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Wiener Märkte

Wenn der Marktstandler auf Lieferservice umlernt

Was die Marktstandler bemerkt haben, ist, dass manche Kunden ausfallen (im Bild: Naschmarkt).
Was die Marktstandler bemerkt haben, ist, dass manche Kunden ausfallen (im Bild: Naschmarkt).(c) Clemens Fabry/Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Wiener Märkte haben offen, wenn auch mit mehr Abstand zwischen den Standln. Gleichzeitig wird ein Lieferservice aufgebaut.

Wien. Not macht offenbar nicht nur erfinderisch, sondern dürfte so manches auch beschleunigen. Das wird dieser Tage auf den Wiener Märkten deutlich, die gerade dabei sind, ein Lieferservice aus dem Boden zu stampfen, was angesichts von rund 1700 Marktstandln keine leichte Aufgabe zu sein scheint.

„Natürlich haben die Wiener Märkte weiterhin offen. Gerade in dieser Zeit sind Nahversorger wichtig“, sagt Alexander Hengl, Sprecher des Wiener Marktamtes. Seit vergangener Woche werden Standln anders aufgestellt, nämlich so, dass für Kunden und Marktstandler mehr Platz ist, um den Sicherheitsabstand zu wahren. Betriebe, die keine Lebensmittel verkaufen, werden vorübergehend eingestellt. Und auch sogenannte Anlassmärkte, wie Ostermärkte, wird es bis auf Weiteres nicht geben.

Ob die Kundschaft auf den Wiener Märkten weniger wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen, so Hengl. Immerhin trägt auch der Kälteeinbruch dazu bei, dass das Geschäft auf den Wiener Märkten weniger wird.

Ältere Kunden bleiben daheim

Was die Marktstandler allerdings schon bemerkt haben, ist, dass manche Kunden ausfallen. „Es gibt sehr viele langjährige Kunden, speziell Ältere, die nicht mehr rausgehen, die aber trotzdem versorgt werden möchten“, sagt Markus Hanzl, Obmann des Wiener Landesgremiums Markthandel in der Wiener Wirtschaftskammer.

Bei ihm laufen seit Tagen die Telefone heiß, vor allem verunsicherte Marktstandler haben sich bei ihm gemeldet. „Irgendwann ist dann die Idee aufgekommen, dass man mit Lieferungen beginnen könnte. Also haben wir ein Lieferservice für alle Wiener Märkte ins Leben gerufen“, so Hanzl. Auf der Website www.marktlieferung.wien sind nun jene Märkte und Standler ersichtlich, die ein Lieferservice anbieten.

Einfach sei das nicht gewesen. Immerhin lebt ja ein typischer Marktbesuch davon, dass man mehrere Stände und damit unterschiedliche Händler besucht. Aber man wolle eben besonders in so einer schwierigen Situation wie jetzt seine Kunden nicht verlieren. „Jeder einzelne Markt hat einen Marktsprecher. Die Idee war, dass sich der mit den anderen Standlern verbindet und so die Bestellungen organisiert“, erklärt Hanzl.

Derzeit sei das Service noch im Aufbau, noch nicht jeder Markt bietet es an – und vor allem noch nicht jeder gesammelt. Nur vom Karmelitermarkt, Meidlinger Markt und Schwendermarkt gibt es derzeit eine gemeinsame Lieferung. Von anderen Märkten liefern die Stände individuell, wie etwa das Delikatessengeschäft Pöhl auf dem Naschmarkt oder der Obst- und Gemüsehändler Emil auf dem Kutschkermarkt. Das Angebot wird auf der Website laufend aktualisiert.

Bestellt wird bei der gesammelten Marktlieferung online, aber auch per E-Mail oder Telefon. Die Bezahlung laufe derzeit noch so, dass entweder der Kunde den Betrag in einem Kuvert übergibt, wenn er diesen schon kennt, oder eben nachher das Geld überweist.

Für Hanzl ist das durchaus eine Chance für die Wiener Märkte. Unter normalen Umständen würde der Aufbau so eines Services wohl wesentlich länger dauern. Jetzt aber sei schnelles Umdenken notwendig, auch weil für viele Marktstandler die Bestellungen aus der Gastronomie wegfallen. „Aber vielleicht ist das eine Chance, dass sich die Märkte anders positionieren. Wir mussten jetzt schnell etwas Neues reinbringen.“ Er hofft, dass das neue Service auch nach der Krise weiterhin bestehen bleibt und sich die Wiener Märkte somit modernisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2020)