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Brüsseler Corona-Tage

Beschränkter Ausgang für die Belgier: Geht so etwas überhaupt? Das Herzogtum Burgund mag zwar 1477 mit der Vernichtung Karls des Kühnen vor Nancy zugrunde gegangen sein.

Doch die gesellig-opulente Lebenslust ist den Bewohnern dieses Landes derart eigen geworden, dass man aus den calvinistischen Niederlanden gern herablassend über die „Burgunder“ da unten ätzt. Eine Eigenschaft übrigens, die alle drei Sprachgruppen eint: Wenn es ums gute Essen und Trinken und Feiern geht, trennt kein Blatt Flamen, Wallonen und Deutschsprachige. Doch dieser Volkssport hat seit einer Woche Pause.

Die Regierung verfügte strenge Ausgangsbeschränkungen, wie sie nach und nach in ganz Europa zur Regel werden. Zum Luftschnappen darf man ins Freie, aber nur mit Mitbewohnern oder höchstens einem Freund, aber mit einem Meter fünfzig Distanz zu diesem. Erstaunlicherweise halten sich die Belgier ziemlich brav an diese Vorschriften, die von Polizeipatrouillen (sogar via Drohne) per Lautsprecher durchgegeben werden. Mittlerweile sehen die Niederländer ziemlich unreif aus: Die belgische Polizei musste dieser Tage sämtliche Grenzübergänge sperren, weil niederländische Deppengruppen trotz der hinlänglich bekannten Lage noch immer der Ansicht waren, zum Feiern in belgische Ferienhäuser fahren zu müssen.

In meinem nunmehr ein wenig eremitischen Brüsseler Alltag, der abseits von sozial distanzierter Kindesbespaßung in Park und Wald sowie raren Lebensmitteleinkäufen in der Wohnung stattfindet, fallen mir einige erfreuliche Kollateraleffekte der sonst schlimmen Lage auf. Der Bois de la Cambre zum Beispiel, das große Naherholungsgebiet, hat ohne die üblichen Autokolonnen wirklich das Zeug, so eine Perle wie der New Yorker Central Park zu werden. Ob die belgischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wirken, wird man erst am kommenden Wochenende ermessen können. Am Sonntag und Montag gab es erste zarte Anzeichen der Hoffnung: Beide Male gab es, im Tagesvergleich, weniger neue Einlieferungen in die Krankenhäuser und Aufnahmen in die Intensivstationen.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2020)