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Nachgeforscht

Wie erging es Kindern aus "Mischehen" in der NS-Zeit?

Symbolbild: Jüdisches Mädchen trägt eine Kette mit dem Davidstern
Symbolbild: Jüdisches Mädchen trägt eine Kette mit dem Davidstern(c) imago/UIG
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Kinder aus Verbindungen zwischen Juden und „Ariern“ galten - zu Unrecht - lange als Gruppe, der „quasi 'nichts passiert' ist“, schreibt Historikerin Michaela Raggam-Blesch.

In "Mischehen" zwischen Juden und "Ariern" galt in der NS-Zeit für jüdische Ehepartner und Kinder spezieller Schutz. Weil die meisten von ihnen der Shoah entkam, wurden sie lange nicht als verfolgte Gruppe wahrgenommen. In einer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie zeigt die Wiener Historikerin Michaela Raggam-Blesch, wie Kinder aus "Mischehen" ausgegrenzt und kriminalisiert wurden.

"Lange galten sie als Personen, denen im Vergleich zur restlichen jüdischen Bevölkerung quasi 'nichts passiert' ist, weil der Großteil nicht deportiert wurde", schildert Raggam-Blesch. Bis zur Anerkennung durch den Nationalfonds in den 1990ern hätten sich viele Betroffene selbst nicht als Verfolgte gesehen. Bis heute werde mitunter auch das couragierte Verhalten der christlichen bzw. konfessionslosen Ehepartner und Elternteile kaum gewürdigt, von dem oft das Überleben der jüdischen Familienangehörigen abhängig war.

In ihrem Habilitationsprojekt im Rahmen des Elise-Richter-Programms hat Raggam-Blesch nun mit Hilfe von neu erschlossenem Archivmaterial und Interviews mit Zeitzeugen die Erfahrungen und Überlebensstrategien dieser Gruppe dokumentiert, deren spezieller Schutz unter den NS-Ideologen mit Blick auf die "Endlösung der Judenfrage" keineswegs unumstritten war. 2021/22 soll die Forschungsarbeit zum Thema "Mischehefamilien im NS-Regime in Wien" in Buchform publiziert werden.

Einer der geschilderten Fälle ist jener von Gerhard Baader, Sohn des Katholiken Oskar Baader und der Jüdin Cecilia Adler. Die Eltern hatten einander beim Studium an der Uni Wien kennengelernt, damals eine Brutstätte des Antisemitismus. Ihre Verlobung bedeutete das Ende von Baaders akademischer Karriere. Der 1928 geborene Sohn Gerhard wurde getauft, der Weihnachtsbaum gehörte ebenso zu seiner Kindheit wie die jüdischen Traditionen in der Familie seiner Mutter. Anders als bei vielen anderen führte die multikonfessionelle Ehe bei den Baaders nicht zum Bruch mit der restlichen Familie, wie Raggam-Blesch beschreibt. Der Alltag der Familie Baader war ohnehin stärker vom Sozialismus geprägt als von Religion.

Mit dem "Anschluss" Österreichs wandten sich Nachbarn und Freunde über Nacht gegen die Familie, die Angst vor Denunzierung war allgegenwärtig, Vater Oskar verlor seinen Posten als Lehrer. Seine sozialistischen Parteikollegen drängten ihn vergeblich zur Scheidung.

"Privilegierte" und "nicht privilegierte Mischehen"

Dabei gehörten die Baaders formal zu den "privilegierten Mischehen", in denen das Kind getauft bzw. (in kinderlosen Familien) der Mann "arisch" war. "Privilegierte" Familien bekamen dieselbe Essensration wie arische, außerdem durften sie üblicherweise ihre Wohnung behalten. Trotz dieses Status mussten die Baaders Ende 1938 aus ihrer Gemeindebauwohnung in Wien-Hietzing in ein überfülltes späteres "Judenhaus" in Wien-Leopoldstadt übersiedeln. Dort wurden sie Zeugen, wie ihre Nachbarn nach und nach deportiert wurden.

Als "Mischling" (kein Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde) durfte Gerhard Baader anders als "Geltungsjuden" (IKG-Mitglieder) noch bis zum Sommer 1942 eine höhere Schule besuchen, war dort allerdings als einziger "Nicht-Arier" ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Überhaupt waren die Baaders sozial isoliert. "Arische" Freunde wandten sich ab, Anschluss an die jüdische Community hatte die Familie nicht. Solidarität unter "Mischehefamilien" entstand nicht zwingend, zu angespannt war deren Lebenssituation. Unterstützung durch Dritte war die Ausnahme.

Neben den "privilegierten" gab es auch "nicht privilegierte Mischehen", etwa wenn der Partner oder das Kind IKG-Mitglied waren. Für sie galten dieselben Regeln wie für Juden, ihnen waren etwa Kauf und Genuss von Lebensmitteln wie Fleisch, Eiern oder Kuchen verboten. Die Kategorisierungen seien allerdings "absurd und widersprüchlich" gewesen, so Raggam-Blesch. Als Überlebensstrategie wurde gelegentlich Ansuchen auf Anerkennung eines "arischen" anstelle des jüdischen Vaters gestellt.

"Geheime Reichssache"

Jüdische Mitglieder von "Mischehefamilien" waren zwar grundsätzlich vor Deportationen geschützt, solange die Ehe aufrecht war und man mit dem "arischen" Familienmitglied den Haushalt teilte. Da die Regelungen zu den "Mischehefamilien" jedoch als "Geheime Reichssache" eingestuft waren, konnten deren Mitglieder nie wissen, durch welche Faktoren ihr Leben tatsächlich geschützt wurde.

Als mit Ende 1942 das Gros der Wiener Juden deportiert war, gerieten die Mitglieder dieser vorübergehend geschützten Gruppe zunehmend in den Fokus der NS-Behörden. "Die Zahl der antijüdischen Gesetze und Verordnungen stieg an und der Alltag wurde damit zunehmend kriminalisiert. Wurde man bei einer Übertretung erwischt, konnte das ein Todesurteil sein", so die Forscherin. Dabei reichte der verbotene Besuch eines Kinos oder ohne Judenstern auf die Straße zu gehen. Ab Herbst 1944 wurden dann auch arische Ehemänner und männliche "Mischlinge" zur Zwangsarbeit herangezogen. Für Oskar Baader, einst Offizier im Ersten Weltkrieg, war die Erniedrigung durch die dortigen Kommandanten laut seinem Sohn Gerhard zu viel. Im November 1945 nahm Oskar Baader sich das Leben.

>>> Link zu den drei Fallstudien zu Mischehefamilien während der NS-Zeit in Wien von Michaela Raggam-Blesch im Journal of Genocide Research.

(APA)