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Fahrbericht

Ganz unten: Wie bei BMW die Limousine als Grand Coupé zurückkämpft

Opulenz, aber auch Dynamik auf fünf Meter Länge: BMW M850i Grand Coupé.
Opulenz, aber auch Dynamik auf fünf Meter Länge: BMW M850i Grand Coupé.Clemens Fabry/Die Presse
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Bloß soll man sie nicht mehr so nennen: BMW dreht das alte Prozedere effektvoll um und lässt dem 8er Coupé eines mit vier Türen nachfolgen: das Grand Coupé.

Wien. Die feinen Hersteller, namentlich Deutschlands Premium-Marken, leben gut von der Nachfrage nach hochpreisigen SUVs. Sie befeuern sie auch nach Kräften, mit immer neuen Varianten, seien es groteske Power- und Performance-Auswüchse oder Zweieinhalb-Tonnen-„Coupé“-Derivate.

Aber irgendwie wurde man das Gefühl nie los, da ist mehr Geschäft als Liebe im Spiel. Immerhin war die klassische Limousine, ganz speziell der Oberklasse mit viel Luxus und PS, das angestammte und lang lukrative Revier von Audi, BMW und Mercedes; selbst VW drängte machtvoll, wenn auch glücklos hinein (mit dem Phaeton). Als Lexus in den 1980ern auf den Markt kam, tat man das selbstredend mit einer dicken Luxus-Limo. Das Prestige war eben dort zu Hause.

Limousine, eindeutig, und gar keine knappen Platzverhältnisse mit über drei Metern Radstand: 8er Grand Coupé.Clemens Fabry

Weil der Markt aber stets nach Abwechslung und Neuigkeiten giert, auch der vornehme, fiel die Limousine in einem schleichenden Prozess langsam in Ungnade – zeitgleich mit dem Aufstieg des SUVs. Dann kam auch noch Tesla und fegte mit dem elektrischen Model S die deutschen Protzhobel auf vielen Märkten hinweg. Die waren plötzlich mega oldschool.

Doch jeder Trend hat einen Gegentrend, und so erleben wir gerade das Revival der Limousine. Nur soll man sie bloß nicht mehr so nennen.

Bei BMW etwa heißt sie Grand Coupé und basiert auf der neuen 8er-Reihe, die 2018 als echtes, also zweitüriges Coupé lanciert wurde. Erst im zweiten Schritt – damit im exakt umgekehrten Prozess wie früher üblich – wurde die viertürige Variante abgeleitet. Das 8er Grand Coupé ist ein viertüriges Fünf-Meter-plus-Schiff mit über drei Metern Radstand, das den angestaubten Eindruck der Limousine tunlichst vermeiden möchte. Nach unserem Dafürhalten erfolgreich.

Hochwertiges Interieur mit markentypischer Techno-Gediegenheit.
Hochwertiges Interieur mit markentypischer Techno-Gediegenheit.Clemens Fabry

Erstens ist es erfrischend, ein gänzlich neues Modell zu begutachten, das kein SUV ist. Ästhetisch ist der 8er mit zwei als auch vier Türen eine starke Ansage. In markentypischer muskulärer Eindeutigkeit: Straßenpräsenz geht auch ohne Karosserie-Hochbau, was sich mit dem Eindruck von Eleganz und Stilsicherheit wesentlich besser verträgt.

Man kann sich zweitens ausmalen, dass dies fahrdynamisch mehr bereithält, wenn der Schwerpunkt tief liegt und die Radhäuser gut von den Reifen ausgefüllt sind. Bei aller Opulenz kommt der M850i (ab 143.250 Euro) bei um die zwei Tonen Gewicht zu stehen. Das Gegenstück als SUV hätte wohl mindestens 400 Kilogramm mehr zu schleppen.

Geboten wird das Grand Coupé mit Sechszylinder als 840i (340 PS; mit oder ohne Allrad) und 840d (320 PS), im Spitzenmodell knotzt ein 4,4-Liter-Turbo-V8 mit 530 PS unter der sehr langen Motorhaube.

Schlanker Coupé-Charakter, keine leichte Übung der stattlichen Ausdehung mit über fünf Metern Länge.
Schlanker Coupé-Charakter, keine leichte Übung angesichts der stattlichen Ausdehung mit über fünf Metern Länge.Clemens Fabry

Innen Prunk und Hightech-Gediegenheit nach Art der Marke, am Lenkrad die Lust auf Kurven, wenn man nicht bloß satt und luftgefedert dahinschwebt, die höchst effektive Hinterachslenkung gaukelt ein kürzeres, leichteres Fahrzeug vor, als man tatsächlich lenkt. Höchste Stilnoten für diese Art Limo, die sich als Grand Coupé nochmals in die Schlacht wirft. (tiv)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2020)