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Was macht Corona mit dem Transfermarkt?

Lockrufe aus der Premier League? Leipzigs ÖFBLegionär Marcel Sabitzer (r.).
Lockrufe aus der Premier League? Leipzigs ÖFBLegionär Marcel Sabitzer (r.).Getty Images
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Die Finanzkraft der Vereine schrumpft mit jedem ausgefallenen Spieltag, viele Klubs werden Spieler verkaufen müssen. Berater und Sport-chefs sind uneins: Manche meinen, die Zeit der 100-Millionen-Euro-Transfers sei vorüber, andere erwarten dramatischere Wechselperioden denn je.

London/Wien. Wirklich gehaltvolle Neuigkeiten vom Fußball-Transfermarkt sind dieser Tage Mangelware. Zu groß ist die Ungewissheit, seit alle namhaften Ligen ob der Coronapandemie stillstehen. Vollzugsmeldung gab es neuerdings nur eine: Der FC Bayern verliert seine Kapitänin, die 25-jährige Melanie Leupolz heuert im Sommer beim FC Chelsea an.

Immerhin berichten englische Medien, dass ÖFB-Teamspieler Marcel Sabitzer beim Premier-League-Topklub Tottenham Hotspur im Gespräch sein soll. Die nun unterbrochene Saison war tatsächlich die bisher beste des steirischen Leipzig-Profis, es heißt, Tottenham-Coach José Mourinho wurde beim Achtelfinal-Duell der Klubs in der Champions League (Gesamt 4:0 für Leipzig) vom 26-jährigen Angreifer überzeugt.

Der Starcoach darf in Tottenham offenbar noch richtig Geld in die Hand nehmen. 145 Millionen Euro soll ihm der Verein zur Verfügung stellen, um den Nordlondonern im Sommer frisches Blut zu verabreichen. Der „Bild“-Zeitung zufolge würde allein Sabitzer mindestens 50 Millionen kosten.

Doch die Spurs sind mit solchen Neuigkeiten noch die Ausnahme. Der Transfermarkt zeigt sich in Corona-Zeiten als besonders spekulatives Pflaster. Viele meinen, die Zeit für Ablösesummen jenseits der 100-Millionen-Euro-Marke sei fürs Erste vorbei. Für acht Spieler wurden in den vergangenen drei Jahren solche Summen gezahlt. Vor Corona wurde unter anderem noch Leroy Sané (Manchester City) im dreistelligen Millionenbereich gehandelt. Der FC Bayern galt als Interessent.

 

Bangen vor dem 30. Juni

Nun verlieren die Vereine mit jedem ausgefallenen Spieltag Geld. Die dringend benötigten Millionen aus der TV-Vermarktung bleiben aus, den deutschen Bundesligisten etwa entgehen insgesamt 44 Millionen Euro pro Spieltag. Der Gehaltsverzicht vieler Spieler – die Bayern-Profis geben sich derzeit mit 80 Prozent zufrieden – wird das kaum kompensieren können. So werden die Münchner ihren Leihspieler Philippe Coutinho eher dankend zum FC Barcelona zurückschicken, anstatt die Kaufoption von über 100 Millionen Euro zu wählen.

Ob der ausbleibenden Einnahmen hofft die deutsche Liga auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs schon Mitte Mai. Bis zum 30. Juni soll die Saison in leeren Stadien zu Ende gebracht werden.

Der 30. Juni ist ohnehin ein viel beachtetes Datum. An diesem Tag laufen zahlreiche Spielerverträge aus. Was mit diesen Profis passieren soll, wenn die Ligen bis dahin nicht fertiggespielt worden sind, ist unklar. Prominente Namen sind darunter: Welt- und Europameister David Silva, die Stürmerstars Edinson Cavani und Dries Mertens oder Mario Götze. Klar scheint, dass sich ihre Verhandlungsposition verschlechtert hat. Abseits der Topligen droht zu diesem Stichtag Arbeitslosigkeit.

Wann das nächste Transferfenster stattfinden und wie es aussehen soll, weiß niemand. Bisher lag die Wahl, wann Transfer möglich ist, bei den nationalen Verbänden. Viele Spielerberater erwarten jedenfalls rückläufige Transferausgaben. Manche Vereine werden aus Finanznot Spieler verkaufen müssen. Der ein oder andere Großklub wird dank seiner Investoren die Krise womöglich einigermaßen ausgleichen können.

Leipzig-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff, der sich demnächst wohl mit der Personalie Marcel Sabitzer beschäftigen dürfte, erwartet gar eine dramatische Wechselperiode. „Wir werden ein Transferfenster haben wie noch nie in der Vergangenheit“, sagte Mintzlaff im „Kicker“. Dennoch scheint eines vorhersagbar: Die schon vor Corona absurd anmutende Rekordablöse von 222 Millionen Euro, die Paris Saint-Germain für den Brasilianer Neymar gezahlt hat, wird nicht einmal angetastet werden. (joe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2020)