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„Tiger King“: Der Mensch ist dem Menschen ein Tiger

Joe Exotic, wie er sich selber nennt, mit einem seiner Tiger. Mittlerweile sitzt er im Gefängnis.
Joe Exotic, wie er sich selber nennt, mit einem seiner Tiger. Mittlerweile sitzt er im Gefängnis.(c) Netflix
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Wie ticken private Raubtier-Züchter? Die Doku-Serie „Tiger King“ blickt in Abgründe – und unterhält.

Irgendwann während der dritten Folge wird man denn doch stutzig. Man hat von Doc Antle gehört, der nicht nur über 150 Raubkatzen, Elefanten und Affen sein eigen nennt, sondern dazu noch einen eigenen Harem: Frauen, die er in jungen Jahren als Tierpflegerinnen angeworben und dann einer Gehirnwäsche unterzogen hat. Eine von ihnen berichtet, dass sie einer Brust-Vergrößerung zugestimmt hat, einfach nur der Aussicht wegen, ein paar Tage nicht arbeiten zu müssen.

Wir haben erfahren, dass Joseph Passage, der sich selber Joe Exotic nennt und mit der Knarre, die er immer mit sich herumträgt, gerne auf Gummipuppen schießt, mittlerweile hinter Gittern sitzt – unter anderem, weil er einen Mord an seiner größten Kontrahentin in Auftrag gegeben hat, wobei er das Pech hatte, dabei an einen FBI-Agenten zu geraten. Und als wäre das nicht genug, wird uns erklärt, dass eben diese Kontrahentin, Carole Baskin, verdächtigt wird, ihren reichen Ehemann um die Ecke gebracht zu haben. Das Gerücht geht um, sie habe ihn den Tigern zum Fraß vorgeworfen, durch den Fleischwolf gedreht oder in einer Kläranlage entsorgt, jedenfalls ist er verschwunden, bevor er die Scheidung einreichen und samt seinen Großkatzen zu seiner Freundin nach Costa Rica abhauen konnte.

Spätestens jetzt fängt man also an zu googeln, gibt sich natürlich nicht mit möglicherweise gefälschten Wikipedia-Einträgen zufrieden, sondern sucht weiter, bis man auf Artikel der „New York Times“ und der „Washington Post“ stößt, die breit von dem Prozess gegen Joe Exotic berichteten. Und in der „Tampa Times“ ist tatsächlich auch von dem möglicherweise grausam ermordeten Millionär die Rede!

Also das gibt es tatsächlich. „Tiger King“ – auf Deutsch unter dem weniger zündenden Titel „Großkatzen und ihre Raubtiere“ vermarktet – begleitet fünf Jahre lang einen eskalierenden Streit zwischen Raubtier-Haltern, wobei Dokumentarfilmer Eric Goode zu Beginn der Dreharbeiten noch nicht ahnen konnte, dass sich das Ganze zur True-Crime-Doku entwickeln würde: Zu diesem Zeitpunkt wurde die Fehde zwischen skrupellosen Tierzüchtern und zwielichtigen Tierschützern mittels Schimpftiraden auf Youtube und skurrilen Fotomontagen geführt. Eine zeigt Carole Baskins Kopf auf einem muskulösen Männerkörper, der bis auf eine riesige Windel nackt ist.

 

Verbrecherische Geschäftsmodelle

Der Sinn will sich nicht ganz erschließen, aber eines versteht man: Goode war schlicht fasziniert von diesen skurrilen Typen mit ihren oft tieftraurigen Biografien und ihren abwegigen, zum Teil verbrecherischen Hobbys bzw. Geschäftsmodellen. Eine Faszination, die sich rasch auf den Zuschauer überträgt. Mit ein bisschen Schaudern. Ziemlich viel Schaudern sogar.

„Tiger King / Großkatzen und ihre Raubtiere“, eine True-Crime-Dokuserie von Eric Goode. Sieben Folgen à 30 Minuten, derzeit auf Netflix.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2020)