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Guam

Corona-Affäre: Captain des US-Flugzeugträgers Roosevelt abgesetzt

Captain Brett Crozier addresses the crew for the first time as commanding officer of the aircraft carrier USS Theodore Roosevelt
Captain Crozier wurde des Postens als Commander der Roosevelt enthobenvia REUTERS
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Brett Crozier, auf dessen Schiff Corona ausgebrochen war und das vor Guam ankert, hatte die Marineführung um Hilfe und Evakuierung des Trägers gebeten. Er habe allerdings die Kommandokette ignoriert, normale E-Mails benutzt und zumindest fahrlässig bewirkt, dass der Brief in die Öffentlichkeit gelangte, so der Marineminister.

Diese Maßnahme des US-Verteidigungsministeriums kommt doch etwas überraschend: Der Kapitän des nuklear betriebenen Flugzeugträgers USS „Theodore Roosevelt", auf dem das Coronavirus ausgebrochen ist, ist in der Nacht auf Freitag (MESZ) abgesetzt worden.

Captain Brett Crozier, dessen riesiges Schiff seit einer Woche vor der US-Pazifikinsel Guam liegt, hatte einen Brief an die Marineführung geschrieben, in dem er um die Evakuierung der Roosevelt bat. Die mehr als 5000 Mannschaftsmitglieder seien durch eine Coronawelle an Bord, die vorige Woche schon Dutzende Männer und Frauen erfasst hatte, in akuter Gefahr. Unter den beengten Verhältnissen eines Kriegsschiffes mit all den Gemeinschaftseinrichtungen seien Social Distancing und Isolation unmöglich. Man möge also doch 4000 Leute an Land lassen, 1000 seien für den Betrieb des Schiffs nötig.

Die Evakuierung war allerdings vom Stützpunktskommandanten in Guam, der Spitze der Pazifikflotte und letztlich auch von der Marineführung im Pentagon untersagt worden. Wie man mittlerweile weiß, gab es auch seitens der Bevölkerung Guams massive Widerstände aus Angst vor weiteren eingeschleppten Viren. Auf der Insel der Marianengruppe leben etwa 165.000 Menschen, großteils von der indigenen Ethnie der Chamorro, sowie Filipinos und Zuzügler aus anderen pazifischen Inselstaaten, Japan, Korea und China. Nur ein ganz kleiner Prozentsatz sind US-Amerikaner. Bis Freitag waren auf Guam 82 einheimische Coronafälle bekannt, es gibt auch drei Todesopfer.

Die Roosevelt vor Guam.U.S. Navy

Croziers Schreiben war indes zu Wochenbeginn zu diversen US-Medien durchgesickert. In dem Text wies Crozier, ein 50-jähriger Kalifornier, der 1992 an der Marineakademie graduiert hatte und die rund 100.000 Tonnen Wasser verdrängende Roosevelt erst im November übernahm, auf den bekannten Fall des britischen Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess" hin: Es war im Februar im Hafen von Yokosuka (Japan) wegen Corona an Bord zwei Wochen unter Quarantäne.

Bis man die Leute letztlich von Bord brachte, waren von den 3600 Menschen etwas mehr als 700 nachweislich erkrankt. Crozier zitierte Studien, wonach eine rasche Evakuierung des Kreuzfahrtschiffes, wo die Möglichkeiten zur Isolierung vor allem der Passagiere in Relation zu einem Flugzeugträger weit einfacher sind, nur zu 70 bis 90 Erkrankungen geführt haben würde.

„Vertrauensverlust und Missachtung der Befehlskette"

Das Durchsickern seines Schreibens wurde dem altgedienten Marineflieger indes zum Verhängnis: Man habe ihn „wegen Vertrauensverlustes und Missachtung der Befehlskette" des Amtes enthoben, sagte der amtierende Marineminister, Thomas Modly, im Pentagon. „Er hat nicht sorgfältig gehandelt und stattdessen ein kleines bisschen Panik auf dem Schiff ausgelöst."

Die Amtsenthebung sei letztlich unmittelbar durch den übergeordneten Befehlshaber der Flugzeugträgerkampfgruppe der Roosevelt, Konteradmiral Stuart Baker, ausgesprochen worden. Dieser befinde sich ohnehin auf der Roosevelt.

Marineminister Modly bei einem Temperaturcheck.APA/AFP/US NAVY/2ND CLASS NATALI

Zwischenzeitlich werde der Erste Offizier, Captain Daniel Keeler, ebenfalls ein Kalifornier, die Roosevelt übernehmen. Ihm soll wiederum in Kürze Carlos Sardiello folgen, der die Roosevelt unmittelbar vor Crozier als Captain geführt hatte, vor der Beförderung zum Konteradmiral steht und auf dem Weg nach Guam ist. Er sei mit dem Schiff und der Crew bestens vertraut und daher derzeit der beste Mann auf der Brücke dort, so Modly.

