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Mutter Zivilcourage und ihre Kinder

Katzen, Kinder, Kranke: Wem würden Sie freiwillig helfen? Knapp die Hälfte der Österreicher engagiert sich – in der Nachbarschaft, auf Wikipedia, in der Wüste. Nützt das? Schadet das? Fest steht: Ohne Freiwillige wäre Österreich (auch finanziell) ein völlig anderes Land.

Ein Dossier in Zusammenarbeit mit der FHWien WKW.

Die britische Krankenschwester Florence Nightingale gilt als Ikone der Freiwilligkeit. Sie versorgte Verwundete im Krim-Krieg, erkannte die Wichtigkeit von Hygiene und legte den Grundstein für die moderne, westliche Krankenpflege. Kurzum, sie widmete ihr Leben der Arbeit mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Noch heute – 200 Jahre nach ihrem Geburtstag – zählen Ehrenamt und Hilfsbereitschaft zu den Grundpfeilern einer funktionierenden Gesellschaft. Doch wie stabil stehen sie?

Die Suche nach Antworten führte uns vor die Haustür zum Nachbarn, über Wanderwege in den Alpen, bis in die Wüste von Israel. Dabei stießen wir auf 3,5 Millionen Österreicher, die sich freiwillig für die gute Sache engagieren, und auf zahlreiche Geldspenden, die das System am Laufen erhalten. Aber auch auf neue Fragen: Was brauchen Menschen in Pflegeheimen? Wer hilft verletzten Tieren? Wer befüllt Wikipedia?

Und: Wo hört selbstlose Hilfe auf? Zahlreiche Organisationen, insbesondere in Entwicklungsländern, finanzieren sich großteils aus Spenden. Nicht immer kommt das Geld bei den Bedürftigen an. Gleichzeitig bezahlen viele Menschen hohe Beträge, um sich im Ausland freiwillig für ein paar Tage oder Wochen zu engagieren – von diesen Summen sehen die Betroffenen vor Ort wenig. Droht das Ehrenamt zum Instrument zu verkommen, um die persönliche Social-Media-Präsenz aufzubessern?

„Krankenpflege ist keine Ferienarbeit. Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll, eine ebenso große Hingabe, eine ebenso große Vorbereitung, wie das Werk eines Malers oder Bildhauers“, sagte Florence Nightingale. Einige Kunststücke, die Freiwillige damals wie heute im In- und Ausland schaffen, stellen wir hier aus.

Das Dossier ist im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Institut für Journalismus und Medienmanagement der FHWien der WKW (Träger: Wirtschaftskammer Wien und der Fonds der Wiener Kaufmannschaft) entstanden. Dabei haben folgende Studierende mitgearbeitet: Annemarie Andre, Anja Dax, Astrid Eisenprobst, Selina Holesinsky, Anja Malensek, Manuel Mayr, Soraya Pechtl, Sonja Pellumbi, Nina Pöchhacker, Heinz Raab und Evangelista Sie.

 

 

 

Geschichte der Krankenpflege

Am Anfang war der Pflegekräftemangel

Die Geburtsstunde der modernen Krankenpflege war im England des 19. Jahrhunderts. Österreich beeinflusste das kaum. Hier sollte die Pflege lang ein Beruf ohne Ausbildung bleiben – und eigenwillige Pfade durchlaufen. (Von Evangelista Sie)

Es ist das Jahr 1854. In Österreich und England grassieren Krankheiten. Ausgebildete Pflegekräfte sind Mangelware. Aus London brechen zwei sehr unterschiedliche Frauen in den Krimkrieg auf – und prägen die Versorgung der Soldaten. Die eine ist die Engländerin Florence Nightingale, Wegbereiterin der modernen Krankenpflege. Die andere ist Nightingales Zeitgenossin Mary Seacole, eine jamaikanische Krankenpflegerin und Heldin des Krimkrieges.

Florence Nightingale: Pionierin der Krankenpflege und Statistikerin

Der Krimkrieg zwischen den Alliierten England, Frankreich, Sardinien und Osmanisches Reich gegen Russland tobt. In der britischen Tageszeitung „The Times“ schreiben die Kriegskorrespondenten William Howard Russell und Thomas William Chenery 1854 über die schlechte Versorgung der britischen Soldaten im Krieg. Daraufhin beauftragt der Staatssekretär im britischen Kriegsministerium, Sidney Herbert, die Krankenpflegerin Florence Nightingale, mit einer Gruppe von 38 Pflegerinnen in Scutari (heute Üsküdar bei Istanbul) die Versorgung der Soldaten aufzunehmen.

Florence Nightingale
Florence NightingaleBildarchiv Austria

Die Zustände im Barrack Hospital in Scutari sind katastrophal, die Böden und Kleidungen der Erkrankten verdreckt. Die meisten Soldaten sterben an Infektionskrankheiten, nicht im Kampf. Nightingale unterweist als Generaloberin ihre Gruppe in die Pflege und organisiert Kleidung, Betten, Zinnwannen zum Waschen der Erkrankten, Sanitätsmittel sowie Nahrung. Nachts besucht sie mit einer Lampe die Kranken, die sie fortan „the lady with the lamp“ („die Dame mit der Lampe“) nennen. Die Berichterstattungen von Nightingales Wirken an der Front erreichen England, bevor Nightingale nach dem Krimkrieg nach London zurückkehrt. Bei ihrer Rückkehr ist Florence Nightingale eine Nationalheldin geworden.

Seit dem Krimkrieg war Nightingale chronisch erkrankt. Dennoch nutzte sie ihre Erfahrungen aus dem Krieg, um das Krankenhauswesen und die Krankenpflege zu verbessern: Dazu gründete sie die Florence-Nightingale-Stiftung, die 1860 am St. Thomas’ Hospital in England die Krankenpflegeschule Nightingale School of Nursing einrichtete, und legte Standards für die Krankenpflegeausbildung fest. Nightingales Bekanntheit hatte das Ansehen der Krankenpflege verbessert. Auch höher gestellte Frauen besuchten die Krankenpflegeschule und trugen das moderne Wissen über Krankenpflege, teilweise als Leiterinnen, in andere Krankenhäuser in England.

