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Wiener Spaziergänge

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Klimt, Kliniken und der Kasperl: Eine kleine Anleitung für Stadtwanderungen anhand von Büchern über Kunst und Grauen.

Staub! Warum flohen die Wiener so gern aufs Land, obwohl es mit Kutschen keineswegs leicht zu erreichen war? Weil die Stadt in ihrer Geschichte immer wieder eine Großbaustelle war: Womöglich gar nicht so unterschiedlich von heute. Trotzdem wirkt Wien teilweise wie ein riesiges, fast unversehrtes Freilichtmuseum. Von finsteren und verschwundenen Orten handeln zwei Bücher des Styria Verlags. Der Historiker Johannes Sachslehner und der Höhlenforscher Robert Bouchal haben „Dunkles Wien. Orte des Schreckens und des Verbrechens“ geschrieben und sich dafür auf eine „Reise in das Innere von Wien“ begeben. Das ist der Titel der Essays, die Gerhard Roths siebenbändigen Romanzyklus „Die Archive des Schweigens“ abschließen. Eines der Hauptmotive der Bücher ist die Kapuzinergruft (ein Touristenhotspot, vorerst bis 14. April gesperrt). „Der Tod, das muss ein Wiener sein“, heißt es bei Georg Kreisler, die Friedhöfe gehören jetzt zu den wenigen Institutionen mit langen Öffnungszeiten. In Wien gibt es allerlei Makabres.

Dritter Mann Auch die Kanäle kommen oft vor, zuletzt in der „Freud“-TV-Serie (Netflix).(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Reichshaupt- und Residenzstadt der von vielen zunehmend verfeindeten Völkern bewohnten Habsburger-Monarchie war für ihre Bewohner, speziell jene der unteren Stände, kein Paradies. Am berühmtesten ist die Geschichte von Hitler im Männerheim in der Meldemannstraße. Dieses existiert nicht mehr, aber das Museum Niederösterreich in St. Pölten zeigt eine Ausstellung über den jungen Hitler und wie sein Wahn wuchs (geschlossen bis 14. April und dann zu sehen bis 9. August). Bouchal und Sachslehner haben bei ihrer Erkundung des dunklen Wien Orte aufgesucht und beschrieben, die es noch, und solche, die es nicht mehr gibt. Das Männerwohnheim in der Meldemannstraße etwa wurde bereits 2003 geschlossen und zu einem Altenpflegeheim umgebaut. Führungen gibt es immer wieder durch die Otto-Wagner-Kirche auf der Baumgartner Höhe (derzeit nicht).

Otto-Wagner Kirche Derzeit geschlossen.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Bouchal und Sachslehner durften auch nicht öffentlich zugängliche Orte des Modell-spitals wie das Schwimmbad besuchen. Sieht man heute auf die Behandlung von Kranken im Wien der Jahrhundertwende, kommen einem die Methoden mittelalterlich vor, für die damalige Zeit aber waren Therapien für psychisch Gestörte, wie sie am Steinhof angeboten wurden, progressiv. Wie in der neuen „Freud“-Mysteryserie (ORF/Netflix) zu sehen ist, erkundeten Mediziner früher vor allem den Körper und nicht die Seele, mit Freud änderte sich dies fundamental und für alle Zeiten. Freilich hatte der Begründer der Psychoanalyse gegen großen Widerstand zu kämpfen. Auch das zeigt die Serie. Der „Gugelhupf“ – oder „Narrenturm“ – beim alten AKH legt Zeugnis ab vom Wechsel der Betrachtungsweise – vom Wahn zur psychischen Krankheit. 

Friedhöfe Auch jetzt offen. „Der Tod muss ein Wiener sein“, sang Georg Kreisler.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Begeben wir uns auf etwas lichteres Terrain: Thomas Hofmann von der Geologischen Bundesanstalt in Wien und der Schriftsteller Beppo Beyerl haben „Die Stadt von gestern“ ausgeforscht und eine „Entdeckungsreise durch das verschwundene Wien“ unternommen, ein charmantes Lesebuch über den Fall der (Wiener) Mauer (Schleifung der Befestigungsanlagen ab 1858), die einstmals so großartigen Bahnhöfe, die Zahnradbahn auf den Kahlenberg und sogar die Milchversorgung, eine logistische Herausforderung für eine Großstadt im Wandel der Zeit und oft gefährdet vom Kriegsgeschehen. Wer mag, kann die vielen Fotos auf Lücken untersuchen: Das Riesenrad gibt es noch, es ist ein beliebtes Filmmotiv, die Rotunde schon lang nicht mehr. „Und hast vom Theater an der Wien nix mehr g’hört, das wird immer wieder eröffnet und g’sperrt“, lautet ein Satz aus einem Lied: Man könnte meinen, Theaterschließungen seien eine Ausnahme, sie kamen aber häufig vor, speziell in der Fastenzeit.

