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"Die Menschen sind komisch"

"Presse"-Redakteurin Judith Hecht im Gespräch mit John Malkovich im Wiener Konzerthaus - bevor die strengen Maßnahmen zur Corona-Krise in Kraft gesetzt wurden.
"Presse"-Redakteurin Judith Hecht im Gespräch mit John Malkovich im Wiener Konzerthaus - bevor die strengen Maßnahmen zur Corona-Krise in Kraft gesetzt wurden.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Er habe sich nie bewusst dafür entschieden, Schauspieler zu werden, sagt der US-amerikanische Schauspieler John Malkovich. Vor allem habe er eines gehabt: Glück. Dennoch ist er „nicht zufrieden“. Und was es heißt, stolz zu sein, weiß er nicht.

John Malkovich: (kommt in das Buffet des Konzerthauses) Wir schütteln uns bitte nicht die Hände in diesen Zeiten.
„Die Presse": Nein, das tun wir nicht.
(Nimmt Platz) Beginnen wir.

Beginnen wir. Ihre Mutter sagte über Sie, Sie seien schon als Kind ein „plodder“, ein Arbeitstier gewesen. Meinte sie damit, dass Sie ehrgeizig sind und sehr hart arbeiten?
Nein. Ein „plodder ist jemand, der sehr hart arbeiten muss.

Weil ihm nichts leicht von der Hand geht?
Vielleicht auch das. Sie hatte aber eher ein Arbeitspferd vor Augen, das ganz langsam vor sich her trabt, aber konstant weiterkommt.

Ich weiß überhaupt nicht, was „stolz sein“ heißt. Und zufrieden bin ich auch nicht.

1978 haben Sie Ihren ersten Film gedreht. Bis heute sind es über 100 geworden. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat es quasi kein Jahr gegeben, in dem nicht mindestens zwei, drei Filme mit Ihnen herauskamen.
Ja, und ich habe noch viel mehr gemacht, Theater gespielt, Regie geführt, Lesungen gehalten, Mode entworfen. Filme sind nur ein sehr kleiner Teil meines Wirkens.

Was hat Sie all die Jahre angetrieben, was treibt Sie heute an?
Die Arbeit an sich. Sie macht mir Spaß und ich genieße sie. Ich glaube, sehr viele Menschen mögen Arbeit nicht, nicht einmal die Arbeit, die sie sich ausgesucht haben oder was daraus in all den Jahren geworden ist. Aber das Problem habe ich nicht.

Wirklich nicht? Die Filmindustrie hat sich in den vergangenen Jahren doch auch sehr verändert.
Ja, sehr! Filme werden heute ganz anders vertrieben als früher, und das hat das Filmbusiness fundamental verändert. Als ich ein Kind war, sagte man: „Jetzt kommt dieser Film heraus.“ Und wenn man ihn nicht verpassen wollte, musste man bald ins Kino gehen. Sonst hatte man keine Gelegenheit ihn so bald wieder zu sehen. Dann kamen VHS-Kassetten, dann DVDs und jetzt gibt es Streaming. Jetzt gibt es also keinen Impetus, sich einen Film sofort anzuschauen, weil man sich ihn ohnehin immer anschauen kann. Mich würde es auch nicht wundern, wenn es in einigen Jahren überhaupt keine Kinos mehr gibt.

Das ist nur eine Seite des Wandels in Ihrer Branche. Der Zeitdruck hat auch stark zugenommen, alles muss blitzschnell gehen.
Auch das. Als ich 30 Jahre alt war, dauerten die Dreharbeiten für einen Film gut drei, vier Monate. Heute wären es für den selben Film gerade mal drei Wochen. Das ist natürlich nicht sehr vergnüglich, aber es entspricht unserem jetzigen Wirtschaftsmodell, das mir nicht besonders gefällt. Aber so ist es einfach. Ich kann dagegen nichts tun. Dennoch: Es betrifft mich nicht sehr, weil ich so viele andere Dinge tue. Wenn es gerade keinen Kinofilm zu machen gibt, ist mir das auch recht. Dann drehe ich fürs Fernsehen oder inszeniere eine Oper.