Nightingale beschrieb und analysierte in einem über 800 Seiten starken Erfahrungsbericht für das Kriegsministerium die Zustände in Scutari, veranschaulichte die Daten mit dem von ihr erfundenen Polar-Area-Diagramm, einem Kreisdiagramm zur Darstellung von Phänomenen, und gab Empfehlungen zur Hygiene, zur Einrichtung zentraler Militärkrankenhäuser, der Ausbildung der Militärärzte und weiteren Verbesserung der Bedingungen der britischen Soldaten ab. Schließlich regte Nightingale als Beraterin des britischen Gesundheitswesens Reformen an, inspirierte den Humanisten Henri Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes und verfasste über 200 Bücher.

Am 13. August 1910 verstarb Nightingale 90-jährig in London. Der internationale Tag der Krankenpflege an Nightingales Geburtstag am 12. Mai erinnert an ihr Wirken.

Florence Nightingales Werden

Florence Nightingale wurde am 12. Mai 1820 auf einer Europareise ihrer Familie in Florenz geboren. Ihr Vater William Edward Nightingale war ein wohlhabender Grundbesitzer und ihre Mutter Fanny hatte mütterlicherseits einen Politiker als Großvater. Nightingale begleitete schon als Kind ihre Mutter bei Krankenbesuchen in den Dörfern bei Lea Hurst, Derbyshire. Als Kind aus der gehobenen Gesellschaftsschicht genoss Nightingale eine hohe Bildung und vertiefte sich in Mathematik. Sie reiste mit ihren Eltern und Freunden ihrer Eltern nach Europa, wo sie Krankenhäuser in Paris und an anderen Orten besuchte, und traf Persönlichkeiten aus den höchsten gesellschaftlichen Kreisen Englands wie Sidney Herbert, der ein guter Freund von Nightingale werden sollte.

Dementsprechend reagierten Nightingales Eltern auf ihren Wunsch, Krankenpflegerin zu werden, mit Widerstand.

Denn Krankenpflege war im viktorianischen England ein Beruf mit dem ehemalige Dienstboten, Witwen und anderen Menschen aus der gesellschaftlichen Unterschicht ihr Einkommen bestritten. Den Bedenken ihrer Eltern zum Trotz konnte Nightingale 1851 in Kaiserswerth bei Düsseldorf die Diakonissenanstalt, eine Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen, des Pastors Theodor Fliedner besuchen und dort in einem dreimonatigen Aufenthalt das Versorgen von Wunden, Herstellen von Medikamenten, assistieren bei Operationen erlernen. In Paris erlernte Nightingale weitere Pflegemethoden. Nach ihrer Rückkehr in England leitete Nightingale ein Pflegeheim für Gouvernanten und versorgte danach Cholerakranke im Middlesex-Hospital bis zu ihrer Abreise ins Kriegsgebiet in die Krim.

 

Mary Seacole: Krankenpflegerin und Unternehmerin

Weit weniger in Erinnerung als Nightingale blieb Mary Seacole. Über die Gründe dafür streiten der Zusammenschluss der Vertreter Nightingales, The Nightingale Society, mit Biografen und Forschern Seacoles bis heute: Gab Seacole den Soldaten im Krimkrieg nur Tee und Trost, ohne einen nennenswerten Beitrag zur Krankenpflege zu leisten? Oder vergaß die Nachwelt Seacole, weil sie als ältere jamaikanische Krankenpflegerin mit traditioneller Medizin im Gepäck nicht in die Geschichte der Krankenpflege des viktorianischen Englands passte?

Mary Seacole
Mary Seacole(c) imago/i Images

Mary Seacole wurde am 23. November 1805 in Kingston, Jamaika, als Tochter des schottischen Soldaten James Grant und einer jamaikanischen Pensionsbesitzerin in die Mittelschicht geboren. Ihre Mutter behandelte in der Pension Blundell Hall invalide Soldaten mit traditioneller jamaikanischer Medizin und war in Kingston als „Ärztin“ bekannt. Von ihrer Mutter erwarb Seacole ihr Wissen über Krankenpflege, Hygiene und pflanzliche Heilmittel. Seacole reiste nach England, Kuba und Haiti und pflegte später mit ihrer Mutter Kranke in Blundell Hall, bis die Pension 1843 im Feuer von Kingston zerstört wurde.

Seacole baute die Pension wieder auf und setzte ihre Krankenpflege-Arbeit auch nach dem Tod ihrer Mutter fort. Sie versorgte Kranke während der Cholera-Epidemie 1850. Der Cholera-Epidemie begegnete Seacole abermals 1851 beim Besuch ihres Bruders in Panama. Wieder versorgte Seacole Cholerakranke: die Wohlhabenden gegen Entgelt, die Armen kostenlos. Mit den Einnahmen eröffnete Seacole in Panama eine Pension an der Goldgräber-Route Las Cruces und stieg später in das Goldabbau-Unternehmen New Granada Mining Gold Company ein.

1854 reiste Seacole erneut nach England, der Nightingale Society zufolge, um sich um ihre Goldbestände zu kümmern. In London erfuhr Seacole von dem Bedarf an Pflegekräften im Krimkrieg. So meldete sie sich persönlich beim Kriegsministerium als Pflegerin. Doch Seacole kam nicht bis zum Staatssekretär des Kriegsministeriums, Sidney Herbert. Das Ministerium wies sie ab, die Organisation von Nightingale ebenso.

Darauf fuhr Seacole auf eigene Kosten als Krankenpflegerin nach Balaklawa auf die Krim. Auf dem Weg dorthin übernachtete sie in Scutari im Barrack Hospital, wo sie Nightingale begegnete. In Balaklawa angekommen, errichtete Seacole in der Nähe des Militärcamps bei Kadikoi die Pension The British Hotel. Dort bot sie den Soldaten im Restaurant und im Laden Champagner, Schmorgerichte, Luxuswaren wie auch Sachen für den Alltag – und behandelte die Kranken. Weitere Soldaten versorgte Seacole nach den Kämpfen auf dem Schlachtfeld in Tschernaya und in der Kriegszone Sevastopol. Unter ihnen wurde sie als „Mother Seacole“ bekannt.

