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Plattenkritik

Dua Lipa: Die ideale Sirene für die Quarantäne

Frecher Powerpop: In ihrer Karriere hat die 24-jährige Dua Lipa alles richtig gemacht.(c) Universal Music
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Die britische Popsängerin hat sich weiterentwickelt: Mit „Future Nostalgia“ katapultiert sie sich an die Weltspitze. Ihre lebenslustigen Lieder tun gerade jetzt gut.

Mit diesem bunten Album ist Dua Lipa nicht bloß zur Nummer eins der britischen Pop-Ladies geworden. Die 24-jährige Tochter von nach London ausgewanderten Kosovo-Albanern arbeitet seit Jahren an ihrer Karriere und macht dabei alles richtig. Zunächst besuchte sie die Sylvia Young Theatre School, durch die schon Amy Winehouse (ohne Abschluss) ging. Dann kellnerte sie in der Bodega Negra in Soho und dachte sich ihren ersten Song „Hotter Than Hell“ aus, der ein Millionenpublikum fand. Das Stück fand sich auf dem erfolgreichen Debütalbum von 2017 wieder. Es folgten ein paar kluge Duette mit Sean Paul und St. Vincent, die allesamt große Hits wurden. Gescheit waren auch ihre Businessdeals mit Nobelmarken wie Jaguar, Revlon und Yves Saint Laurent.

Und jetzt folgt mit „Future Nostalgia“ ein knackiges, zweites Album, das ohne Füller und fadenscheinige Kollaborationen auskommt. Von ihrem textilen Styling her ist Dua Lipa stark von den Neunzigerjahren beeinflusst. Musikalisch greift sie trotz hypermoderner Produktion noch weiter zurück. Etwa auf Siebzigerjahre-Disco à la Nile Rodgers, auf Synthiefunk der Marke Prince und einmal, für das Stück „Love Again“, sogar auf die himmlischen Geigen eines Bing Crosby.

Dua Lipa: „Future Nostalgia“
Dua Lipa: „Future Nostalgia“(c) Universal

Mit Wucht ins Liebesnest

Für die strahlende Powerpopnummer „Physical“ kaperte sie ein paar Zeilen von Oliva Newton-Johns gleichnamigem Hit, um sie in ihrem (abgründigen) Sinn zu verändern. „Common love isn't for us, we created something phenomenal, don't you agree?“, fragt sie zu drängenden Beats. Mit beinah militärischer Wucht geht es dann ins Liebesnest: „All night I'll riot with you.“ Für „Good In Bed“ verharrt sie gleich in der Pose der Liebeshungrigkeit. Das neckisch groovende Lied wird von einem zart maliziösen Text geadelt. „We drive each other mad, it might be kinda sad, but I think that's what makes us good in bed.“

Diese Art von Durchblick ist rar im kommerziellen Segment der Popmusik, wo vorrangig geschmachtet und/oder bedauert wird. Der an die Ästhetik von Daft Punk gemahnende Titelsong hält ein paar köstliche Zeilen parat. Etwa: „I can't teach a man how to wear his pants.“ Der Refrain ist ohrwurmverdächtig. Pures Popgold ist auch das treibende „Don't Start Now“, in dem Dua Lipas Stimme immer wieder effektvoll bricht. In „Cool“ betört sie dann wieder mit erotischer Heiserkeit: „You got me, you got me losing all my cool, I guess we're ready for the summer.“ Ob sich diesen Sommer das innige Tête-à-tête ausgehen wird, muss sich erst zeigen. Ihre Welttournee hat Dua Lipa jedenfalls coronabedingt um ein Jahr verschoben. Von der Veröffentlichung ihres Juwels hat sie die Seuche nicht abbringen können.

Auch das zeigt, dass sich Dua Lipa ihrer Gaben sicher ist. Gerade jetzt sind optimistische, freche Lieder, wie es sie auf diesem Album zuhauf gibt, essenziell. Dua Lipa ist die ideale Sirene für die Quarantäne. „If you wanna run away with me I know a galaxy and I can take you for a ride“, verspricht sie in „Levitating“. Und: „If you're feeling like you need a little bit of company you met me at the perfect time.“ Fürwahr. Es tut gerade jetzt gut, sich von der Lebenslust, die diese Lieder ausstrahlen, inspirieren zu lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2020)