Narrenturm Heute ist hier das Pathologisch-Anatomische Museum untergebracht.(c) Die Presse (Clemens Fabry)


„Letzter Vorhang“ heißt das Kapitel im Buch „Stadt von gestern“ über verschwundene Bühnen wie das Carl-, das Bürger- und das Ringtheater. Der Brand des letzteren, der viele Menschen das Leben kostete, prägt bis heute die strengen Sicherheitsvorschriften für Wiens Bühnen. Einige schlitterten in die Pleite. Ein bisserl erschütternd klingt ein Satz am Schluss der Theaterrecherche von Hofmann und Beyerl: „Je besser es den Leuten ging, umso weniger besuchten sie Theater.“ Das wollen wir nicht hoffen. Die Wiener waren jedenfalls vergnügungssüchtig: Sie bevorzugten Lustiges, Musik- und Tanzetablissements (was vielleicht auch mit der Zensur zu tun hatte, die Gesellschaftskritik gern „abdrehte“ oder es zumindest versuchte, daher der Wurstel, den, wie es in einem Spruch heißt, „keiner derschlagen kann“). Das Burgtheater, die Josefstadt, das Ronacher, die Staatsoper sind auch Denkmäler, architektonische Juwelen, das sollte man beim gelegentlichen Murren über das, was drin stattfindet, nicht vergessen. Zwei Tablebooks (Taschen, Brandstätter) feiern Wien und bieten ein wahres Schauvergnügen. „Wien, Porträt einer Stadt“ von Christian Brandstätter, Andreas J. Hirsch und Hans-Michael Koetzle lockt auf „eine fotografische Entdeckungsreise durch die Donaumetropole“ von den Habsburgern bis in die Gegenwart, wobei das Historische überwiegt. Doch nicht nur der Prunk des Alten wird beleuchtet, auch der Alltag, etwa in der Nachkriegszeit mit Aufnahmen von Gabriela Brandenstein, Barbara Pflaum oder Franz Hubmann. Der Wiener „Hamur“ blüht: beim Heurigen, im Kaffeehaus, im Freibad.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)


Von Christian Brandstätter, Daniela Gregori und Rainer Metzger stammt „Wien 1900“: Das Kunstbuch widmet sich den Arbeiten und der Arbeitsweise berühmter Maler wie Klimt, Schiele, Kokoschka. Es ist aber auch deshalb inte­ressant, weil die Aufmerksamkeit des Betrachters oder Lesers auf Details gerichtet wird, die in der Fülle der Kunstschätze, die es in Wien gibt, oft untergehen. Wenn MAK, Belvedere oder Leopold-Museum wieder offen haben, werden wir diese gewohnten Attraktionen vielleicht mehr zu schätzen wissen als bisher. Klimts „Kuss“, Schieles „Kardinal und Nonne“, Kokoschkas Prominentenporträts, Richard Gerstls Selbstbildnisse kennen viele, aber wer waren die Mode- und Stoffdesignerin Mela Koehler oder der vielseitige Grafiker Franz von Zülow? Darüber ist viel in diesem Band zu erfahren – allerdings auch, dass Frauen als Modelle, Geliebte, Ehefrauen willkommen waren, aber es nur selten schafften, sich als Künstlerinnen durchzusetzen – kein Wunder, war doch der Zugang zu Universitäten lang nur Männern vorbehalten. Zum Abschluss ein Klassiker des Wien-Erlebnisses, dem man sich derzeit nur virtuell widmen kann, denn die Führungen durch das Kanalsystem (für jene, die diese olfaktorische Zumutung ertragen) fallen gerade aus: Die Kanäle sind ständig präsent – nicht nur im „Dritten Mann“ (Amazon Prime), sondern auch in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von David Schalko (Flimmit).