Hätten Sie nicht so viele Optionen gehabt, wären Sie vielleicht heute kein Schauspieler mehr?
Sehr gut möglich. Vergessen Sie nicht, enorm viele Schauspieler waren und sind arbeitslos.

Viele Jahre lang habe ich mit dem Theaterspielen kein Geld verdient. Ich machte andere Jobs und spielte am Abend Theater.

Davor hatten Sie nie Angst, als Sie sich für den Beruf entschieden?
Das habe ich nie wirklich getan. Wir hatten unsere Theatergruppe „Steppenwolf Theater“ sechs Jahre lang, bevor wir einmal ein Stück in New York aufführen konnten. Hätte das Stück dort keinen Erfolg gehabt, hätten wir wahrscheinlich nicht weiter gemacht und ich wäre heute kein Schauspieler mehr. Viele Jahre lang habe ich mit dem Theaterspielen kein Geld verdient. Ich machte andere Jobs und spielte am Abend Theater. Erst als ich 30 wurde, konnte ich davon mehr schlecht als recht leben.

Viel zu verdienen, war ihnen kein Anliegen?
Aber nein. Hören Sie zu: Man verdient Geld und man verliert es genauso schnell wieder. (Anm.: Malkovich verlor fast sein gesamtes Vermögen, weil er es dem Finanzbetrüger Bernie Madoff anvertraute.) So ist das Leben. Ich habe nie etwas gemacht, um damit viel Geld zu verdienen, sondern um der Arbeit Willen. Natürlich musste ich Geld verdienen, um meine Familie zu versorgen und die Miete zu zahlen. Aber ich habe nie etwas gemacht, um viel Geld zu verdienen, sondern um der Arbeit selbst Willen. Das hat sich über all die Jahre auch nie geändert. (Pause) Ich hatte besonders viel Glück im Leben.

Kokettieren Sie jetzt oder sind Sie wirklich so bescheiden? Schließlich waren sie ja auch ein „plodder“.
Ich bin nicht bescheiden, ich bin realistisch. Wie Shakespeare in „Was ihr wollt“ Malvolio sagen lässt: „This but fortune; all is fortune.“ (Dies ist aber Glück. Alles ist Glück.)

In der neuen Fernsehserie „The New Pope“ spielen Sie Johannes Paul III. Es hat mich überrascht, dass Menschen Ihnen bei den Dreharbeiten in Rom baten, ihre Babys entgegenhielten und sie baten, diese zu segnen. Warum taten sie das?
Wenn ich das wüsste. Menschen sind schon komisch. Vielleicht haben Sie mich mit Papst Franziskus verwechselt. Vielleicht aber auch nicht.

Es ist interessant, wenn ein Atheist den Papst spielt. Und als solchen bezeichnen Sie sich ja.
Ja, das tue ich.

Sind sie ein zufriedener Atheist?
Ja, ich bin sehr zufrieden.

Ich nehme mal an, der Papst glaubt an Gott. Wobei, explizit sagt er das nie.

Ob es Gott gibt oder auch mehrere, hat Sie nie beschäftigt?
Doch, ich habe ja schließlich den Papst gespielt. Ich nehme mal an, er glaubt an Gott. Wobei, explizit sagt er das nie.

Ich bin mir nicht sicher, dass jeder Papst wirklich an Gott geglaubt hat.
Das bin ich mir auch nicht. Aber ich habe einmal einen Pfarrer in Clint Eastwoods Film „Der fremde Sohn“ gespielt, der war gläubig. Und an der Uni Jesus, ihm würde ich auch unterstellen, an Gott geglaubt zu haben. Ich kann mir also vorstellen, wie es ist, wenn jemand an Gott glaubt. Aber ich selbst habe mir nie die Glaubensfrage gestellt. Aber vielleicht kommt das noch.

