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Corona Briefing Tag 12

Was wir/ich an der Krise positiv sehe(n) – und was nicht  

Tag 12 nach den Ausgangsbeschränkungen: Am Freitag will die Regierung weitere Maßnahmen verkünden.Clemens Fabry/Die Presse
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Ein versuchter Blick mit der rosaroten Brille und Schutzmaske auf Nörgler, Zahlen und den Westbalkan.

Guten Morgen! Mehrere Leser dieser Frühnachrichten aus besonderem Anlass haben mich ernsthaft aufgefordert nicht nur negative Meldungen zu verbreiten, sondern auch positive Geschichten zu erzählen und diese falls möglich mit einem der Situation adäquaten Humor zu versehen. Ein Abonnent fordert mich zudem ultimativ auf, weniger zu nörgeln.

Ironie ist so schwer vermittelbar.

Ich versuche das jetzt einmal in einem Satz: 2019 war wirklich ein großartiges Jahr.

Und weiter geht es mit einer hellrosa Brille, die sich möglicherweise bei der ersten großen Regierungszwischenbilanz der bisherigen Ausgangs- und Handelsbeschränkungen mit Zahlen-Analysen und vorsichtigen Einschätzungen möglicher Kurven-Entwicklungen heute wieder leicht verdunkeln wird. Das Nörgeln, wie in Österreich Kritik gerne verharmlosend und ein bisschen bösartig genannt wird, übernehmen längst andere. Unternehmer kritisieren, dass die Wirtschaftshilfe zu spät und zu bürokratisch fließe. Positiv: Es wurde schnell der hohe Betrag beschlossen, die betroffenen Ministerialbeamten, die eben noch ein Nulldefizit verhandelt hatten, brauchten verständlicherweise ein bisschen. Die Neos ärgern sich, dass die Wirtschaftskammer die Auszahlung übernimmt, die Finanzämter sollten das übernehmen. Positiv: Die Wirtschaftsliberalen vertrauen unseren Steuereintreibern! Von wegen neoliberal…

Etwas stimmungsvoll dürfte es werden, wenn das Ausmaß der ersten direkten Nothilfe für Ein-Personen-Unternehmen, neue Selbstständige und Kleinstunternehmer (unter zehn Vollzeit Mitarbeitern) eben all diesen bekannt wird: Bis zu einem Nettoeinkommen von 6000 Euro gibt es 500 Euro, darüber 1000 Euro Soforthilfe. Darüber hinaus kann man für drei Monate je nach Einkommenseinbuße bis zu 2000 Euro mit entsprechenden Unterlagen beantragen. Das ist insgesamt viel für die bald klammen Staatsfinanzen und vermutlich wenig für viele Ein-Kopf-Unternehmen. Aber wie aus guten Quellen zu vernehmen ist, sollen heute weitere neue Maßnahmen für die Wirtschaft und andere mit Geldsorgen präsentiert werden.

Denn in der Wirtschaft mehren sich die Stimmen jener, die die Vollbremsung für Handel, öffentliches Leben und Standort als zu radikal empfinden und mit April zumindest ein langsames Wiederhochfahren fordern – was spätestens mit Anfang Mai ohnehin geplant ist. Wie schon einmal geschrieben: Wer ernsthaft glaubt, Politiker könnten die Krise nutzen, um höhere Zustimmungsraten zu bekommen, irrt. Echte Krisen sind politisch kaum auszunutzen. Das ist zwar nicht positiv, aber irgendwie tröstlich.

Eine Alternative als die Bremsung können die Nörgler - Verzeihung: Kritiker - leider auch nicht wirklich nennen. Gefährdete Personen und Risikogruppen einfach für mehrere Monate vollständig wegzusperren, ist nicht möglich, auch Jüngere können zudem von schweren Corona-Erkrankungen betroffen sein. Wenn Donald Trump flapsig meint, die Kur dürfe nicht schlimmer und gefährlicher als die Krankheit sein, hat er sich die Krankheit und das Desaster in seiner alten Heimat New York noch nicht richtig angesehen.

Eine Nachricht sollte Österreicher wirtschaftlich und vor allem geostrategisch – auch dank der Pandemie-Überraschung ahnen wir, dass das unter Umständen wichtiger werden könnte – optimistischer stimmen: Auf EU-Außenminister-Ebene gibt es grünes Licht für langwierige EU-Beitrittsverhandlungen für die Westbalkanstaaten Albanien und Nordmazedonien, die beide für Österreichs Wirtschaft zwar sehr kleine, aber nahe Hoffnungsmärkte sein könnten. Beide Länder in die Gemeinschaft mit ersten Verhandlungen zu binden, stabilisiert nicht nur eine mehr als fragile Region, sondern hat einen ganz einfachen Effekt, der in der Corona-Krise sogar in der höfischen Staatskanzlei in Paris langsam verstanden wird. Als Virusmasken-Retter in der Not hat sich China am Balkan endgültig zu neuen einflussreichen Macht ins Spiel gebracht, in Belgrad warf sich die Regierung ebenso an Pekings Brust wie die maroden Griechen vor ein paar Jahren. Der wichtigste chinesische Hafen in unserer kleinen eurozentrischen Hemisphäre heißt bekanntlich Piräus. Auch uns helfen die Chinesen mit Schutzausrüstungen, nicht nur China-Handelslobbyisten wie Christian Kern applaudieren da (durchaus zu Recht).

Aber besser spät als nie: In dieser Krise haben die Europäer vielleicht endlich verstanden, dass uns die Auslagerung der beinahe gesamten Produktion von medizinischem Equipment und Medikamenten fern des Kontinents irgendwann teuer zu stehen kommt. Und zwar genau jetzt.

Den Schlusswitz überlasse ich lieber Armin Wolf, lustiger, humorvoller und geistreicher als er kann man keinen journalistischen Auftritt beenden. Wenn ich morgen erst später schreibe und schicke, machen Sie sich bitte keine Sorgen um mich. Das war ironisch.

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