Schlacht bei Balaklawa
Schlacht bei Balaklawa(c) Bildarchiv Austria

Nach dem Krieg besuchte Seacole als Hauptehrengast das Festessen für 2000 Soldaten in der Music Hall in den Royal Surrey Gardens in London und schrieb eine Autobiografie. Sie starb am 14. Mai 1881.

Mary Seacoles Schulden nach dem Krimkrieg

Nach Ende des Krimkriegs konnte Seacole die Güter in ihrem „British Hotel“ nicht gewinnbringend verkaufen. So kehrte Seacole im August 1856 nicht nur krank, sondern auch mit Schulden nach London zurück.

Das Gesetzesblatt von der britischen Regierung, „London Gazette“, veröffentlichte am 28. Oktober 1856 Seacoles Insolvenzmeldung. Darauf erschien am 24. November 1856 ein anonymer Brief in der Tagezeitung „The Times“, der auf Seacoles Not hinwies: „Sind die bescheidenen Tagen von Frau Seacole gänzlich vergessen und wird nun niemand wesentlich den Wert der Dienste der späteren Herrin des Spring-Hills bezeugen, während die großzügigen von Florence Nightingale der Nachwelt mit Segen und unvergänglichem Ruhm überliefert werden?“. Dem Brief waren 20 Pfund zur Gründung eines Fonds für Seacole beigelegt, schreibt die Autorin Jane Robinson in dem Buch „Mary Seacole“.

In den Folgetagen erschienen weitere Briefe und Spendenaufrufe für Seacole in der Presse. Der Feldherr im Krimkrieg und späterer General in der britischen Armee, Henry Robinson-Montague (Lord Rokeby), der Offizier Hussey Fane Keane und andere Persönlichkeiten des Militärs und öffentlichen Lebens unterstützten die Spendenaktion. Die Spendengelder ermöglichen Seacole ihre Schulden zurückzuzahlen. Anfang 1857 war Seacole von der Insolvenz befreit.

 

Berufliche Krankenpflege in Österreich

In Österreich sperrte erst 1913 die erste öffentliche Krankenpflegeschule auf, und zwar im Allgemeinen Krankenhaus in Wien (AKH). Der Weg bis zu diesem Moment reicht fast 130 Jahre zurück.

Die Wärterinnen und Wärter des 19. Jahrhunderts

Im Jahr 1784 gründete Kaiser Joseph II. das Allgemeine Krankenhaus in Wien (AKH) und setzte damit erste Schritte in die Richtung der beruflichen Krankenpflege in Österreich. Bis dahin erhielten Kranke vor allem in Pilgerunterkünften von geistlichen Orden, den späteren Hospitälern, zusammen mit Obdachlosen, Invaliden und anderen Bedürftigen Versorgung. Mit dem 2000 Betten umfassenden AKH gab es erstmals eine Anstalt, die sich nur Kranken widmete.

AKH um 1900
AKH um 1900(c) Bildarchiv Austria

Zur Krankenversorgung stellte das AKH Wärterinnen und Wärter gegen Entlohnung ein. 214 Wärterinnen und 24 Wärter arbeiteten 1853/54 im AKH, schreibt die Pflegewissenschaftlerin Ilsemarie Walter 2004 in ihrem Buch „Pflege als Beruf oder aus Nächstenliebe?“. Die Wärter lüfteten und beheizten die Krankenzimmer, gaben Patienten Mahlzeiten ein, holten Arzneien aus der Apotheke und verrichteten Reinigungsarbeiten. Für diese Aufgaben erhielten Wärterinnen rund 120 bis 170 Gulden im Jahr, Wärter bekamen rund 370 bis 510 Gulden. Obwohl Mittagessen und ein Schlafplatz zu diesem Lohn dazukamen, sei der Wärterlohn deutlich unter den Verbrauchsausgaben eines ledigen Arbeiters 1869 mit rund 370 bis 510 Gulden jährlich gewesen, erklärt Walter. Dazu war die Arbeit gesundheitsgefährdend mit einem hohen Risiko, sich mit „Cholera, Typhus oder Fleckfieber – oder auch mit Tuberkulose anzustecken“, schreibt Walter. Angesichts des niedrigen Lohns und der schlechten Arbeitsbedingungen war ein Personalmangel programmiert.

Nachdem Frauen weniger Arbeitsmöglichkeiten als Männer hatten und, gemäß Walter, die Weiblichkeitsideologie von einer „besonderen Eignung der Frau“ als Pflegerin ausging, dominierten auch in den Folgejahren Frauen den Pflegebereich. Der Pflegeberuf wurde ein Frauenberuf.

Arbeitslos in der Zwischenkriegszeit

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erfasste eine Welle der Arbeitslosigkeit das ehemalige Österreich-Ungarn. Und mit der Weltwirtschaftskriese 1929 stieg die Zahl der sogenannten Ausgesteuerten in Österreich, die keine Arbeitslosenunterstützung erhielten, von rund 220.000 Menschen im Jahr 1925 auf rund 600.000 Menschen im Jahr 1933, hält Professor und Autor Walter Kleindel 1978 in seinem Buch „Österreich: Daten zur Geschichte und Kultur“ fest. Davon waren über 180.000 Menschen in Wien betroffen.

