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Gastkommentar

Ist ein Marshallplan in der aktuellen Lage ein Allheilmittel?

Beobachtungen. Was den Marshallplan der Amerikaner ab 1948 so erfolgreich gemacht hat.

„Der Marshallplan hat Konjunktur“, titelt in der „Presse“ (24. März) Oliver Grimm und berichtet, dass der spanische Ministerpräsident, Pedro Sánchez, einen Marshallplan der EU als Konjunkturspritze fordert. Dabei denkt er wohl an ein groß angelegtes Hilfsprogramm an alle EU-Staaten, um der Wirtschaft nach dem Abklingen der Coronavirus-Krise wieder rasch auf die Beine zu helfen.

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Im Wirtschaftsteil der gleichen „Presse“-Ausgabe berichtet Jürgen Streihammer aus Berlin, dass der deutsche Finanzminister, Olaf Scholz, das „größte Rettungspaket der Geschichte“ Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschnürt hat. Da heißt es auch, dass die staatliche Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) „bei Betriebsmittelkrediten einen Großteil des Risikos tragen soll“. Die KfW wurde im November 1948 in die Welt gesetzt und aus den sogenannten Gegenwertkonten finanziert, die aus den amerikanischen Geschenken des Marshallplans (etwa Baumwolle) angespart wurden. Die KFW geht also auch auf das European Recovery Program (ERP), so der offizielle Name des Marshallplans, zurück.

So funktionierte der Marshallplan: Die Amerikaner schickten Nahrungsmittel, Baumwolle, Maschinen kostenlos nach Europa und diese wurden in den 16 Teilnehmerstaaten verkauft. Die so lukrierten Mittel wurden in Wien im Bundeskanzleramt in Gegenwertkonten angelegt und postwendend wieder in die heimische Wirtschaft investiert. 1961 wurden diese durch Kreditvergaben wachsenden Gegenwertmittel im Bundeskanzleramt von den Amerikanern an die Österreicher übergeben (immerhin circa elf Milliarden Schilling) – daraus wurde 1962 der ERP-Fonds erstellt, aus dem heute noch jährlich circa 600 Millionen Euro in die heimische Wirtschaft investiert werden.

Die Amerikaner investierten von 1948 bis 1952 knapp 14 Milliarden Dollar in die westeuropäische Wirtschaft. Das war mehr als ein Prozent des Bruttonationalprodukts und wurde zum größten ausländischen Hilfsprogramm in der US-Geschichte.

Die Idee eines Marshallplans zur Rettung Osteuropas (nach dem Kalten Krieg), Afrikas, Kriegsgebieten wie Syrien wird immer wieder aufgeworfen. Es wundert, dass ausgerechnet Spaniens Ministerpräsident mit dieser Idee bei der EU hausieren geht, war Spanien damals doch das einzige westeuropäische Land, das beim ERP wegen des Franco-Faschismus nicht zum Zug kam.

Kenner des ERP glauben, eine Wiederauflage des Marshallplans sei heute nicht möglich. Damals war das ERP auf die Westeuropäer maßgeschneidert, die eine vor dem Krieg gut funktionierende Wirtschaft hatten und die notwendigen gut ausgebildeten Arbeitskräfte ins Rennen werfen konnten, die den Marshallplan nach dem Krieg so erfolgreich machten und Europas Wirtschaft rasch ankurbelten.

 

Nationalstaaterei klein halten

Die EU würde diese Voraussetzungen mitbringen. Wenn die EU also mit einem großen Hilfsprogramm mit erfolgreichem Verteilungsschlüssel an alle Mitgliedstaaten daherkäme und diese Hilfsmittel in den Mitgliedstaaten zusätzliche Mittel generierten, könnte das eine Neuauflage des Marshallplans möglich machen. Zumindest würde es die nationalstaatlichen Rettungspakete, die jetzt in EU-Staaten in Milliardenhöhe geschnürt werden, weniger notwendig machen. Damals war der Marshallplan so erfolgreich, weil er ein integrierendes westeuropäisches Programm war, das die Zusammenarbeit förderte und die „Nationalstaaterei“ von Einzelstaaten behinderte.

Günter Bischof, geb. Vorarlberger, ist Marshallplan Chair für Geschichte und Direktor des Austrian Marshallplan Center for European Studies an der University of New Orleans, dzt. Gastprofessor für amerikanische Geschichte am Institut für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck, und sitzt in Innsbruck fest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2020)