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Jede zweite Soldatin kündigt: Bundesheer als Männerklub

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Eine Studie belegt systemimmanentes aggressives Verhalten gegenüber Frauen. Jede Zweite hat das schon selbst erlebt, jede Fünfte wurde Mobbingopfer.

Wien (awe). „Wenn sogar Frauen ins Gefecht ziehen dürfen, was soll der Soldatenberuf dann noch wert sein?“ So – und ähnlich – lauten viele Antworten auf die Fragen von Sabine Köszegi und ihrem Team. Gemeinsam mit mehreren Kollegen hat die Professorin der TU Wien (Institut für Managementwissenschaften) die Integration von Frauen im Bundesheer untersucht. Das Ergebnis der nun vorliegenden Studie bestätigt viele Vorurteile, räumt jedoch auch mit so manchem Klischee auf.

Seit 1998 nahm das Heer 838 Frauen auf. Für mehr als die Hälfte ist der Traum vom Wunschberuf schon wieder vorbei. In keinem anderen Beschäftigungsfeld sind die Drop-out-Raten so hoch. Das ist kein Zufall. Die Forscher fanden heraus (befragt wurden 443 Soldatinnen und Soldaten), dass Frauen einem besonders hohen Mobbingrisiko ausgesetzt sind. Jede zweite hat Erfahrung mit aggressivem Verhalten, jede fünfte wurde Opfer von Mobbing, das sich über wenigstens sechs Monate erstreckte. Zum Vergleich: Von den befragten Männern fielen „nur“ sechs Prozent in diese Kategorie. Warum?

„Weil große Teile des Militärs noch von einer hypermaskulinen Subkultur geprägt sind“, sagt Köszegi. In der Praxis mündet das in Angriffen auf das Ansehen einer Person oder darin, dass Frauen von der berufsbedingten Kommunikation ausgeschlossen werden.

Besonders schwer haben es Frauen bei kämpfenden Einheiten (Infanterie, Spezialeinheiten) und in den Kaderschmieden (Militärakademie, Waffenschulen). Die einen, so die Studie, halten Frauen für körperlich und geistig überfordert, die anderen weigern sich, die bisher an überwiegend männliche Auszubildende weitergegebenen Werte und Traditionen zu überdenken. Das hat System. Köszegi: „Mobbing beim Bundesheer wird nie von einem, immer von mehreren Tätern ausgeübt.“

Sexuelle Belästigung: Kein Thema

Die gute Nachricht ist, dass das Bundesheer laut Studienautoren damit nicht besser oder schlechter als andere Armeen liegt. Wenngleich dort der Frauenanteil (neun Prozent in Deutschland, zwölf Prozent in Kanada) oft größer ist (in Österreich sind es zwei Prozent). Sexuelle Belästigung kommt laut Studie hierzulande praktisch nicht vor. Positiv bewerten die Experten die Absicht des Heeres, gemeinsam mit der TU Maßnahmen zu setzen, um die Situation der Frauen zu verbessern. Demnächst soll es dazu einen Termin geben. Und: Im Verteidigungsministerium ist man offenbar eher dazu bereit, sich dem Problem zu stellen, als in anderen Ressorts. Erst kürzlich lehnte ein anderes (von einer Frau geleitetes) Ressort eine vergleichbare Untersuchung ab. Begründung: zu heikel.

Bundesheerkommission will Mobbing-Studie prüfen

Die parlamentarische Bundesheerkommission wird das in der Studie der TU erhobene Mobbingrisiko von Soldatinnen prüfen. Das sagte der amtsführende Vorsitzender, Anton Gaal (SPÖ), am Dienstag im "Ö1"-Mittagsjournal. Die Kommission selbst hat die Erfahrung, dass Frauen beim Heer einem vielfach höherem Mobbingrisiko als Männer ausgesetzt sind, nicht gemacht. Vielmehr war beim letzten Jahresbericht davon die Rede, dass es kaum mehr Frauenfeindlichkeit gebe und weibliche Soldaten mittlerweile Normalität seien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 6. Juli 2010)