Arbeitslose im Arbeitsamt
Arbeitslose im Arbeitsamt(c) Bildarchiv Austria

„Die hohe Arbeitslosigkeit dieser Zeit erfasste auch die Krankenpflege und erreichte 1933/34 einen Höhepunkt, der Streichungen von Taschengeld und Schulschließungen zur Folge hatte“, schreibt der Fachhochschul-Lektor der Krankenpflegeschule in St. Pölten Gerhard Fürstler 2013 im Buch „Berufsethik, Berufsgeschichte und Berufskunde für Pflegeberufe“. Der seit 1930 anhaltende Massenabbau des Pflegepersonals verstärkte sich. So vermutet der Historiker Felix Czeike in einem Bericht in der Datenbank Wien-Geschichte-Wiki bezüglich Wien: „Die Arbeitslosigkeit darf als einer der Gründe für die politische Radikalisierung weiter Bevölkerungsschichten gelten.“

Krankenmorde im Nationalsozialismus

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurden angesichts des Zweiten Weltkriegs und aufgrund des Personalmangels Krankenpflegeschulen gegründet und Nachschullehrgänge eingerichtet, „die sehr viel dürftig ausgebildetes Personal in die Krankenpflege einschleusten“, schreibt Fürstler. Die Absolventinnen dieser Ausbildungen wurden in Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten eingestellt sowie in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und in anderen Organisationen der NSDAP. Zahlreiche dort eingesetzte Pflegekräfte waren teils indirekt, teils direkt an der Tötung von KZ-Häftlingen beteiligt, indem sie zum Beispiel Ärzten dabei assistierten, Patienten mit Tabletten, Injektionen oder Starkstrom zu ermorden.

Andere Pflegekräfte füllten Meldebögen mit Informationen der Patienten beispielsweise darüber aus, ob diese „deutsch oder artsverwandten Blutes“ waren. Die Meldebögen sandte das Personal nach Berlin. Dort entschieden Gutachter der NS-Euthanasieaktion T4, welche Patienten leben und welche sterben sollten. Die Personen, die getötet werden sollten, verlegte die Anstalt in die Tötungsanstalten Grafeneck, Brandenburg, Hadamar, Bernburg, Sonnenstein Pirna oder Schloss Hartheim. Dort wurden die Patienten in Gaskammern mit Kohlenmonoxid erstickt. Insgesamt wurden mehr als 70.000 Menschen im Rahmen der Aktion T4 getötet.

„T4“

T4 war eine Euthanasieaktion mit Sitz in Berlin in der Tiergartenstraße 4. Sie basierte auf ein Schreiben von Adolf Hitler vom 1. September 1939, wonach „nach menschlichem Ermessen bei unheilbar Kranken […] der Gnadentod gewährt werden kann“.

Ziel der T4 Aktion waren laut FH-Lektor der Krankenpflegeschule in St. Pölten, Gerhard Fürstler, die Umsetzung der Rassenpolitik sowie die Eliminierung von geistig oder körperlich behinderten Menschen als Kostenfaktor. Diese Menschen wurden in Tötungsanstalten transportiert und ermordet.

Die „Todesengel von Lainz“

1989 wurde der Fall der „Todesengel von Lainz“, der größte Mordfall Österreichs seit Ende des Zweiten Weltkrieges, bekannt. Vier Krankenschwestern, Irene Leidolf, Stefanija Meyer, Maria Gruber und Waltraud Wagner, gestanden am 7. April 1989 gegenüber der Wiener Polizei, „allein oder zusammen mehrere alte Menschen im Krankenhaus Lainz mit Schlafmitteln getötet, ihnen Wasser in die Atemwege geleitet und Nichtdiabetikern das Anti-Zucker-Hormon Insulin in tödlichen Dosen verabreicht zu haben“, schrieb das Nachrichtenportal Spiegel Online im Jahr 2014. Ähnlich wie die T4-Gutachter der NS-Zeit entschieden sie zwischen „guten“ Patienten, die leben sollten, und „schlechten“, „mühsamen“ Patienten, die sterben sollten.

Stefanija M., Maria G., Irene L., Waltraud W.
Stefanija M., Maria G., Irene L., Waltraud W.(c) APA, Robert Jäger

Die Krankenschwestern waren Spiegel Online zufolge zum Teil Stationsgehilfinnen gewesen, die dann Hauptdienste und Arbeiten verrichten sollten, für die sie nicht ausgebildet waren. Heute leben alle vier Frauen wieder in Freiheit, an neuen Wohnorten und unter neuen Namen.

Krankenpflege im Österreich der Gegenwart

2019 sei die Stadt Wien wieder vor dem Problem eines Personalmangels gestanden, sagte der Gesundheitsstadtrat, Peter Hacker, im Oktober 2019 dem ORF. Unter Berücksichtigung der Menschen, die in den kommenden Jahren in Pension gehen werden, und im Hinblick auf die länger werdende Lebenserwartung der Bevölkerung und den dadurch steigenden Pflegebedarf der Menschen müssten 2030 über 9000 Pflegekräfte in der Langzeitpflege angestellt werden, um diesen Bedarf zu decken. Österreichweit werden 2030 rund 24.000 Betreuungs- und Pflegepersonen mehr als im Jahr 2016 benötigt, heißt es in einem Bericht des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung im März 2019.

Wie die Geschichte der Krankenpflege zeigt, ist der Pflegekraftmangel nicht nur ein periodisch auftretendes Ereignis in der Geschichte der österreichischen Krankenpflege. Vielmehr ist der Pflegemangel ein Wesensmerkmal, das seit Beginn der beruflichen Krankenpflege in Österreich – gemeinsam mit der historischen und politischen Entwicklung – die Geschichte der österreichischen Krankenpflege essenziell prägte. Anders gesagt: Die Geschichte der beruflichen Krankenpflege ist seit jeher auch eine Geschichte des Pflegekräftemangels in Österreich – und auch in anderen Ländern wie England.

Pflegen uns bald die Roboter?

Lucas Paletta leitet das Projekt „Amigo“. Dabei zieht Roboter Pepper für drei Wochen in einen Haushalt ein und unterstützt Menschen, die von Demenz betroffen sind. (Von Annemarie Andre)

Österreich braucht rund 75.000 neue Pflegekräfte bis 2030. Davon geht eine Studie der Gesundheit Österreich GmbH aus, die auf Initiative der ehemaligen Sozialministerin Brigitte Zarfl durchgeführt wurde. Der Pflegekräftemangel kann durch Menschen kaum behoben werden. Daher gibt es Forschungsprojekte wie die von Lucas Paletta. Er leitet am Joanneum Research in Graz das Projekt „Amigo“. Dabei zieht Roboter Pepper für drei Wochen in einen Haushalt ein und unterstützt Menschen, die von Demenz betroffen sind.

