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Gastkommentar

Husten erlaubt, bitte keine Pyjamas!

Regelwerk: Acht Verhaltensregeln für Gastgeber und Gäste von virtuellen Abendessen im neuen postkörperlichen Zeitalter.

Im postkörperlichen Zeitalter, in dem wir uns unfreiwilligerweise befinden, sind analoge zwischenmenschliche Begegnungen rar gesät. Ein virtuelles Dinner bietet nicht nur die Gelegenheit, in Kontakt zu treten, es hebt die Laune und ist obendrein virenfrei. Wer unbedingt darauf besteht, darf sogar husten oder den Bildschirm küssen. Nichtsdestoweniger kommt eine digitale Dinnerparty nicht ohne Verhaltenskodex aus. Basierend auf Erfahrungen mit virtuellen Abendveranstaltungen, die ich in den vergangenen Tagen und Wochen machen durfte, habe ich acht Regeln zusammengestellt:

► 1. Nur weil das Treffen virtuell ist, heißt das nicht, dass es nicht real ist. Freunde, die man eingeladen hat, werden nicht zu programmierten Avataren, die man nach Belieben ein- und ausschalten kann, nur weil sie nicht vor einem am Tisch sitzen, sondern per Videolink zugeschaltet sind.

► 2. Dinnerparties und Unpünktlichkeit vertragen sich nicht – das gilt auch für Tele-Treffen. Die momentane Unmöglichkeit, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, zwingt die Gäste dazu, sich ihr eigenes Dinner zu kochen. Das Einhalten der vereinbarten Zeit sorgt dafür, dass kein Essen kalt wird, nur weil ein Teilnehmer zu spät dran ist.

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► 3. Respektieren Sie Zusagen, auch wenn diese Zusagen digitaler Natur sind. Sonst kann der Gastgeber nicht für die optimale Zusammensetzung der virtuellen Tafel sorgen, die angesichts der momentanen Kommunikationsschwierigkeiten besonders wichtig ist.

► 4. Achten Sie darauf, nicht dem Gastgeber ins Handwerk zu pfuschen. Die Tatsache, dass er Sie nicht bekocht und nicht nach Ihnen aufräumen muss, bedeutet noch lange nicht, dass Sie Hinz und Kunz zur digitalen Dinnerparty „mitnehmen“ dürfen. Die Gästeliste ist und bleibt Sache des Gastgebers. Die einzige Ausnahme von dieser Regel: Wenn sich das Dinner spontan ergeben hat und es keinen klar definierten Organisator gilt, bleibt die digitale Haustür unversperrt.

► 5. Um für eine möglichst authentische Atmosphäre zu sorgen, sollten sich alle Teilnehmer um Konsistenz bemühen. Das gilt naturgemäß für die Garderobe (bitte keine Pyjamas!), aber auch für das verwendete Geschirr sowie für die zubereiteten Speisen. Es ergibt keinen Sinn, wenn sich ein Gast nur Snacks zubereitet, während die anderen ein viergängiges Menü auftischen.

► 6. Sparen Sie nicht an Kerzen, auch wenn es „nur“ ein virtuelles Dinner ist. Stimmungsvolle Beleuchtung und eine sorgfältig ausgesuchte Räumlichkeit sind bei Videoschaltungen umso wichtiger. Zeigen Sie Ihren Tischgenossen, dass Sie das Treffen ernst nehmen und nicht an Mühen sparen.

► 7. Die wichtigste Zutat für ein erfolgreiches Dinner ist gute Konversation. Für virtuelle Treffen gilt das umso mehr. Vermeiden Sie daher alles, was den Gesprächsfluss unterbrechen könnte. Entfernen Sie sich also nicht vom Bildschirm, um zu kochen, während die Unterhaltung läuft, und fummeln Sie auf keinen Fall an Ihrem Handy herum – es sei denn, Sie wollen einem anderen Teilnehmer diskret eine Nachricht zukommen lassen, was bei der analogen Tafel einer unauffällig ins Ohr geflüsterten Botschaft gleicht.

► 8. Bei digitalen Treffen ist es umso wichtiger, dass man sich nicht ins Wort fällt. Lassen Sie Ihre Tischgenossen ausreden – und achten Sie darauf, nicht ins Monologisieren zu verfallen, um den anderen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen.

Wenn Sie diese Regeln einhalten, werden Sie ein gern gesehener virtueller Gast bzw. ein beliebter Gastgeber. Genießen Sie also ein möglichst aktives Sozialleben – und bleiben Sie gesund.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Laczynski.

Der Autor

Mark Dixon (geboren 1962) lebt in London und ist der Gründer der Mergers-&-Acquisitions-Beratungsunternehmen the1.com und ThinkingLinking.com.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2020)