Unsichere E-mails geschickt

Die Vorgänge, die zur Publikation des Briefes führten, würden von einer hochrangigen Kommission untersucht. Moldly betonte, dass man die Bitte des Captains eigentlich Ernst genommen habe und bereits dabeigewesen sei, Vorbereitungen zu treffen, die den Wünschen entgegenkommen sollten (etwa die Requirierung von Hotels auf Guam zur Aufnahme und Isolierung der Seeleute für zwei Wochen, Anm.).

Carlos Sardiello (hier 2017 in Captainsuniform), nominierter Konteradmiral, wird sein altes Schiff wieder übernehmen.U.S. Navy/Howard Lipin/Union-Tribune

Das Problem sei allerdings gewesen, dass er die Befehlskette missachtet und noch dazu eine unsichere Verbindung benutzt habe: Konteradmiral Baker wurde demnach, obwohl ebenfalls auf dem Träger befindlich, von Crozier über dessen Schreiben an die oberste Führung erst informiert, nachdem dieses schon im Pentagon und bei der Pazifikflotte eingelangt war. Und: Crozier habe seinem direkten Vorgesetzten an Bord, Konteradmiral Baker, den Brief nicht etwa ausgedruckt und gezeigt oder mit ihm zuvor darüber gesprochen, sondern per E-mail geschickt - und zwar über eine offene, ungesicherte Leitung. Dabei verfüge das Schiff über verschlüsselte Kommunikationskanäle.

Modly zieh Crozier letztlich, durch sein Verhalten die Seeleute, Piloten und deren Familien verunsichert zu haben; das auf welche Art auch immer bekanntgewordene Schreiben habe in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, dass die Flottenführung untätig sein und Hilfe nur auf Drängen des Captains zustandekommen würde. Außerdem habe die Affäre ein schlechtes Bild gegenüber potenziellen Gegnern geboten.

„Uncharakteristischer Aussetzer der Urteilskraft"

Letztlich habe man das Vertrauen in die Kommandofähigkleit Croziers verloren. In dem Statement des Marineministers, das man über diesen Link findet, wird Crozier allerdings auch als „ehrenwert" und „verdient" in seiner bisherigen Karriere bezeichnet, dessen nunmehriges Verhalten ein „uncharakteristischer Aussetzer der Urteilskraft" gewesen sei.

Modly hatte bereits am Mittwoch gesagt, dass man der Einschätzung des Captains ohnehin zugestimmt habe. Man denke auch nicht an weitere disziplinäre Maßnahmen, es sei, denn, er hätte den Brief tatsächlich auch an Medien geschickt. Man wolle ihm das zwar nicht unterstellen - allerdings habe Crozier den Text an bis zu etwa 30 Personen geschickt, darunter auch solche, die außerhalb der eigentlichen Kommandokette stünden. Modly deutete daher eine gewisse Fahrlässigkeit an.

Captain Crozier auf der RooseveltREUTERS

Bis Freitag waren mehr als 2000 Mann von Bord der Roosevelt geholt und in Quarantäne gesteckt worden. Weitere 700 bis 1000 sollen folgen. In zwei Wochen sollen diese rund 3000, sofern gesund und virenfrei, wieder an Bord gehen, und dafür die bis dahin auf dem Schiff befindlichen Personen an Land geholt werden.

Vermutlich weiterer Träger betroffen

Zuletzt waren mindestens 114 Mann der Besatzung positiv auf Corona gestet worden. Mittlerweile gibt es unbestätigte Berichte, wonach es auch auf dem Träger USS „Ronald Reagan" Corona gibt. Der, so wie die Roosevelt ebenfalls von der „Nimitz"-Klasse, liegt als Teil der 7. US-Flotte vor Yokosuka in Japan. Würde an Bord Corona ausbrechen und der Träger evakuiert, könnte das unter Umständen Folgen haben, denn damit wären alle zwei großen US-Carriers, die aktuell im Westpazifik vor allem mit Blick auf China und Nordkorea stationiert sind, in der Bredouille.

USS Ronald Reagan (Archivbild, Screenshot)U.S. Navy

Die USA besitzen elf große Flugzeugträger. Davon ist aber immer mindestens ein Drittel auf Überholung und die Mannschaft auf Urlaub, einer oder mehrere weitere stehen in US-Häfen in Halb-Bereitschaft. Aktuell stehen fünf Träger in aktivem Einsatz. Als Ende 2017 sieben der elf großen Träger (jeder hat Platz für etwa 80 bis 100 Flugzeuge und Hubschrauber) zugleich im Einsatz standen, war das eine Rekordzahl in Friedenszeiten, die es zuvor nur selten geben hatte, zuletzt anno 2004.

Mindestens drei weitere US-Kriegsschiffe - ein Zerstörer, ein amphibisches Angriffsschiff, ein Kampfschiff für küstennahe Gewässer - vermeldeten zuletzt Coronafälle; sie sind allerdings nicht „deployed", also in einem aktiven Einsatz stehend, sondern in Häfen in den USA.