Helfers "Bagage" und Bruegels "Kinderspiele"

Jetzt habe ich es doch getan, das Buch fertig lesen, das mich zumindest literarisch mit der Zeit vor dem Shutdown verbindet. Es führte mich direkt zu Bruegels Kinderspielen.

Jetzt habe ich es doch getan, das Buch fertig lesen, das mich zumindest literarisch mit der Zeit vor dem Shutdown verbindet. Nur wenige Seiten haben mir noch gefehlt, aber ich wollte nicht. Ich wollte es nicht zuklappen und beiseite legen. Heute früh war es aber so weit, irgendwann wird dieses Klammern ja auch lächerlich, und in der Früh, in der ich Bücher am liebsten beende, habe ich es getan. In der Früh ist schließlich gleich ein Tag zur Stelle, der einen weiterträgt, keine Zeit lässt für ein Zuviel an Sentimentalität, das ich vielleicht hätte, wenn ich manche Bücher in den Schlaf mitnehmen müsste.

Jedenfalls war es Monika Helfers „Die Bagage“, das erste Buch dieser Schriftstellerin für mich, aber nicht mehr lange, ich will mehr von ihr lesen, spätestens seit ich mit ihr durch einen Zufall, zusammengebracht durch unsere beiden Ehemänner, im siebten Bezirk vergeblich eine Bar gesucht habe, in der es Schnaps gab. Davor habe ich ihr noch meinen besten Rehrücken von der besten Jägerin von allen gebraten, mit lauwarmem Salat aus Belugalinsen und geröstetem Kürbis. Das Leben davor. War kein schlechtes nicht, voll lesen, kochen, schreiben und Kunst.

Monika Helfer, Die Bagage, Hanser VerlagPrivat

Schon das Titelbild des Buchs hat mich eingenommen, hat mir schon eine  Ahnung geschenkt - eine elegante, halbnackte junge Dame im verschwommenen Fotorealismus Gerhard Richters, dem Meister der Entzauberung der Erinnerung. Um das Erinnern geht es schließlich auch in dem Buch, um die unterschiedlichen Erzählweisen einer Familiengeschichte, die im Bann der unwirklichen Schönheit einer Art Urmutter zu stehen scheint, die noch dazu Maria heißt.

Auch am Ende des Buchs, auf den letzten Seiten dann – keine Angst, kein echter Spoiler – steht die Malerei: Bruegels Kinderspiele aus dem Kunsthistorischen Museum. Erst bekam ich dieses Bild, das ich so gut kenne, gar nicht vors innere Auge, zu schnell wollte ich weiter, zu den allerletzten Sätzen, die da in den Augenwinkeln schon erschienen sind. Und dann musste ich noch heftig weinen, wie vielleicht nur Mütter es tun, die Töchter haben.

Aber jetzt habe ich es aufgeschlagen im großen Bruegel-Taschen-Buch, man kann es aber auch hier sehen https://insidebruegel.net. Wie so oft sind Bilder, von denen man glaubt, sie sind für Kinder wie gemacht, die schwierigsten. Natürlich, jedes Kind kann hier viel entdecken, auf dieser Ebene funktionieren diese vielfigurigen frühen Tafeln Bruegels (um 1560) wie die Wimmelbilder, die man aus Kinderbüchern kennt. Natürlich, es ist ein Bild, in das wir uns gerade bestens versetzen können aufgrund der Lage – so viel Kinderspiele waren noch nie um uns arbeitende Eltern.

Einzig Bruegel ging es dabei nicht um Kinder und ihre Spiele. Schauen Sie sich alleine diese Gesichter an, es sind erwachsene. Und die Spiele, oft karikieren sie christliche Rituale und Aberglauben. Die Hochzeit im Bildmittelpunkt, Prozessionen mit leeren Fahnen, ein Johannisfeuer weit hinunter die Straßenflucht, an deren Ende man eine Art Kathedrale erahnen kann. Bruegel benutzt die Kinder und ihre „Spiele“ nur als rhetorisches Mittel sozusagen, als Metapher, um in verschlüsselter, ironischer Form eine theologische Linie zu vertreten, die, wie manche Forscher vermuten, auf den von Katholiken wie Lutheranern seiner Zeit gleichermaßen verfemten Theologen Sebastian Franck (1499-1542) beruhte.

Dieser Sebastian Franck wetterte gegen jegliche Art von Autorität, kirchliche wie weltliche, lehnte Bevormundung überhaupt radikal ab, verurteilte noch dazu die Verbindung von Kirche und Staat und betonte den Wert des „Inneren“ gegen den des „Äußeren“. Pazifist war er noch dazu – nur, die Trunkenheit lehnte er ebenso ab, ich werde ihn also doch nicht lesen. Bruegel aber tat das wohl. In einem seiner Brief hat Franck fast so etwas wie einen Bildtext zum viel später entstandenen Gemälde verfasst: durch all die Äußerlichkeiten der Kirche wären die Sakramente zu „eitlem Kinderspiel“ verkommen.