Das Forschungsprojekt – in Zusammenarbeit mit dem Sozialverein Deutschlandsberg und der Wiener Firma Humanizing Technologies – wird auch in puncto Ethik evaluiert. Das Institut für Pflegewissenschaften der Medizinischen Universität Graz prüft, wie Demenzbetroffene auf Roboter reagieren und welche Auswirkungen es auf sie hat.

Die Presse: Sind Pflegeroboter die besseren Butler?

Lucas Paletta: Wenn man von Pflegerobotern spricht, dann geht es um einen weiten Bereich. Da gibt es die Servicerobotik mit dem Roboter, der pflegt, indem er Handlungen durchführt. Dann gibt es den sozial assistierenden Roboter, der für Motivation und Unterhaltung sorgt. Dieser Roboter bringt kein Getränk oder Buch, sondern hat eine wichtige Funktion im Demenztraining.

Wie kann ein Roboter Demenzbetroffene motivieren?

Pepper hat zwei Funktionen, die eines Trainers und die eines Begleiters. Wenn Demenzbetroffene mit „Amicasa“ trainieren, einer Tablet-App mit körperlichen und kognitiven Übungen, dann begleitet Pepper die Personen motivierend beim Training oder tröstet sie, wenn das Ergebnis einmal nicht so gut ist. Als Begleiter dient er dazu, die Personen über den Tag hinweg immer wieder zu aktivieren und aus ihrer Passivität herauszuholen. Wichtig ist, dass sie sich bewegen und etwas machen. Pepper tanzt, spielt Musik und schwingt mit den Personen mit – auch zu Rockmusik, wenn sie das wollen.

Gibt es auch Hemmungen im Umgang mit Pepper?

Viele der älteren Personen haben in der ersten Woche Vorbehalte und gehen auf Distanz zu Pepper. Das hat sich aber bei fast allen sehr positiv gewandelt. Teilweise kam es sogar zu emotionalen Verabschiedungen, als Pepper nach drei Wochen wieder gehen musste. Die emotionale Belastung durch den Roboter sollte aber nicht zu stark werden. Daher werden Dialoge auf manche Personen voreingestellt und bestimmte Bilder aus dem Leben einer Person aufgegriffen. Es gab aber auch eine Person, die den Roboter nach drei Tagen nicht mehr haben wollte, weil sie sich überfordert fühlte. Nicht jede Technologie ist für jeden etwas. Demenzpatienten sind die letzten, die sich an etwas anpassen sollten.

Wann kann es gefährlich sein, einen Roboter einzusetzen?

Wir setzen den Roboter nur bei leicht Demenzbetroffenen ein, bei schwer Demenzbetroffenen wäre die Gefahr, sich emotional zu sehr zu binden oder enttäuscht zu werden, hoch. Sie könnten den Roboter für ihren Sohn oder ihre Tochter halten.

Pepper sieht also bewusst nicht aus wie ein Mensch?

Der Clou an Pepper sind die sozialen Signale, die er aussendet, obwohl er eben nicht menschlich aussieht. Wenn Patienten ihm über den Kopf streicheln, lacht er. Er sendet also Signale aus, die typisch menschlich sind, aber auch Signale, die zeigen, dass er nur ein Roboter ist. Neben Verhaltensweisen hat er drei Distanzbereiche. Je nach Entfernung sendet Pepper verschiedene Signale zur Kommunikation aus und versucht, die Person zu einem Dialog, einer Aktivität zu motivieren. Insgesamt wird Pepper als Maschine wahrgenommen, als Spielzeug mit ernstem Hintergrund. Demenz ist eine große soziale Herausforderung. Fake-Menschen herzustellen wäre meine ethische Grenze.

Es gibt dieses berühmte Beispiel des Microsoft-Chat-Roboters Tay, der auf Twitter mit Nutzern interagieren sollte. Binnen kürzester Zeit wurde der Chatbot zu einem Rassisten und Sexisten. Wie lässt sich das bei Pepper ausschließen?

Bei Pepper gibt es nur kleine Dialoge, die programmiert sind. Wir haben keine Dialoge zugelassen, die auf künstlicher Intelligenz basieren, da dies noch ein offenes Forschungsgebiet ist und Demenzbetroffene emotional sehr verletzlich sind. So viel Vielfalt gibt es bei den Dialogen also noch nicht. Da besteht natürlich die Gefahr, dass den Personen langweilig wird. Es müsste also Sprachassistenten geben, die Verantwortung übernehmen können.

Könnte sich nun jeder einen „Pepper“ kaufen?

Es geht nicht um den Verkauf, sondern um den Einsatz von Robotern im Pflegebereich. Da ist besonders der Wohnbereich zentral, denn dahin verlagert sich die Pflege. Menschen wollen so lang wie möglich zu Hause bleiben. Ein Roboter, der da unterstützt, kommt den Staat auch billiger, als wenn eine Person ins Pflegeheim muss. Bei Demenzerkrankungen wird das multimodale Training immer wichtiger, also die Kombination aus kognitiven und körperlichen Übungen. Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge kann die Fortschrittsgeschwindigkeit der Erkrankung so verbessert werden, da bei Alzheimer oft die Lifestyle-Faktoren entscheidend sind. Durch den Roboter werden außerdem die Angehörigen entlastet, die persönliche Beziehung zu ihnen wird besser. Angehörige haben die Chance, schnell einmal in den Garten zu gehen, ohne sich fürchten zu müssen, dass währenddessen etwas passiert. Wichtig ist, dass eine neue Technologie achtsam verwendet wird.

Wie wird die Pflege 2050 aussehen?

