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Am Herd

Die Tage „nach Corona“

Wir tun im Moment vieles „nach Corona“.
Wir tun im Moment vieles „nach Corona“.APA/ROLAND SCHLAGER
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„Nach Corona müssen wir uns endlich sehen“, rufe ich Doris zu. „Nach Corona rufe ich den Klavierstimmer an“, verspreche ich Marlene. So oft sagen wir dieser Tage „nach Corona“.

Ein sonniger Tag. Ein kurzer Spaziergang durchs Grätzel, an geschlossenen Geschäften vorbei. In der Auslage einer Boutique hängt ein gelbes Kleid, es will den Frühling willkommen heißen und darf doch nicht. Im verdunkelten Lieblingscafé steht ein einsamer Angestellter hinter der Kassa und macht, ja was? Inventur? Vor der Apotheke, bei der ich Schutzmasken kaufen möchte, treffe ich Doris. Ich bin froh, sie zu sehen, überhaupt bin ich immer froh, irgendwen zu sehen, sogar Videokonferenzen machen mich glücklich. Hallo, sage ich und trete einen Schritt zurück. Hallo, sagt Doris und tritt ebenfalls einen Schritt zurück, ein höflicher Tanz ist es, zu unser aller Wohl, und aus sicherer Entfernung reden wir – über die Kinder und über die Arbeit und über ein Leben zwischen erstaunlicher Hektik und unvermuteter Entschleunigung – dann verabschieden wir uns wieder und sagen: Aber nach Corona sehen wir uns endlich wieder!

Wir tun im Moment vieles „nach Corona“. Nach Corona werden wir zum Beispiel den Klavierstimmer kommen lassen, es scheppert beim zweigestrichenen C und klingt auch sonst ganz übel, was mir stärker auffällt, weil Marlene häufiger spielt als sonst und ich öfter zu Hause bin. Nach Corona wird Hannah ihre Wohnung fertig einrichten, es fehlen nur noch ein Herd und eine Arbeitsplatte. Und Vorhänge. Auf so vieles müssen wir verzichten, so vieles muss warten: Nach Corona will ich im Gastgarten sitzen, bis es dunkler und dunkler wird und der Wirt uns hinausschmeißt. Und die ganze Familie wird nach Italien fahren, zumindest für ein paar Tage, auch wenn das Meer dann nicht mehr zum Baden einlädt und wir beim Eisschlecken frieren.


Zahnarzt. Nach Corona sollte ich aber auch zum Zahnarzt. Und Marlene wird wieder nächtelang für Schularbeiten büffeln, weil sie nicht rechtzeitig angefangen hat zu lernen, natürlich. Sie ist 17. Nach Corona werden wir immer noch „nach Corona“ sagen, so wie man „nach 9/11“ sagt, wir erleben eine Zäsur, von der wir noch nicht wissen, wie tief sie ist, aber wir werden bis an unser Lebensende wissen, wie wir den Frühling 2020 verbracht haben, wer uns damals nahe war, wen wir vermisst haben, wovor wir uns fürchteten.

Schutzmasken habe ich keine bekommen, sie sind ausverkauft, sagt die freundliche Apothekerin, sie weiß auch nicht, wann sie wieder geliefert werden. Also gehe ich nach Hause, durch leere, sonnenbeschienene Gassen, in der Putzerei hängen Hemden, die nun wohl länger keiner abholen wird, das gelbe Kleid wartet immer noch auf den Frühling, der Angestellte im Lieblingscafé ist dafür verschwunden, es gibt für ihn endgültig nichts mehr zu tun. Ich werfe einen sehnsüchtigen Blick hinein.

Nach Corona . . . ?

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2020)