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Corona Briefing Tag 15

Vage Zahlen, falsche Hoffnungen, israelische Vernunft: Wir beginnen die Woche drei

Die Presse/Clemens Fabry
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Die Idee von „Big Data“ als elektronische Menschen-Leine. Und die Ungeduld als interessantes Phänomen dieser Tage.

Guten Morgen, heute, am Vormittag wird die Regierungsspitze eine erste vorsichtige Zwischenbilanz über zwei Wochen Ausgangsbeschränkungen und Teil-Shutdown des öffentlichen Lebens ziehen. Es wird sicher keine Entwarnung geben, es wird noch weitergehen. Zwar gibt es vergleichsweise positive Zahlen (die Zunahme der Anzahl der Infizierten schwächt sich ab) zu vermelden, aber diese sind relativ. Wenn endlich mehr Tests durchgeführt werden, schnellt auch die Zahl der mit dem Virus Angesteckten in die Höhe, so die Binsenweisheit. Die zweite betrifft die Dunkelziffer, solange man dieser nicht näherkommt, bleibt auch bei der Todesrate ein Fragezeichen. In Italien könnte sie übrigens noch massiv steigen, da manche Corona-Todesfälle nicht in die offizielle Zählung eingeflossen sein dürften. Und in Schweden steigt die Zahl ebenfalls schneller an.

Um die Situation besser einschätzen zu können, wird es daher wie von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) angekündigt, eine große statistische Umfrage/Erhebung geben. Da wissen wir in einigen Tagen mehr, etwa wann und wie das spätfrühlingshafte Wiederwachen des öffentlichen Lebens vor sich gehen soll, also etwa mit oder ohne Gesichtsmasken-Aufforderung oder mit elektronischer Menschen-Leine. Sebastian Kurz hat „Big Data“ als eine mögliche Variante im Kampf gegen das Virus nach der Teil-Quarantäne genannt, Südkorea und Israel haben das bereits implementiert, in Österreich wird das wohl kaum möglich sein. Aber mit dem Satz sollte man nach den vergangenen zwei Wochen als Journalist vermutlich vorsichtig sein. Kollegin Ulrike Weiser hat jedenfalls recherchiert, was Kurz damit gemeint haben könnte, Und was nicht. Grünen-Klubchefin Sigi Maurer dementierte Sonntagabend jedenfalls glaubhaft, dass solche Pläne in der Regierung gewälzt würden. Oder besser: In der Koalition. Hier jedenfalls die möglichen Szenarien, von denen das Modell mittels Freiwilligkeit vermutlich das wahrscheinlichste werden dürfte. „Das ist auch rechtlich die einfachste Variante. Mit (informierter) Einwilligung ist fast alles möglich.“

Die Dauer von zwei Wochen bemerkte man an diesem Wochenende auch an einem etwa gereizt-vorwurfsvollen Ton in Posts und Mails. Nein, meine Charakterisierung von Peter Hacker als sehr schwierigen, aber sehr intelligenten SPÖ-Politiker war kein Beitrittsgesuch an die Sozialdemokraten. Nein, ich will nicht, dass Sebastian Kurz als Corona-Schutzherr auf Lebenszeit ernannt wird. Nein, wir haben nicht Wahlkampf. Ja, das ist bei manchen schwierig zu Hause dieser Tage.

Ein interessantes Phänomen dieser Tage ist die Ungeduld. Die, die Isolationsphase lieber gestern als heute beenden zu wollen, verstehe ich. Eine andere nicht: Noch ist die Krise längst nicht vorbei, noch wissen wir nicht wie viele Tote Österreich zu verzeichnen haben wird, und schon sind die ersten Mahnungen da, die richtigen Zahlen jetzt zu vergleichen. Wir wissen es aber noch nicht. Ähnlich schräg ist die Forderung, Lehren aus der Krise zu ziehen und Prognosen wie sich das Leben verändern wird: Wer will das jetzt wissen, wenn wie nicht einmal wissen, wie das ausgeht? Ok, „Zukunftsforscher“ sind für Wissenschaftler, was Horoskop-Autoren für Journalisten sind: Beneidenswerte Zeitgenossen mit blühender Phantasie. Ein ganz anderes Kaliber ist der israelische Historiker und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari, der in der Financial Times (und in der Zweitverwertung in der NZZ) über die aktuelle Krise schreibt. Zwei Passagen daraus, eine einfache: „Nehmen wir zum Beispiel das Waschen der Hände mit Seife. Das war einer der größten Fortschritte in der Geschichte der Hygiene. Diese simple Maßnahme rettet jedes Jahr Millionen von Leben. Wir finden sie selbstverständlich, dabei erkannten die Wissenschaftler erst im 19. Jahrhundert, wie wichtig es ist, die Hände mit Seife zu waschen. Vorher gingen sogar Ärzte und Krankenschwestern von einer Operation zur anderen, ohne es zu machen. Heute waschen sich Milliarden von Menschen täglich die Hände, nicht weil sie die Seifenpolizei fürchten, sondern weil sie die Fakten kennen. Ich wasche meine Hände mit Seife, weil ich von den Viren und den Bakterien gehört habe. Ich habe verstanden, dass diese winzigen Organismen Krankheiten verursachen können und dass Seife sie beseitigen kann.“ Sein Credo lautet: individuelle Vernunft statt Nachwächter- oder Polizeistaat. Und passend zu unserer aktuellen Diskussion um die zeitweise (derzeit notwendige) Einschränkung mancher Bürgerrechte meint Harari: „Zentralisiertes Monitoring und drakonische Strafen sind nicht das einzige Mittel, das dazu führt, dass sich die Leute an Regeln halten, die ihr eigenes Wohl schützen. Wenn die Bürger die wissenschaftlichen Fakten kennen und wenn sie den Regierungen glauben, dass sie ihnen diese Fakten offenlegen, dann tun sie das Richtige, ohne dass ihnen Big Brother über die Schulter schauen müsste. Eine eigenverantwortliche, aufgeklärte Bevölkerung bringt gewöhnlich viel mehr zustande als eine unwissende und gegängelte.“

Klingt einleuchtend. Sein nächstes Buch ist wohl schon in Arbeit. Es erscheint aber hoffentlich erst NACH der Krise.

Bis morgen. Dann mit ein paar Zahlen. Und der Frage: Was wurde eigentlich aus der FPÖ?

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