Und warum Sie hier sind, auch nicht?
Das mag jetzt sehr zynisch klingen: Wenn wir akzeptieren, dass die Sonne einmal zu scheinen aufhört, egal, was wir tun, welchen möglichen Sinn sollte dann unser Leben haben? Am Abend Mozart oder jemanden anderen im Konzerthaus aufzuführen, das ergibt für mich Sinn, denn dabei geht es darum, Schönes zu sehen und zu kreieren. Und glauben Sie mir, das ist gar nicht so leicht.

Wenn Sie auch nicht an ein Leben nach dem Tode glauben, wird dann jeder Tag Ihres irdischen Lebens umso bedeutsamer?
Selbstverständlich. „We may never pass this way again.” (Anm.: Lied des Rock-Duos Seals & Crofts, 1973). „Mach das Beste daraus“, das ist meine Devise, denn nichts bleibt. In der Oper „The Giacomo Variations“ sagt Casanova ganz am Ende zu einer Aristokratin: „Bitte, dreh das Licht ab. Ich liebe es, in einem dunklen Raum zu sitzen und zu beobachten, wie sich das Licht am riesigen Horizont zeigt.“ Das ist das Leben. Eines Tages, gibt es keinen Horizont und auch kein Licht. Es wäre beschämend, bei all dem Glück, das ich in meinem Leben hatte, es nicht jeden Tag geschätzt zu haben.

Wenn Sie morgen stürben, würden Sie dann über Ihr Leben sagen: „Das war's“ oder „Genauso wollte ich es“?
Ich würde sagen: „Mein Leben war vielmehr, als ich mir das je vorstellen konnte.“ Wobei ich nie jemand war, der große Träume von der Zukunft hatte. Nur Kinder wollte ich immer haben. (Pause) Überlegen Sie, wie absurd ist es, dass ich nun zum zweiten Mal in Wien im Konzerthaus aufgetreten bin oder in der Pariser Oper oder in New York.

Wie meinen Sie das?
Hier wird Mozart oder Schumann gespielt. Was habe ich hier zu suchen?

Vielleicht hat das mit Ihnen zu tun. Vielleicht sehen Sie die Leute gerne auf der Bühne?
So denke ich nicht über mich, ich denke überhaupt nicht über mich nach, weil mich das nicht sehr interessiert.

Na ja, immerhin haben Sie doch über längere Zeit eine Psychoanalyse gemacht. Ich nehme einmal an, da haben Sie viel über sich nachgedacht.
Ja, viel mehr, als mir recht war. Es war jetzt keine Zeitverschwendung, aber sehr langweilig, denn es ging meistens nur um mich.

Warum haben Sie es dann gemacht?
Weil ich dachte es sei notwendig. Und ich denke, es hat mir auch viel geholfen. Viele langweilige Dinge – man muss es sagen – sind sinnvoll. Jeder von uns würde gerne brillante Arbeit abliefern, ohne sich davor angestrengt zu haben. Aber das hat nur bei Mozart funktioniert, sonst bei niemandem.

Ich weiß überhaupt nicht, was „stolz sein“ heißt. Und zufrieden bin ich auch nicht.

Auch Mozart hat sich unglaublich angestrengt.
Sicher, aber er war auch gesegnet. Der Rest von uns muss hart arbeiten, auch wenn es langweilig ist. Wobei: Ich bin eine Ausnahme, denn ich liebe meine Arbeit, ich liebe es, etwas auszuprobieren, mit meinen Kollegen an einem Stück zu feilen, es weiterzuentwickeln. Jedes Mal macht mir das Freude.

Nach einem gelungenen Abend, sind Sie dann stolz oder zumindest zufrieden?
Nein. Ich weiß überhaupt nicht, was „stolz sein“ heißt. Und zufrieden bin ich auch nicht. Denn es gibt immer ein Morgen, an dem wieder alles nicht so gut laufen kann. Aber ich bin sehr zufrieden damit, nicht zufrieden zu sein.