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Corona Briefing Tag elf

Bis wann die Intensivbetten in Österreich voll sein könnten und das Festspielhaus in Salzburg leer

Ob das Festspielhaus in Salzburg heuer leer bleiben wird?
Ob das Festspielhaus in Salzburg heuer leer bleiben wird?(c) imago images/Manfred Siebinger (Manfred Siebinger via www.imago-images.de)
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Verwirrung um Zahlen des Gesundheitsressorts, kein kleinformatiges Denken bei den Salzburger Festspielen.

Guten Morgen, leider gibt es auch heute keine besonders positiven Nachrichten. Die Lage aufgrund der Verbreitung des Coronavirus in Spanien, aber auch in Frankreich spitzt sich tendenziell zu. Wer mit Freunden oder Bekannten in New York mailt oder skypt, ahnt, dass sich Donalds Trumps Träume mit fröhlichen Ostern wohl nicht erfüllen werden. In Österreich ist die Situation zwar ebenfalls ernst, aber zumindest kontrolliert. Gestern, Mittwoch, gab es leider erstmals Verwirrung und leichte Unsicherheit wegen der offiziellen Zahlen des Gesundheitsressorts, die dazu führte, dass das sogenannte Dashboard des Ressorts, also die Site mit den ständig aktualisierten Zahlen der Infizierten für einige Zeit offline genommen werden musste. Danach gibt es nun höhere Zahlen – von Corona-Patienten in Spitalsbehandlung und auf Intensivstationen österreichischer Spitäler.

Zu Mittag hieß es vonseiten Rudolf Anschobers noch: 96 Prozent der mit dem Coronavirus infizierten Österreicher hätten einen sehr milden Krankheitsverlauf, seien in häuslicher Pflege. Lediglich 3,5 Prozent müssten in einem Krankenhaus behandelt werden. Und nur 0,5 Prozent würden intensivmedizinisch betreut. Ein europaweiter Spitzenwert. Wenige Stunden später ließ Anschober dann wieder per Aussendung verbreiten: Knapp 89 Prozent aller Infizierten wären mit mildem Erkrankungsverlauf in häuslicher Pflege. 9,75 Prozent (rund 540 Patienten) befänden sich auf einer normalen Station in heimischen Spitälern. Und von den um 15.00 Uhr 5560 bestätigten Fällen müssten 1,6 Prozent (rund 90 Personen) auf Intensivstationen behandelt werden. Also ein ähnlicher Wert wie in anderen Ländern.

Erklärung des Ressorts: Die Meldungen der Spitäler wären zu spät, also zu langsam eingearbeitet worden. Kann schon einmal passieren. In einer Situation, in der nicht wenige die baldige Aufhebung der Ausgangs- und Handelsbeschränkungen fordern, sollte das aber nicht zu oft passieren.

Dass Österreich noch weit von einer Trendumkehr oder der Verkündung von Jubelmeldungen steht, zeigen Berechnungen mehrerer Experten – also auch Mathematikern – für den Krisenstab. Die Frage lautet, wie schnell also je nach Verbreitung des Virus die rund 2540 zur Verfügung bestehenden Intensivbetten in Österreichs Spitälern voll belegt sind. Dann dürfte es schwierig werden. Im Schnitt sind in ganz Österreich jederzeit rund 500 Betten für Notfälle frei, derzeit stehen aufgrund der sich überraschend zäh haltenden Grippewelle weniger zur Verfügung.

Die Wiener Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher und Christopher Singhuber von Health System Intelligence haben laut orf.at nun neu berechnet, wie lange es dauern könnte, bis die Kapazität an Intensivbetten ausgeschöpft ist. Sollte sich die Zahl der Fälle alle acht Tage verdoppeln, werden die österreichischen Intensivbettenkapazitäten bis 23. April nicht überschritten. Sollte die Zahl der Neuerkrankungen sich jedoch alle sechs Tage verdoppeln, so wären die Intensivkapazitäten ab 18. April überschritten, heißt es in der Berechnung. Grundlage war, dass höchstens ein Prozent der Erkrankten auf der Intensivstation behandelt werden muss. Mittwochmittag wäre das noch doppelt so viel gewesen wie die vom Ministerium vermeldete Zahl. Mit den revidierten Zahlen von mittlerweile 1,5 Prozent aller Erkrankten auf der Intensivstation sind die Schätzungen demnach zu optimistisch. Anders formuliert: Kommt es aufgrund der angesetzten Maßnahmen nicht zu einer echten Abbremsung bei der Zunahme von Infizierten haben die österreichischen Spitäler Mitte April ein echtes Problem. Also genau dann wenn – so die Hoffnung mancher – das öffentliche Leben wieder langsam erwachen darf. Passt aus heutiger Sicht nicht ganz zusammen.

Drastisch ist die Situation nicht nur in der österreichischen Wirtschaft, sondern im für den Tourismus und Wertschöpfung vieler Regionen so wichtigen Kulturbetrieb: Unzählige Veranstaltungen und Festivals mussten bereits abgesagt werden, mit sehr unangenehmen Folgen für alle Beteiligten. Die Salzburger Festspiele, sowohl jene zu Pfingsten als auch jene im Sommer, sind nach wie vor in Planung. Zuletzt war zumindest lokal – in der Krise können publizistische Zwerge endlich längere Schatten werfen – über die Absage mit der üblichen österreichischen schadenfrohen Sorge in einer Tageszeitung spekuliert worden. Festspiele-Präsidentin Helga Rabl-Stadler kümmert das im abendlichen Telefonat wenig und hält an ihrem Drei-Stufen-Plan fest: Stufe eins war die Schließung des Betriebs in den Festspielhäusern und Werkstätten bis 13. April. Stichtag für die zweite Stufe ist der 15. April, da wird über die Durchführung der Pfingstfestspiele vom 29. Mai bis 1. Juni entschieden. Bis 30. Mai wird die dritte Entscheidung fallen, nämlich ob und vielleicht auch in welcher Form die Jubiläumsfestspiele 2020 stattfinden können. Natürlich hat die Gesundheit aller absoluten Vorrang, betont Rabl-Stadler. Aber: Als vor genau 100 Jahren die Festspiele als kulturelles Friedenssymposium geplant wurden, herrschte nach dem Ersten Weltkrieg Hunger und Zerstörung in Mitteleuropa. Der Widerstand gegen ein Festival der hehren Künste mit einem zumindest oberflächlich betrachtet elitären Publikum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt war enorm. So gesehen würde das 100. Jubiläum der Festspiele in eine Krisenzeit wieder passen…

Irgendwie vermisse ich unsere Gelassenheit. Bis morgen! Morgen habe ich dann auch gute Nachrichten.

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