Warum Deutschland nicht Weltmeister wird

(c) APN (Jens Schlueter)
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Selten gewann bei einer Fußball-WM das beste Team. Deutschland wurde dreimal unverdient Weltmeister. Diesmal wäre der Titel gerecht, so wie 1934 Österreich hätte gewinnen müssen. Eine Zeitreise.

"Jetzt hätten sie es sich wirklich verdient“, sagte nach dem Argentinien-Spiel ein Kollege und traute seinen eigenen Worten nicht. Unsere Lieblingsfeinde sind uns plötzlich sympathisch geworden. Denn „sie“ spielen nun einmal den schönsten Fußball bei dieser WM. Und genau das ist ein Problem. Denn schöner Fußball führte selten zum Titel. Das haben ebenfalls die Deutschen eindrucksvoll bewiesen. Ihre drei Titel sind genauso ein Missverständnis, wie jene vier der Italiener. Aber bitte der Reihe nach.

Denn bereits der erste Weltmeister Uruguay 1930 hatte ganz und gar nichts Weltmeisterliches an sich – außer den Heimvorteil. Denn die besten Mannschaften der Welt – England und Österreich – konnten sich die teure Schiffsreise nicht leisten – und sagten ab.

Wunderteam gegen Mussolini

Die große Ära des österreichischen Wunderteams um Kapitän Matthias Sindelar startete ein Jahr später und wurde im WM-Halbfinale 1934vom schwedischen Schiedsrichter Ivan Eklind gestoppt. In der 18.Minute traten mehrere Italiener den österreichischen Tormann Peter Platzer samt Ball über die Torlinie. Eine Flanke auf Stürmer Karl Zischek köpfte der Schiedsrichter persönlich weg. Nur so wurde Italien Weltmeister. Immerhin war Eklind am Tag vor dem Spiel Ehrengast bei Diktator Benito Mussolini. Gerüchten zufolge soll der Duce während des Gesprächs mit einem Revolver auf die Männlichkeit des Referees gezielt haben.

Und 1938? Nicht Italien ist der wahre Sieger, sondern die Schweiz.Die Eidgenossen schossen im Achtelfinale das Deutsche Reich, haushoher Favorit, mit 4:2 aus dem Turnier und wurden die großen Helden der zivilisierten Welt.

Dass Uruguay 1950 im entscheidenden Spiel Gastgeber Brasilien vor 200.000 fanatischen Zuschauern im Maracanã-Stadion 2:1 schlug und damit für eine der größten Sensationen in der Fußballgeschichte sorgte, ist bekannt. Brasilien wäre also der „würdige“ Sieger gewesen. Aber ohne diese bittere Niederlage hätte es wohl nie einen Neuanfang gegeben, der acht Jahre später die große Ära des brasilianischen Fußballs mit Pelé, Garrincha, Zagalo und Co. einleitete. Die WM-Titel 1958, 1962 und 1970 sind würdig und recht.

Und dazwischen. Deutschland 1954? Ein großer Irrtum mit nachträglicher Verklärung. Natürlich war Ungarn die Mannschaft der Stunde. Und das Finale war geprägt von einem Schiedsrichter, der Ferenc Puskas und Kollegen klar benachteiligte. Genauso wie 1966 England unverdient Weltmeister wurde. Nicht wegen des Lattenpendlers im Finale gegen Deutschland. Das beste Team des Turniers war Portugal mit einem überragenden Eusebio. Dass man das Halbfinale gegen England 1:2 verlor, lag an einem Herrn namens Nobby Stiles, der sich gegen Eusebio etwas zurechtgelegt hatte, das den Fußball nachhaltig zu seinem Nachteil veränderte. Man nennt es Manndeckung.

Doppelweltmeister Holland

1974 Deutschland? Gegen Cruyff, Rensenbrink, Neeskens und Co. waren Beckenbauer, Müller und Breitner Holzhacker. Holland hätte sich auch vier Jahre später unter Trainer Ernst Happel den Titel verdient. Der Schuss von Rensenbrink in der Nachspielzeit hätte ins Tor und nicht an die Stange gehen dürfen. Und dann? Who the fuck is Mario Kempes?

1982 ist schwierig. Dass weder Italien noch Deutschland etwas im Finale zu suchen hatten, ist klar. Brasilien und Frankreich spielten den schönsten Fußball. Und allein für das tolle Halbfinale gegen Deutschland hätten sich die Franzosen ihren ersten WM-Titel verdient gehabt.

1986, die Hand Gottes, Diego Maradona, alles natürlich völlig gerecht. Argentinien der würdigste Weltmeister aller Zeiten. Hingegen 1990 Deutschland: never. England und Paul Gascoigne hätten gewinnen müssen. Das Halbfinale wurde übrigens nicht im Elfmeterschießen entschieden, sondern durch eine Gelbe Karte. Als Gascoigne die zweite Verwarnung im Turnier erhielt, wusste er, dass für ihn alles vorbei ist. Seine Schockstarre angesichts einer Sperre in einem möglichen Endspiel entschied das Duell für Deutschland.

Die uninteressanteste WM der jüngeren Zeit fand 1994 in den USA statt. Das Finale zwischen Brasilien und Italien, das torlos endete und im Elfmeterschießen entschieden wurde – Roberto „Zopferl“ Baggio verschoss –, steht sinnbildlich dafür. Brasilien gewann ohne zu zaubern. Diese WM hat sich gar keinen Weltmeister verdient.

Vier Jahre später wieder eine komische Ausnahme: Frankreich und Zidane siegten nach überragender Vorstellung im eigenen Land. Auch 2002 holte Brasilien in Japan-Südkorea den Titel mithilfe von Deutschlands Oliver Kahn und eines gewissen Ronaldo Luiz Nazario de Lima, genannt „Ronaldo“.

„Fußball kann ungerecht sein, manchmal gewinnt auch der Bessere“, sagte Deutschlands Philipp Lahm nach der Niederlage 2006 im Halbfinale gegen Italien. Doch nicht die Italiener spielten in Deutschland den schönsten Fußball, sondern Argentinien. Doch die waren im Viertelfinale von Deutschland im Elfmeterschießen geputzt worden. Jens Lehmann und der berühmte Zettel und der Rest ist Geschichte.

Die Geschichte ist meistens ungerecht. Und so sympathisch uns diese deutschen Fußballer auch sein mögen, die schönste Freude ist noch immer die Schadenfreude. Vor allem im Fußball.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2010)

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