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Der ökonomische Blick

Corona-­Externalitäten zwischen Herden­immunisierung und Lockdown

Leere Straßen in Wien
Leere Straßen in Wien: "Social Distancing scheint zwar das Gebot der Stunde, stellt aber auch eine Gratwanderung zwischen einer ethisch vertretbaren Bekämpfung des Virus und einer nachhaltigen Schädigung des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens dar."Clemens Fabry/Die Presse
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Hannes Winner und Engelbert Theurl über die Auswirkungen des Coronavirus.

Vor genau hundert Jahren, im Jahr 1920, hat der britische Ökonom Arthur Cecil Pigou gezeigt, dass private Märkte nur unter spezifischen Voraussetzungen befriedigende Ergebnisse liefern. Liegen diese nicht vor, z.B. wenn öffentliche Güter existieren oder Externalitäten auftreten, versagt der Markt. Damit lassen sich Staatseingriffe rechtfertigen. Die aktuell diskutierte CO2-Steuer zur Entschärfung der Klimakrise ist eine solche Intervention, die der Logik von Pigou folgt.

Externalitäten im Gesundheitswesen

Externalitäten entstehen, wenn die Aktivitäten eines Einzelnen Auswirkungen auf andere Gesellschaftsmitglieder haben, ohne dass ein Ausgleich über Einkommens- oder Preisanpassungen erfolgt. Im Gesundheitswesen existieren zahlreiche Beispiele für derartige Effekte, weil der individuelle Gesundheitszustand nicht nur Auswirkungen auf die eigene Wohlfahrt hat, sondern direkt oder indirekt auch die Gesundheit und damit die ökonomische Situation anderer Menschen beeinflusst. Ein Beispiel ist die Impfung gegen ansteckende Krankheiten: Lässt man sich impfen, schützt man sich zunächst selbst gegen den Krankheitserreger. Weil man nicht weiter ein Risikoträger ist, trägt man aber auch zur Immunisierung der Gesellschaft bei. Ist die Impfentscheidung der privaten Entscheidung überlassen, geht dieser positive Effekt nicht in das individuelle Kosten-Nutzen-Kalkül ein. Die Folge ist, dass aus gesellschaftlicher Sicht zu wenig geimpft wird. Das Ausmaß der positiven Impfungs-Externalität ist krankheitsspezifisch und hängt u.a. vom Schweregrad der verhinderten Krankheit, den Einflussfaktoren und Übertragungswegen der Ansteckung, der Effektivität der Impfung und der Zahl der bereits Immunisierten ab. Die bescheidene empirische Evidenz zu den Größenordnungen dieser Effekte zeigt eindeutig, dass diese substantiell sind.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Der Staat kann prosoziales Verhalten durch Subventionen oder Gratisimpfungen fördern, aber auch durch verpflichtende Impfungen schlichtweg vorschreiben. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von der Internalisierung des externen Effekts. Dabei bevorzugen sie grundsätzlich preisorientierte Instrumente wie Steuern, Subventionen oder Verhandlungslösungen.

Corona-Externalitäten und Social Distancing

Beim Corona-Virus handelt es sich um eine negative Externalität: Trägt eine Person den Virus in sich, erhöht sich die Gefahr einer Ansteckung für andere Menschen. Die große Problematik an der gegenwärtigen Situation ist, dass noch kein präventiv wirksamer Impfstoff existiert, der den Ansteckungszyklus durch aktive Immunisierung der Bevölkerung stoppen kann. Ebenso fehlen therapeutische Medikamente zur Behandlung der bereits Infizierten. Die Stimulierung bzw. vorgeschriebene Aktivierung einer positiven Impfungs-Externalität scheidet also aus. Damit verbleibt für den Staat die Verbotslösung, die entweder moderat oder rigoros umgesetzt werden kann. Bei der moderaten Umsetzung würden Risikogruppen isoliert, für den Rest der Bevölkerung wäre eine rasche Verbreitung des Virus durch Passivität oder kontrollierte Ansteckung zugelassen (Herden-Immunisierung). Unstrittig ist jedoch, dass dadurch die Letalität bei Risikogruppen stark ansteigen würde. Zudem wären Versorgungskonflikte und Verdrängungseffekte in der alltäglichen Gesundheitsversorgung zu befürchten, weil die Kapazitäten der Gesundheitsversorgung begrenzt sind und sich kurzfristig auch nicht einfach ausweiten lassen. Das Gesundheitssystem würde kollabieren.

Eine rigorose Umsetzung der Verbotslösung besteht in der Kappung von sozialen Interaktionen (Social Distancing), eine Form der Intervention, die in der Seuchengeschichte eine lange Tradition hat. Dabei kommt es zum weitgehenden Abschneiden aller Interdependenzen mit dem Ziel, die Anzahl der schwer Erkrankten möglichst im Einklang mit den (intensivmedizinischen) Kapazitäten des Gesundheitssystems zu halten. Die Kosten dieser Strategie sind allerdings immens. Studien belegen, dass soziale Isolation zu massiven gesundheitlichen Folgen und erhöhter Mortalität führt (z.B. Stress, psychische Erkrankungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Neben schwerwiegenden Belastungen des Familien- und Gesellschaftslebens (z.B. Vereinsamung oder häusliche Gewalt) ist auch eine Gefährdung des generationenübergreifenden Zusammenhalts zu befürchten.

Wirtschaftlicher Lockdown

Im Wirtschaftsleben werden wir dramatisch daran erinnert, dass Konsum größtenteils kein individuelles, sondern ein soziales Ereignis ist. Viele Produktionen – man denke nur an den Dienstleistungssektor – sind auf physische Interaktionen zwischen und innerhalb der Anbieter- und Nachfragerseite angewiesen. Unterbrechungen von Versorgungs- und Wertschöpfungsketten erzeugen schwere Verwerfungen auf Märkten, die ganze Branchen und ihre Betriebe lahmlegen und die Arbeitslosigkeit rasant anwachsen lassen (Lockdown). Auch der Kultur- und Freizeitbetrieb, dessen Attraktivität wesentlich von Zuschauerinteresse und sozialer Interaktion bestimmt werden, gerät in eine gefährliche Notlage. Die vielleicht größte Gefahr besteht aber in wiederholten Ausbreitungswellen und neuerlichen Lockdowns.

Corona verdeutlicht uns in diesen Tagen in einzigartiger Weise, dass Externalitäten eine Folge von menschlichen Interaktionen sind. Social Distancing scheint zwar das Gebot der Stunde, stellt aber auch eine Gratwanderung zwischen einer ethisch vertretbaren Bekämpfung des Virus und einer nachhaltigen Schädigung des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens dar. Je länger der Lockdown anhält, desto schärfer wird dieser Zielkonflikt zutage treten und Entscheidungsträger (auch politisch) dazu zwingen, die Strategie des Social Distancing zu hinterfragen. Die enormen Kosten der negativen Corona-Externalitäten machen uns jedenfalls klar, welch segensreiche Wirkung Impfungen gegen ansteckende Krankheiten entfalten.

Die Autoren

Hannes Winner ist Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Salzburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Finanzwissenschaft, Gesundheitsökonomik und angewandte Ökonometrie.

Engelbert Theurl
ist Universitätsprofessor (in Ruhestand) für Volkswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Finanzwissenschaft und Gesundheitsökonomik.

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