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Digital

Mut zur technischen Wissenslücke

Sich mit den Studierenden auszutauschen, sich zu hören und zu sehen ist gerade jetzt extrem wichtig für die Lehre.
Sich mit den Studierenden auszutauschen, sich zu hören und zu sehen ist gerade jetzt extrem wichtig für die Lehre.Getty Images
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Experten raten Hochschul-Lehrenden, die sich Corona-bedingt erstmals im Distance Learning versuchen, sich Schritt für Schritt vorzuhanteln und ehrlich zu den Studierenden zu sein.

Das in Corona-Zeiten verordnete Distance Learning ist für akademische Institutionen nicht minder herausfordernd als für Schulen oder Betriebe. Da den Lehrenden bisher weitgehend freigestellt war, die an den Hochschulen installierten Lernmanagementsysteme (etwa Moodle, Blackboard, Ilias) oder frei am Markt erhältliche Fernlehre-Tools zu nutzen, betreten viele von ihnen derzeit Neuland. Eine enorme Herausforderung auch für die Hochschul-Abteilungen, die mit dem technischen Support und der didaktischen Unterstützung einer ungleich größeren Zahl von Lehrenden beauftragt sind. „Nicht nur die Technik bricht ein, die ja nie auf eine komplette digitale Universität ausgelegt war, sondern es fehlen die Prozesse. Wenn ich nicht zehn Leute mit Beratungsgesprächen serviciere, sondern zweitausend, die alle die gleiche Frage haben, ist das ein ganz anderer Prozess“, sagt Peter Ebner, Leiter der Abteilung „Lehr- und Lerntechnologien“ an der TU Graz.

 

Vorhandene Tools nutzen

Ebner ist auch Präsident des Vereins „Forum Neue Medien in der Lehre Austria“ (FNMA) – des Dachverbands für digitale Bildungsangebote aller österreichischen Hochschulen. Jede Hochschule habe zumindest eine Servicestelle, deren Kapazität von der Größe der Institution abhänge. In Zeiten wie diesen hätten diese Abteilungen allerdings wenig Zeit für Beratungsgespräche, so Ebner. An seiner Abteilung behelfe man sich mit Handlungsanleitungen, so- dass die Lehrenden mit den bereits vorhandenen Tools einfach und schnell umzugehen lernen, etwa dem Streamen von Vorlesungen. „Wenn man sich daran hält, geht es einigermaßen. Das ist zwar weit weg von Perfektion, aber die Lehre kann damit von heute auf morgen weiter laufen, und das ist einmal das erste Ziel.“ Ein nächster Schritt seien Videokonferenzen. Davon werde inzwischen sehr stark Gebrauch gemacht. Zweifellos seien dabei an einer Technischen Universität weniger emotionale Hürden zu überwinden als an anderen Hochschulen. „Bei uns spielt man einfach ganz gern mit neuer Technik.“

Die Medienskepsis vieler anderer Lehrender sei nicht nur einer meist schlechten Ausbildung im Bereich der Computertechnologien geschuldet, sondern auch der Angst, sich im Hörsaal eine Blöße zu geben, sagt Daniela Wolf, E-Learning-Expertin an der Ferdinand Porsche FernFH. „Mein Appell an Lehrende ist daher immer: Mut zur technischen Wissenslücke. Sagen Sie Studierenden, dass Sie gerade erst am Anfang stehen und viele Dinge vermutlich noch nicht so rund laufen, wie Sie das gern hätten. Und beziehen Sie die Studierenden mit ein. Ihre Hilfsbereitschaft ist meist größer, als man glauben möchte.“

Akut in der jetzigen Situation würde Wolf Lehrenden, die noch kaum Erfahrungen mit E-Learning haben, zu dem virtuellen Hörsaal raten, der durch die jeweilige Hochschule bereits installiert ist. Parallel dazu empfiehlt sie den Lehrenden, am Ball zu bleiben und die aktuelle Bewegung von Präsenz- zu Fernlehre zu verfolgen. „Gerade in sozialen Medien tut sich diesbezüglich unglaublich viel. Viele Menschen bieten ihre Unterstützung an, es werden unzählige Step-by-Step-Instructions zum Einsatz unterschiedlicher Tools sowie digitale Lehr- und Lernmaterialien von anderen Lehrenden zur Verfügung gestellt.“

 

Passendes aussuchen

Auch Christian Freisleben-Teutscher, E-Learning-Didaktiker am Service- und Kompetenzzentrum für Innovatives Lehren und Lernen (SKILL) der Fachhochschule St. Pölten, rät, sich mit den Möglichkeiten der Lernplattformen auseinanderzusetzen und sich zu fragen, was zur eigenen Didaktik passe. Danach könne man den Studierenden Materialien zur Verfügung stellen, die diese auf verschiedene Weise und mit Terminvorgaben bearbeiten. Außerdem solle klar angegeben werden, „was die verschiedenen Arbeitsschritte auf der Notenebene wert sind“. Zusätzlich seien jetzt Fernlehre-Tools wie Webex, Adobe Connect, MS Teams, Zoom sehr wertvoll, weil es extrem wichtig sei, sich auszutauschen, sich zu sehen, zu hören. „Man hat sich in einer Stunde so in die Grundfunktionen eingearbeitet, dass man damit arbeiten kann. Wichtig ist, dass auch die Studierenden vorbereitet hineinkommen, schon etwas gelesen oder entwickelt haben und in der Präsenzsituation miteinander und mit den Lehrenden in einen Austausch gehen, bei dem es um Vertiefung, Anwendung, Diskussion geht.“ Letztlich gehe es darum, Lehre so zu gestalten, „dass der Effekt eintritt, dass sich alle für den Prozess mitverantwortlich fühlen, geeint durch Ideen, durch Materialien, die sie erstellt haben, durch Prototypen und durch verschiedene Rollen wie Moderation, Dokumentation, Anleitung, Bewertung“.

Aus Ebners Sicht hat sich gerade der Austausch per Videokonferenz schon weitaus positiver entwickelt als erwartet. „Natürlich gibt es auch viele Hoppalas. Es ist einfach insgesamt ein riesiges Lernen am Objekt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2020)