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Agrarrohstoffe

Gegessen wird immer

Weizen ist auf dem Weltmarkt teurer als vor der Krise.
Weizen ist auf dem Weltmarkt teurer als vor der Krise.(c) APA/HELMUT FOHRINGER
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Anders als bei der Finanzkrise 2008 sind diesmal die Agrarrohstoffe nicht vom Kursverfall betroffen. Die Landwirtschaft trotzt der Coronakrise.

Wien. Seit etlichen Wochen befindet sich die Weltwirtschaft bereits im virusbedingten Ausnahmezustand. Das lässt sich nicht nur an den tiefroten Aktiendepots ablesen. Auch die Preise der Rohstoffe gelten als wichtiger Indikator für den Zustand der globalen Konjunktur. Und auch sie befinden sich (abgesehen von der Krisenwährung Gold) im freien Fall.

Das allein ist noch keine Überraschung. Wo Fabriken und Lkw stillstehen, gibt es nun einmal viel weniger Bedarf an Öl und Metallen. Auch in der letzten großen Finanzkrise 2008/09 stürzten die Rohstoffpreise gemeinsam mit den Bankaktien ab. Im Sommer 2008 krachte der Rohölpreis um die Hälfte auf 74 Dollar je Fass nach unten.

Zeitgleich fielen auch die Preise für Industriemetalle und Agrarrohstoffe in den Keller. Der Preis für eine Tonne Weizen (nächstmögliches Future) implodierte in derselben Zeit von 190 Euro auf 138 Euro – und blieb dort. Ein gutes Jahrzehnt später wiederholt sich das Spiel. Allerdings nur auf den ersten Blick.

Auch 2020 hat sich der Ölpreis neuerlich halbiert. Heute liegt der Preis für ein Fass nur noch bei 28 Dollar. Die Produktion lahmt, die Ausgangssperren hemmen den Verkehr – dazu kommen die Streitigkeiten zwischen der Opec und ihrem ehemaligen Verbündeten Russland. Industriemetalle wie Aluminium und Stahl sind ebenfalls zweistellig im Minus. Doch anders als in der Finanzkrise scheint der Preis für Getreide und andere agrarische Rohstoffe immun gegen die Coronakrise zu sein.

 

Weizenpreis stieg auf 194 Euro

Und das, obwohl die Pandemie just in China am stärksten wütete. Das Land ist immerhin der weltgrößte Importeur von Agrarprodukten. Bis Mitte März sank der Weizenpreis daher von 190 Euro je Tonne zu Jahresbeginn massiv. Doch seit ein Großteil der Staaten auf drastischere Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus setzt, geht es steil nach oben. Am Dienstag kostete eine Tonne Weizen mit Lieferung im Mai bereits 194 Euro.

Die Finanzkrise und die Coronavirus-Krise sind vergleichbar, aber sie entwickeln sich komplett unterschiedlich. Damals ging das Desaster an den Börsen von der Finanzbranche aus – und wurde auch als reine Finanzkrise angesehen. „Niemand hat sich Sorgen gemacht, woher das Essen kommen soll“, sagt Franz Sinabell, Agrarexperte am Wifo. Diesmal ist das anders. Die Produktion steht still, Lieferketten sind infrage gestellt, und der Shutdown gibt Menschen viel Zeit für Panikreaktionen wie irrationale Hamsterkäufe. „Die Märkte stellen sich darauf ein, dass die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln ein großes Thema werden wird“, sagt Sinabell.

 

Hohe Preise, wenig Erntehelfer

Zumindest für eine Branche dürfte das Coronavirus daher eher glimpflich ausgehen, analysiert der Ökonom in einer noch unpublizierten Studie. 2009 mussten die heimischen Landwirte angesichts der niedrigeren Weltmarktpreise noch Einbußen von 20 Prozent verkraften. Diesmal werde der Sektor einen ähnlichen Einbruch verhindern können, sagt er.

Zwar leiden die Obst- und Gemüsebauern unter dem Mangel an Erntehelfern. Aber die Aussicht auf stabil hohe Preise gebe den Landwirten „die besten Voraussetzungen, um ihre Produktion zu finanzieren“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2020)