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Bonität

Warum plötzlich weniger Firmen pleitegehen

Wird derzeit also jede zweite Pleitefirma durch staatliche Hilfsgelder gerettet?
Wird derzeit also jede zweite Pleitefirma durch staatliche Hilfsgelder gerettet?(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Zahl der Insolvenzen ist in den vergangenen zwei Wochen nicht gestiegen, sondern sogar dramatisch gesunken, berichtet der KSV 1870. Unternehmen, die Hilfsgelder beantragen, verlieren nicht an Bonität.

Wien. Etwa 5000 Unternehmen schlitterten im vergangenen Jahr in die Insolvenz. Es sind also rund 100, die jede Woche zahlungsunfähig werden. Der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) achtet dieser Tage akribisch auf die Entwicklung der Insolvenzzahl und meldet diese wöchentlich dem Wirtschaftsministerium. In Anbetracht der Coronakrise sollte man von einer steigenden Zahl an Pleiten ausgehen. Dem ist derzeit aber nicht so, bestätigt KSV-Chef Ricardo-José Vybiral der „Presse“. „Seit zwei Wochen ist die Zahl der Insolvenzen auf etwa die Hälfte gesunken“, sagt er. Wird derzeit also jede zweite Pleitefirma durch staatliche Hilfsgelder gerettet?

„Natürlich spielt der Rettungsschirm eine Rolle“, sagt Vybiral. Allerdings gebe es auch andere Gründe für diese ungewöhnliche Entwicklung. Die meisten Insolvenzanträge werden nämlich von den Gesundheitskassen und den Finanzämtern gestellt. Die beiden Institutionen agieren nun aber „sehr solidarisch“, betont der KSV-Chef.

Am Freitag wurde im Parlament zudem auch die Insolvenzordnung abgeändert. Demnach wird die Insolvenzantragspflicht bei einer Überschuldung für Kapitalgesellschaften vorübergehend ausgesetzt. Die Regelung gilt vorerst bis 30. Juni. „Die Gesetzesänderung trägt dem Faktum Rechnung, dass derzeit so gut wie niemand eine positive Fortbestandsprognose machen kann“, betont KSV-Insolvenz-Experte Hans-Georg Kantner.

Mit dieser Regelung dürfte die befürchtete Pleitewelle lediglich auf Juli verschoben sein. Wie stark sie ausfallen wird, hänge nun davon ab, ob die Maßnahmen der Regierung greifen und die Hilfsgelder bei den Unternehmen ankommen, meint KSV-Chef Vybiral.

 

Bonität wird nicht gesenkt

Viele Unternehmen fürchten nun auch, dass ihre Bonität leiden könnte, wenn sie Hilfsgelder in Anspruch nehmen oder Kurzarbeit anmelden. „In Zeiten der Krise ist dieser Schritt in keiner Weise als Eingeständnis einer verringerten finanziellen Stabilität zu werten, sondern vielmehr als Zeichen eines vorausschauenden unternehmerischen Handelns“, betont Vybiral.

In Abstimmung mit dem Wirtschaftsministerium, den Finanzdienstleistern und den Kreditauskunfteien fungiert der KSV bis auf Weiteres als Clearingstelle für Bonitätsinformationen. Unternehmen werden ersucht, aktiv die Clearingstelle zu kontaktieren und über bereits genehmigte Leistungen im Rahmen der Covid-19-Krise zu informieren, damit dies in die Bewertung der Bonität einfließen könne. (g.h./APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2020)