, dann kommen wir heil aus dieser spirituellen Krise und unser Miteinander wird nach der Krise ein anderes sein. Es wird respektvoller zugehen, wir werden emphatischer!

Denn in diesem Moment der Geschichte verstehen wir, was die Menschen überall auf der Welt fühlen, gleich welche Religion sie haben, wen sie lieben, welchen Sportverein sie lieben und welche Genussmittel sie verköstigen. Es ist eine Menschheitserfahrung, die uns hoffentlich zu besseren Menschen macht.

 

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Alexander Görlach (*1976 in Ludwigshafen) war Gründer und Chefredakteur des Magazins „The European“. Derzeit: Alexander Görlach ist Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs in New York. Zuletzt erschien von ihm im Herder Verlag: „Homo Empathicus. Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2020)