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Sobald wir wieder dürfen, werden wir draußen sitzen und das pralle Leben feiern wie nie zuvor. Wien in diesen Tagen.
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Eine „Spectrum“-Umfrage

Vom Leben nach der Corona-Krise: elf Visionen

Wie wird die Corona-Krise die Welt verändern? Werden Ausgangsbeschränkungen, „Social Distancing“ und der Kampf um die letzte Rolle Klopapier das Leben danach prägen? Oder bleibt alles beim Alten? Antworten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft.

KARL-MARKUS GAUSS

Gerne würde ich Matthias Horx glauben, der in einem viel beachteten Text geschrieben hat, dass die Gesellschaft aus der Corona-Krise geläutert herauskommen werde, sich jedenfalls am Ende vielerlei zum Besseren, zum Vernünftigen geändert haben könnte. Ich bin da skeptisch: Die Not taugt nämlich nicht zum sozialen Erweckungserlebnis, und die Krise ist keine moralische Erziehungsanstalt. Warum also sollte vieles besser werden, weil es fast allen schlechter ergangen ist?

Natürlich befinden wir uns in einer schlimmen, aber auch spannend widersprüchlichen Situation: Da gibt es viele Zeugnisse von alltäglicher Solidarität; da ist ein Virus, das etwas Gleichmacherisches hat, insofern es alle gleichermaßen betrifft – die Risikogruppe, der zu meinem Erstaunen auch ich bereits angehöre, natürlich etwas mehr. Dennoch fürchte ich, dass sich die soziale Ungleichheit nach Ende der noch unabsehbaren Sonderperiode verschärfen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Konzerne, die jetzt Verluste einfahren, danach als soziale Institutionen agieren werden. Eher werden sie, was sie jetzt einbüßen, mit einem aus der Krise übernommenen strikten Reglement wieder wettmachen und ausbauen wollen – und das ist keineswegs eine moralische Frage, sondern für sie eine übrigens schon von Marx beschriebene ökonomische Notwendigkeit.