Wir haben schon jetzt einen Mangel an Pflegepersonal, speziell auf dem Land. Die Menschen schließen diese Lücke nicht, daher braucht es Forschungsprojekte wie dieses. Technologisch gesehen können Systeme im Jahr 2050 mehr auf die Menschen eingehen, Emotionen verstehen und sich auch auf den Kommunikationsstil einlassen. Momentan fehlt noch etwas, das die Entwicklung der Selbstorganisation der Demenzbetroffenen unterstützt. Die Idee ist immer, dass Technik alles abnimmt, dabei ist eine Assistenzfunktion optimal, wenn sie nicht mehr benötigt wird. Virtual Reality wird in Zukunft auch eine größere Rolle spielen. Der Sinn ist nicht, dass Patienten am virtuellen Tropf hängen, sondern, dass sie wieder motiviert werden zu genießen. Auch im Augmented-Reality-Bereich wird gerade begonnen zu forschen. Eine intelligente Brille könnte den Personen dabei helfen, sich nicht zu verlaufen oder die richtige Kleidung zu kombinieren. Viele Patienten haben große Angst vor peinlichen Situationen im Alltag oder Diskriminierung aufgrund dessen. Allerdings bin ich kritisch bei zu viel blindem Zukunftsoptimismus. Jede neue Technologie, die bei verwundbaren Patienten verwendet wird, muss überprüft werden.

Was ist Hilfe?

Hilfe, können wir das noch?

Freiwilligkeit, Nächstenliebe, Zivilcourage – Hilfe hat viele Gesichter und Namen. Ebenso vielfältig sind die dahinterstehenden Motive. Was treibt Helfer an? Ist es Nächstenliebe – oder sind es egoistische Motive? Und wieso schauen viele Menschen in Notsituationen weg? (Von Anja Maria Dax)

Mutter Teresa, Florence Nightingale, Albert Schweitzer oder Karlheinz Böhm – bei diesen Namen kommen vielen sofort die Begriffe Hilfe, Nächstenliebe und Fürsorge in den Sinn. Es kommt die Erinnerung an große Taten, dabei haben sie alle unbekannt begonnen – so unbekannt wie die meisten, die im Alltag etwas für andere tun: beim Tragen von schweren Einkaufstaschen helfen, jemandem den Weg erklären, Nahrung spenden oder jemandem Unterstützung anbieten. Doch ist das überhaupt Hilfe, oder ist es Eigennutz? Wo endet Nächstenliebe, wo beginnt Selbstverwirklichung? Und warum helfen wir manchmal nicht? Eine Spurensuche.


Hilfe – was ist das überhaupt?

Unter Helfen lassen sich nach Tillmann Bendikowski (im Buch „Helfen – warum wir für andere da sind“) grundsätzlich drei verschiedene Handlungsweisen verstehen: hilfreiches, prosoziales und altruistisches Verhalten.

  • Unter hilfreiches Verhalten fallen alle Formen der Unterstützung eines anderen Menschen - eine Krankenschwester hilft dem Patienten beim Aufstehen, ein Passant hilft einem anderen mit der Wegbeschreibung zum nächsten Bahnhof. Die meisten Menschen würden das als moralischen Standard begreifen oder als ein erwartbares Rollenverhalten – wie im Fall der Krankenschwester.
  • Das prosoziale Verhalten ist eine enger gefasste Bedeutung von Hilfe ohne (berufliche) Dienstverpflichtung, z. B. Blumengießen beim Nachbarn, während dieser auf Urlaub ist.
  • Am engsten sind die Grenzen beim altruistischen Verhalten: Hier erwartet der Helfer keinesfalls eine Gegenleistung – er handelt selbstlos, um das Wohlergehen eines anderen Menschen zu erhöhen.

Die Gründe dafür, dass Menschen helfen, sind ebenso vielfältig wie die Ausgestaltung der Hilfe: Prosoziales Verhalten ist nach Erkenntnissen der Evolutionspsychologie allen Menschen gemein – es steckt also in uns allen. Inwieweit diese biologischen Voraussetzungen eine Persönlichkeit schließlich prägen, hänge aber auch von der Sozialisation und dem kulturellen Kontext ab. Gleichermaßen sei eine mögliche Hilfeleistung allerdings auch von der konkreten Situation abhängig. Eine weitere wichtige Voraussetzung sei Mitgefühl, schreibt Bendikowski.


Christentum und Hilfe

Die Geschichte des Helfens ist eng mit dem Christentum verbunden. Einen bekannten Appell der christlichen Nächstenliebe stellt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Neuen Testament dar. Darin wird ein Mann auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho von Räubern überfallen und verletzt liegen gelassen. Ein Priester und ein Levit sehen den Verletzten und gehen weiter. Schließlich sieht ein Samaritaner den verletzten Mann: Er versorgt die Wunden des Verletzten und bringt ihn in eine Herberge, wo er den Wirt beauftragt und dafür bezahlt, den Verletzten zu pflegen, bis er zurückkehre. Jesus forderte dazu auf, ebenso wie der Samariter zu handeln.

Die Figur des barmherzigen Samariters funktioniert auch außerhalb christlicher Zusammenhänge als moralischer Appell: Der Samariter dient als Vorbild, ohne die spezifisch christlichen Motivationen des Helfens zu fordern. Noch heute besteht etwa der Arbeiter-Samariter-Bund sowie der Schweizerische Samariterbund. 
 

Hilfe aus Menschenliebe

In der Aufklärung kamen neue Aspekte zum Konzept der Hilfsbereitschaft hinzu: Philanthropie etwa bezeichnet ein menschenfreundliches Denken und Verhalten. Philanthropen plädieren dafür, die angeborenen menschlichen Triebe des Mitleids, der Sympathie und der Wohltätigkeit zu nutzen. Dieses Denken bezieht sich weniger auf konkrete Situationen als auf die Behebung von Ursachen einer Notsituation. Aufklärerische Kreise distanzierten sich vom traditionellen Ideal der Barmherzigkeit aus Nächstenliebe. Menschenliebe kann als säkularisierte Form der christlichen Nächstenliebe angesehen werden.

Altruismus bezeichnet Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit, kann bis heute jedoch nicht allgemeingültig definiert werden. Laut seinem „Schöpfer“, Auguste Comte (1798–1857), ist Altruismus ein Gegenbegriff zu Egoismus. Altruismus meint demnach ein Verhalten, das ein Individuum zugunsten einer anderen Person setzt und das ihm selbst keinen Nutzen bringt.

