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Amerikanistik

Mit einem China-„Reiseführer“ nach Amerika

Christoph Kolumbus nutzte Marco Polos "Reiseführer", um einen für Europa neuen Kontinent zu erkunden.The First Voyage/Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20540 USA
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Die Reiseberichte des venezianischen Händlers Marco Polo zählen zu den wichtigsten mittelalterlichen Quellen über das damalige Ostasien. Christoph Kolumbus benutzte die lateinische Ausgabe zwei Jahrhunderte später, um einen für Europa neuen Kontinent zu erkunden.

Die westliche Geschichtsschreibung kennt zwei große Reisende, deren Berichte über andere Erdteile das Denken seit dem Spätmittelalter prägten: den Händler Marco Polo, der 1271 die Reise nach China antrat, um fast ein Vierteljahrhundert später wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren; und den Seefahrer Christoph Kolumbus, der sich zwei Jahrhunderte später im Auftrag der kastilischen Krone ebenfalls nach China aufmachte – mit bekanntem Ausgang: Anstatt nach Asien verschlug es die Flotte des Kolumbus nach Amerika.

Eine Art verbindendes Glied zwischen den Schicksalen und den Berichten der beiden berühmten Männer ist eine dritte Schrift – die zu Beginn des 14. Jahrhunderts von dem Dominikanermönch Francesco Pipino angefertigte Übersetzung von Marco Polos „Reisen“ ins Lateinische. Kolumbus nutzte diesen Text intensiv, um sich daraus Wissen über Ostasien anzueignen. Keine der zahlreichen volkssprachlichen Fassungen von Polos Abenteuern – es existierten etwa eine franko-italienische, eine venezianische, toskanische und französischen Fassung – hatte laut dem Innsbrucker Amerikanisten Mario Klarer so viel Einfluss auf das frühneuzeitliche Europa wie Pipinos lateinische Version.

Menschenfresser-Fehlurteil

Auch auf Kolumbus verfehlte dieser Text nicht seine Wirkung, wovon zahlreiche Randnotizen, sogenannte Marginalglossen, zeugen. Immer wieder glaubte sich der Seefahrer durch Beschreibungen Pipinos in der Annahme bestätigt, in Indien an Land gegangen zu sein, woraus sich die irrtümliche Bezeichnung der Einwohner als „Indianer“ ergab. Auch der Begriff „Kannibale“ geht auf analoge semantische Fehlleistungen zurück, die im Logbuch des Christoph Kolumbus festgehalten sind, sagt Klarer. „So hat Kolumbus den Namen des karibischen Stamms Canibe aufgrund des Anlauts ,can‘ als Untertanen des Großen Kahns oder auch als Menschenfresser mit Hundeschnauzen gedeutet – fälschlicherweise vom lateinischen ,canis‘ (Hund; Anm.) abgeleitet.“ Diese Vorstellung hatte er von Marco Polo übernommen.

Führt man sich an diesem Beispiel vor Augen, wie sehr Pipinos Werk den europäischen Blick nicht nur auf Asien, sondern indirekt auch auf Amerika beeinflusste, überrascht umso mehr, dass bis heute keine verlässliche Edition dieser wichtigen Quelle existiert. Eine Tatsache, die sich allerdings dadurch erklärt, dass der Pipino-Text in fast sechzig in verschiedenen Bibliotheken aufbewahrten Handschriften überliefert ist, was einen editorischen Kraftakt erfordern würde. Dieser Aufgabe wollen sich Klarer und seine Forschungsgruppe an der Universität Innsbruck in einem mit 400.000 Euro geförderten FWF-Projekts widmen.

Neue Texte für Lateinschüler?

Auf Basis aller Pipino-Manuskripte aus dem 14. Jahrhundert soll eine Textedition entstehen, außerdem eine englische und eine deutsche Übersetzung. Allein schon die geplante Edition des Originaltexts verspricht eine Fülle neuer Zugänge, etwa auch für Lateinschüler. Ihre Aufmerksamkeit dürften überraschende Inhalte wecken. So mag man etwa die Kämpfer des Islamischen Staats assoziieren, wenn Polo schildert, was ihm von Einheimischen über die „Meuchelmörder-Sekte“ der Assassinen – so die Fremdbezeichnung für die Glaubensgemeinschaft der Nizariten – zugetragen worden sei. Ihr im christlichen Mittelalter bekannter Name ist aktuell etwa sehr präsent im Computerspiel „Assassins Creed“. Bei Polo ist die Rede von der Verabreichung eines Schlafmittels an junge Männer, bevor diese zu Auftragsmördern ausgebildet werden.

Allerdings, Assassinen halten dem Vergleich mit modernen Terroristen nur bedingt stand. Für Schüler seien die Parallelen zur heutigen Welt aber allemal interessant, meint Klarer. „Man kann ihnen aber zusätzlich auch vermitteln, wie Texteditionen funktionieren. Wo sind Fehler in Manuskripten? Und wo hat Pipino schlecht Latein gekonnt?“[QA9VV]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2020)