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Im Hintergrund macht sich Tolstoi gut

Eine Bücherwand bietet sich als repräsentativer Hintergrund für die Videotelefonie geradezu an.
Eine Bücherwand bietet sich als repräsentativer Hintergrund für die Videotelefonie geradezu an.Die Presse / Clemens Fabry
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Bis vor Kurzem zog man sich in die eigenen vier Wände zurück, um ungestört zu sein. Nun sind wir so ungestört, dass wir möglichst mit Bild herausfunken, um mit anderen zu Ungestörten zu kommunizieren. Das Innere wird also nach außen gestülpt.

Auf privater Ebene waren wir das Videotelefonieren schon ein bisschen gewohnt, wussten also, dass sich die eine Freundin zum Telefonieren auf dem Sofa zusammenrollt, der Bruder beim Sprechen auf und ab geht und mit plötzlichen Schwenkbewegungen des Telefons eine Art Seekrankheit auslösen kann und die Kinder, am ehesten an diese Art der Kommunikation gewohnt, zu den irrwitzigsten Grimassen fähig sind.

Nun trifft man sich aber auch vielerorts beruflich in Videokonferenzen, was teilweise amüsante, aber auch beunruhigende Details aus dem Leben der anderen zu Tage bringt, wie man hört. So achten manche darauf, Eindruck zu schinden (Kunst im Hintergrund, perfekt aufgeräumte Wohnung), während andere am Küchentisch sitzen und sich während der Besprechung ein Nutellabrot schmieren. Man ist ja zu Hause. Der eine wahrt seine Würde, indem er ein gebügeltes Hemd trägt, andere machen sich mit dem T-Shirt der Lieblingsband Mut. Die Besprechungen der „Presse“-Redaktion finden übrigens nur per Ton statt, auch wenn es nach vielen Jahren im Großraumbüro wenig Geheimnisse gibt. Aber die gilt es zu wahren.

Denn es ist nicht zu vermeiden, dass der Bildausschnitt Neugierigen einiges verrät, auch im Fernsehen, wo zu Gesprächspartnern ins Home-Office geschaltet wird. (Wer übrigens meint, Kinderbetreuung und Home-Office ließen sich vereinbaren, hat es noch nicht probiert.) Ein paar Gesetzmäßigkeiten lassen sich festmachen: Im Hintergrund ist immer eine beeindruckende Bücherwand zu sehen, wenn möglich auch eine Zimmerpflanze. Man muss auf die Details achten: Fotos, Souvenirs, Zettelwerk. Einblicke, die in einer Zeit, wo alle auf Distanz gehen, ein wenig Nähe schaffen.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2020)