 
Egoistische Helfer

Neben dem altruistisch motivierten Helfer machten Psychologen noch den egoistischen aus, dessen Ziel es ist, sein eigenes Wohlergehen oder sein Ansehen in der Gesellschaft zu verbessern. Motive, die auch manch christlich motiviertem Helfer zugeschrieben werden: Studien zeigten, dass Gläubige vor einer Beichte spendabler sind als danach (Feldstudie von Harris et al. im Jahr 1975).

Doch nicht nur, um das eigene Wohlbefinden zu steigern, sondern auch, um Strafen zu entgehen, wird geholfen: Im österreichischen Strafgesetzbuch regelt § 95 den Tatbestand der „Unterlassung der Hilfeleistung“. Es drohen bis zu sechs Monate Freiheitsstrafe oder Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen, wenn die Unterlassung der Hilfeleistung den Tod eines Menschen zur Folge hat, sind Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr möglich. Es sei denn, die Hilfeleistung ist dem Täter nicht zuzumuten, heißt es weiter. 

In der Praxis gibt es wenige Strafverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung: Nach Angaben der Statistik Austria wurden 2018 sieben Personen (allesamt männlich) wegen unterlassener Hilfeleistung nach
§ 95 verurteilt. Zum Vergleich: 3030 Personen wurden wegen Körperverletzung rechtskräftig verurteilt. 

Hilfe muss laut Gesetz nicht nur zumutbar, sondern auch „offensichtlich“ sein. Wenn man die Gefahr nicht erkennt oder überzeugt ist, dass es der Person gut gehe, liegt keine Straftat vor. Sollte die Person dennoch zu Schaden kommen, unterlag man einem Irrtum. Und Irrtum schützt in diesem Fall vor Strafe.


Hilfe oder Zivilcourage

Die Begriffe Hilfe und Zivilcourage werden oft gleichbedeutend verwendet. In Zivilcourage ist oft auch Hilfe enthalten – aber nicht notwendigerweise umgekehrt. Zivilcourage, zusammengesetzt aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch „bürgerlich/nicht militärisch“) und courage (französisch „Mut“), kann als sozialer Mut oder Bürgermut bezeichnet werden. Zivilcourage ist ein bestimmter Typ sozialen Handelns und keine dauerhafte Charaktereigenschaft. Jonas und Brandstätter unterscheiden folgende Merkmale, die Zivilcourage im Gegensatz zu Hilfe ausmachen:

  • In einer Situation werden Wertüberzeugungen, soziale Normen, demokratische Grundwerte oder die Integrität einer Person verletzt. Im Zentrum steht ein Konflikt zwischen Personen, die diese Werte und Normen verletzen, und denen, die sie wahren wollen.
  • Zivilcouragiertes Handeln ist Risiko: Der Ausgang der Situation ist ungewiss. Anders als bei Hilfeleistung sind bei zivilcouragiertem Verhalten die potenziellen negativen Konsequenzen für die handelnde Person ein entscheidendes Merkmal – sei es durch den Angreifer selbst (z. B. ein tätlicher Angriff) oder durch die soziale Umwelt. Der Handelnde ist bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen.
  • Das Handeln ist öffentlich. Das heißt, in der Regel sind mehr als zwei Personen anwesend.
  • Es gibt ein (reales oder subjektiv wahrgenommenes) Machtungleichgewicht.


Warum wir nicht helfen

Während der Weihnachtsfeiertage 2014 lag ein sterbender Mann fünf Stunden lang in einem Wiener U-Bahn-Lift. Es handelte sich um einen Obdachlosen, der bewusstlos geworden war. Mehrere Passanten betraten den Lift und stiegen über ihn hinweg, wie Videoaufzeichnungen belegen. Keiner bot dem Obdachlosen Hilfe an, niemand verständigte die Rettung. Der Mann verstarb.

Situationen wie diese sind kein Einzelfall, wie unter anderem ein Experiment (2018) des Austrian Institute of Technology (AIT) bestätigt: Beim Experiment spielten zwei junge Frauen einen Streit publikumswirksam immer wieder in Wiener Parks vor, wobei einer Person Gewalt angedroht wurde. Bei 158 Zeugen, die den Streit verfolgten, kam dem Opfer nur in zwei Fällen jemand zu Hilfe, schilderten die Versuchsleiterinnen im „Kurier"-Interview. Was hält Menschen davon ab, anderen zu helfen? Warum sind Hilfsbereitschaft und Zivilcourage nicht so selbstverständlich, wie man es sich erhoffen würde?

Der Psychologe Dieter Gremel ist seit 2005 als Trainer für Zivilcourage beim Verein Zara (Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit) tätig. Er ist überrascht, dass beim Experiment des AIT nur zwei Personen eingeschritten sind, mahnt aber zur Differenzierung: „Wenn man es ganz niederschwellig betrachtet: Sobald ich stehen bleibe und beobachte, in dem Moment bin ich Zeuge. Ich traue mich vielleicht nicht, dort hinzugehen, aber ich setze die Situation unter Beobachtung, und damit habe ich auch schon eingegriffen.“ Beim Experiment hingegen wurde ein Eingreifen als aktives Dazwischengehen definiert.


Selbstschutz

Eingreifen und dazwischengehen ist oft das, woran man denkt, wenn von zivilcouragiertem Handeln die Rede ist. „Aber dazwischengehen ist gerade bei einem Konflikt, wo körperliche Gewalt im Spiel ist, gefährlich und nicht unbedingt ratsam. Es gibt viele andere Varianten, die man anwenden kann, um etwas zu tun“, sagt der Zivilcourage-Trainer. Ist das ein Widerspruch dazu, was Zivilcourage eigentlich ausmacht, nämlich ein Risiko einzugehen? Gremel meint: „Ein Risiko eingehen, kann auch bedeuten, sich bloßzustellen, sich sichtbar zu machen. Das ist für viele eine riesige Hemmschwelle.“ Selbstschutz sei eine der obersten Devisen bei Zivilcourage.


