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Literatur

Die Allmacht der Maschine: Tom Hillenbrands „Qube“

Tom Hillenbrand
Tom Hillenbrand(c) imago/Horst Galuschka (imago stock&people)
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Der wunderbar wandelbare Spannungsautor Tom Hillenbrand legt mit „Qube“ einen packenden Science Fiction-Thriller rund um Künstliche Intelligenz und Unsterblichkeit vor.

Die gute Nachricht zuerst: Es tut gut, sich zur Abwechslung einmal nicht vor einem rabiaten Virus fürchten zu müssen. Die schlechte Nachricht: Der Computer, von dem wir alle gerade mehr abhängen denn je, ist auch nicht besser. Bis man das wahre Ausmaß dieser Durchtriebenheit erahnt, vergehen 550 Seiten nägelbeißender Spannung. Und auch nach vielen Drehungen und Wendungen ist letzten Endes nur eines sicher: die Hoffnung auf Fortsetzung.

Diese dürfte berechtigt sein, denn „Qube“, der neue Thriller des wunderbar wandelbaren deutschen Spannungsautors Tom Hillenbrand, ist ebenfalls ein zweiter Teil. Die neue Welt, die Hillenbrand in „Hologrammatica“ (erschienen 2018) erschaffen hat, war wohl zu schön, um sie literarisch brachliegen zu lassen. In dieser Welt gegen Ende des dritten Jahrtausends ist dank des Klimawandels vom bewohnbaren Gebiet nicht mehr sehr viel übrig, weshalb Geheimdienste eine Künstliche Intelligenz (Aether) mit der Lösung des Klimawandel-Problems beauftragen.

Doch Aether wird - wie viele literarische Konstrukte vor ihm - der Urangst seiner Erbauer vor dem allmächtigen Geist in der Maschine gerecht und kommt zu dem „Terminator“-Schluss, nämlich dass das wahre Problem der Erde die Menschheit ist. Die UNANPAI-Agentin Fran Bittner soll das würfelförmige Gebilde deshalb zerstören. UNANPAI steht für United Nations Agency for the Non-Proliferation of Artificial Intelligence. Fran Bittner steht für, ja was eigentlich? Denn Bittner ist ein „Quant“ - ein Wesen, das sein künstliches Gehirn („Cogit“) in verschiedene Körper („Gefäße“) hochladen kann und damit durch Geschlecht, Aussehen, Zeit und Raum reisen kann. Die Zerstörung des rebellischen Würfels ging als Turing II-Zwischenfall in die Geschichte ein. Seither häufen sich allerdings die Theorien im Netz, dass Aether überlebt haben könnte.

Als der Journalist Calvary Doyle im Jahr 2091 in London auf offener Straße niedergeschossen und anschließend seine Wohnung in Brand gesetzt wird, werden die Behörden misstrauisch. Fran Bittner wird beauftragt, Doyles Ermittlungen der letzten Monate nachzuzeichnen und stößt auf eine mysteriöse Weltraumbasis. Sie ist allerdings nicht die einzige auf den Spuren Aethers. Der Tycoon Clifford Torus jagt dem Descartes-Hack nach, mit dessen Hilfe ein künstliches Gehirn länger als drei Wochen außerhalb seines Stammkörpers überleben kann. Das wäre de facto die Formel zur Unsterblichkeit. Als Unsterblicher glaubt Torus dann ausreichend Zeit zu haben, um sich Aether gefügig zu machen. Dieser Hack wird als Preis in einem 3D-Computerspiel ausgelobt, in dem jeder Teilnehmer einen Kämpfer ins Feld schicken darf. Doch auch bei diesem Spiel ist nichts, was es scheint.

Tom Hillenbrand (geboren 1972 in Hamburg) zählt zu den vielfältigsten Autoren in der Sparte Spannung. Der ehemalige Wirtschaftsjournalist machte sich mit kulinarischen Krimis rund um den luxemburgischen Meisterkoch Xavier Kieffer einen Namen. Parallel dazu verfolgte er sein Interesse an technologischen Entwicklungen und deren möglichen kriminellen Auswirkungen. „Drohnenland“, ein Krimi über den Überwachungsstaat, erschien 2014 und gewann den Friedrich-Glauser-Preis. Selbst sein historischer Roman „Der Kaffeedieb“ beschäftigt sich mit Geheimdiensten im 17. Jahrhundert.

In „Hologrammatica“ entwarf Hillenbrand eine futuristische Welt, die einerseits völlig fantastisch erscheint. Andererseits ist sie aber ein durchaus denkbares Ziel, an das die Menschheit auf ihrem derzeit eingeschlagenen Weg gelangen könnte. Große Städte sind im Meer versunken, weite Teile des Südens sind unbewohnbare Wüste, Gehirne können digital gespeichert und transferiert werden. Der beliebteste Zeitvertreib sind ausgeklügelte Computerspiele mit 3D-Simulationen und Hologrammen. Das ergibt - ganz abgesehen von der Thriller-Handlung - spannenden Denk- und Lesestoff. Man wird in die Welt von „Qube“ hineingesaugt, die einzige Schwäche des Buchs ist das etwas in die Länge gezogene Computerspiel. Dass man vor allem am Anfang sehr oft zum Glossar blättern muss, gehört hingegen zu einem Science Fiction-Leseerlebnis dazu.

Tom Hillenbrand: „Qube“, Kiepenheuer & Witsch, 560 Seiten, 12,90 Euro

Der Autor hält derzeit auf tomhillenbrand.de/live online-Lesungen ab.
4. April, 17 Uhr: "In Resten nicht Neues - Kolumnen und Glossen"
7. April, 20 Uhr: „Teufelsfrucht"