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„ZeroZeroZero“: Im Hinterzimmer der Drogenbosse

Dane DeHaan und Andrea Riseborough als Kinder eines Kokain verschiffenden Reeders.
Dane DeHaan und Andrea Riseborough als Kinder eines Kokain verschiffenden Reeders.(c) Sky
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Thriller, Psychostudie, Reportage aus dem Drogengeschäft: „ZeroZeroZero“, die neueste Serie von Roberto Saviano, ist ab Freitag auf Amazon und Sky zu sehen.

Tja, sagt der Kokain verschiffende Reeder beim Geschäftsessen mit zwei Drogenbossen im Nobellokal: Eigentlich seien es doch Leute wie sie, die dafür sorgen, dass die Wirtschaft brummt. Was würde wohl passieren, wenn all die Firmen pleitegingen, die doch nur gegründet wurden, um Drogengeld weißzuwaschen? Selbstgefällig sagt er das, überzeugt davon, irgendwie das Richtige zu tun.

Und wirklich, hier hat jeder seine Strategie, die zahlreichen Verbrechen, die er tagtäglich routinemäßig begeht, vor sich zu rechtfertigen. Ihren Seelenfrieden scheint es jedenfalls nicht zu stören. Das Mitglied einer militärischen Elitetruppe steckt sich, wenn ihn die Schreie der von seiner Truppe Gefolterten nerven, Kopfhörer ins Ohr: Er lauscht einem messianischen Prediger, der von Gehorsam spricht, und davon, dass der Mensch zu klein sei, um die Wege Gottes zu verstehen.

Gott wird schon wissen, was er tut.

Roberto Saviano, der in „Gomorrha“ die Strukturen der Mafia rund um Neapel offenlegte und seither versteckt leben muss, hat vor ein paar Jahren ein Buch über die internationalen Verquickungen des Drogenhandels veröffentlicht. Es bildet die Basis für diese achtteilige Serie, die halb Thriller, halb Familiendrama ist und uns rund um den Globus führt, dem Drogengeld hinterher: von den kalabrischen Bergen, wo sich ein Mafiaboss vor seinen Verfolgern versteckt, über eine Reederei in New Orleans bis zu den mexikanischen Hinterzimmern, wo halb nackte Frauen Kokain in Dosen mit eingelegten Paprika verstecken.

 

Der Mafiaclan, die Reederfamilie

Warum sie bei der Arbeit nur BH und Unterhose tragen? Das kann man nur mutmaßen. Aber weil man Roberto Saviano kennt, weiß man: Es stimmt. Und das ist wohl das Besondere an dieser Serie, die von Sky, Canal+ und Amazon gemeinsam produziert wurde und für die unter anderem Stefano Sollima („Sicario 2“) das Drehbuch geschrieben hat: Sie basiert auf Recherche, sie erfindet solche Details nicht einfach aus Jux und Tollerei und der Sucht nach schönen Bildern. Darum ist auch dieses Kalabrien nicht pittoresk, sondern seine Landschaft ist karg, und noch die Pracht der katholischen Umzüge kann die Armut seiner Dörfer nicht verbergen. Darum hat man ob der staubigen Straßen Mexikos immer wieder das Gefühl, man müsste husten. Darum sind die Frauen hier halb nackt – aber sexy sind sie nicht. Und darum heißt die Serie wie das Buch schlicht „ZeroZeroZero“ – also nach der höchsten Reinheitsstufe von Kokain. Man hätte da sicher etwas Reißerischeres finden können.

Erzählt werden im Wesentlichen drei Geschichten, sie sind miteinander verwoben: Da wäre Stefano, waschechter Mafianachwuchs. Wenn er durchs Dorf geht, kommt er kaum zwei Meter weit, ohne eine Hand schütteln zu müssen. Sein Großvater hat einen kühnen Plan geschmiedet, der seine Macht wieder festigen soll, doch Stefano torpediert ihn. Er will den Großvater vom Thron stoßen.

Stefanos Interventionen haben Konsequenzen Tausende Kilometer weit entfernt. Die Händler warten vergeblich auf ihr Geld, auch der Reeder bekommt Probleme. Das Haupt dieser Reederfamilie spielt Gabriel Byrne, lässig, aber nicht zu lässig, ein Geschäftsmann, der am schnellen Geld Geschmack gefunden hat und vielleicht glaubt, es stehe ihm zu, weil das Schicksal ihm übel mitgespielt hat: Er hat seine Frau an Huntington verloren, sein Sohn hat die Krankheit geerbt. Der Trumpf dieses Erzählstrangs ist Andrea Riseborough als geschäftstüchtige Tochter. Mit ihrer strengen Helmfrisur erinnert sie ein wenig an Claire Underwood aus „House of Cards“, doch wirkt sie verletzlicher, offener auch, und die Szene, in der sie verzweifelt durchs Haus läuft auf der Suche nach ihrem Bruder, gehört zu den stärksten der ersten vier Folgen.

Und schließlich mischt sich auch noch der gern Bibelsprüchen lauschende Kommandant ein: Eine Figur, die deutlich macht, wohin es führt, wenn der Zweck die Mittel heiligt. Auf die Szene, in der er mit einer lässigen Handbewegung eine Granate hinter sich wirft und dann im Staub verschwindet, hätten wir allerdings gern verzichtet. Ganz ohne Klischees kommt offenbar auch Saviano nicht aus.

„ZeroZeroZero“. Ab 26. März auf Sky und Amazon, mit Gabriel Byrne, Adriano Chiaramida, Dane DeHaan, Andrea Riseborough. Die erste Staffel hat acht Folgen, Dauer pro Folge circa eine Stunde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2020)