 
Der Zuschauereffekt

Eine große Bedeutung kommt auch dem Bystander-Effekt (Zuschauereffekt) zu, der in den 1960ern vom amerikanischen Psychologen John M. Darley erforscht wurde. Demnach gilt: Je mehr Menschen vor Ort sind, desto geringer ist das Verantwortungsgefühl des Einzelnen. Gremel identifiziert dabei zwei entscheidende Faktoren:

  • Verantwortungsdiffusion: Jemand anderer kann eingreifen – man hat das Gefühl, man muss sich nicht selbst der Situation aussetzen.
  • Eine andere Einschätzung der Situation: Wenn andere Personen nichts tun, denkt man, es sei „schon nicht so schlimm“ und greift selbst nicht ein.

Ein umgekehrter Effekt tritt ein, sobald dann doch jemand eingreift – wenn eine Person handelt, kann das die anderen Zuschauer ebenfalls dazu bewegen, aktiv zu werden. 

 
Vermeidungsstrategien: „Ich kann nichts machen“

Gremel nennt außerdem verschiedene Vermeidungsstrategien, die legitimieren sollen, warum jemand nicht eingreift.

  • Strategie eins bestehe darin, die Situation als weniger dramatisch zu beschreiben, als sie ist: „So schlimm ist es ja gar nicht."
  • Die zweite Strategie sei, die Situation generell als unlösbar anzusehen: „Da kann man grundsätzlich eh nichts machen.“
  • Ein drittes gängiges Erklärungsmuster sei es, die eigene Kompetenz infrage zu stellen: „Ich kann nichts machen. Ich bin zu schwach, habe keine guten Argumente oder bin nicht kompetent genug.“ Die mögliche Schlussfolgerung: Andere Personen können das besser und sollen daher eingreifen. Hier schließt sich der Kreis zum Zuschauereffekt – sind andere Personen vor Ort, schwindet das Verantwortungsgefühl des Einzelnen. 

Generell unterscheide man zwischen persönlichen und situativen Faktoren, die beeinflussen, ob jemand eingreift. Eine unklare Situation zum Beispiel ist ein situativer Faktor: Es ist nicht eindeutig, was passiert ist, wer wem etwas getan hat, wer Täter und wer Opfer ist. Das macht das Eingreifen schwierig. Wie sieht es mit persönlichen Faktoren aus? Beeinflusst beispielsweise das Geschlecht die Hilfsbereitschaft?


Das helfende Geschlecht

Sind Männer und Frauen unterschiedlich hilfsbereit? Zumindest kommen vielen unterschiedliche Bilder in den Kopf: Bei Frauen denken wohl viele an das klassische Rollenbild der Mutter. Der männliche Helfer gilt als mutig und heroisch – aber auch als höflich, etwa indem er einer Frau die Tür aufhält. Diese Vorstellungen geraten zunehmend in Bewegung – dennoch helfen Männer und Frauen oftmals immer noch unterschiedlich. 

Dieter Gremel kann aus seiner Erfahrung nicht sagen, dass Männer insgesamt häufiger eingreifen als Frauen – seine persönliche Erfahrung zeigte ihm eher das Gegenteil. „Männer haben viel eher das Gefühl: Ich brauche körperliche Kraft.“ Das sei aber nicht so ausschlaggebend, wie man denke. „Das heißt nicht, dass der Körper nicht relevant ist, sondern das ist mehr eine Frage meines Auftretens. Das kann man gut üben. Ich kann mich unsicher fühlen, aber ich schaffe es, nach außen Selbstbewusstsein zu zeigen.“ 

Zentral sind laut Gremel aber Wertvorstellungen. Die können sehr individuell sein und hängen natürlich auch zu einem gewissen Grad davon ab, in welcher Gesellschaft man aufgewachsen ist. „Es geht darum, wie ich es in dem Moment empfinde, wie mein inneres Wertebarometer ausschlägt. Das ist individuell, das ist mein Leitfaden.“

Was genau kann nun aber getan werden, um Zivilcourage zu fördern?


 
Ablenken statt eingreifen

Es gibt kein Patentrezept für Zivilcourage. Doch es gibt Alternativen zum klassischen Eingreifen. Gremel nennt folgende Möglichkeiten für Zivilcourage im öffentlichen Raum: 

Eine der wichtigsten Handlungsmöglichkeiten ist Hilfe holen. Dazu kann man sich an die Polizei, aber auch an andere Passanten wenden. Die Wiener Linien machen derzeit in einer Kampagne zum Thema Zivilcourage darauf aufmerksam – in einem interaktiven Video werden User in eine Streitsituation versetzt, in der sie schnell reagieren müssen. „Im Zweifel ist es ein Notfall“, schreiben die Wiener Linien in der Kampagne. 

Eine weitere Option ist Ablenkung. Hierfür bieten sich viele Möglichkeiten: Laut sein, pfeifen, schreien – oder singen und tanzen. Gremel plädiert dafür, sich für eine Variante zu entscheiden, die man vorher einübt und in einer Stresssituation möglichst schnell anwenden kann. 

Eine andere Variante ist die paradoxe Intervention. Als Beispiel nennt der Zivilcourage-Trainer, zu Personen hinzugehen und nach dem Weg zu fragen. Dadurch kann man auch das Aggressionslevel der Personen senken, denn der Fokus wird, zumindest kurzfristig, auf etwas anderes gelenkt. 


Niederschwellige Ziele

Generell rät der Zivilcourage-Trainer, sich ein niederschwelliges Ziel zu suchen, beispielsweise das Stoppen einer konkreten Situation. Ob es noch einmal zu einer solchen Situation komme, könne man ohnehin schwer beeinflussen. Ein Ziel könnte auch sein zu zeigen, dass ein bestimmtes Verhalten nicht in Ordnung ist, unabhängig davon, ob man die Situation verändern kann oder nicht. „Das ist eine Botschaft nicht nur an den Täter oder Betroffene, sondern auch an die umstehenden Personen“, sagt Gremel. Dieses Zeichen kann andere ermutigen, ebenfalls einzuschreiten. 

In der Zara-Beratungsstelle wird von betroffenen Personen oft erzählt, dass es für sie sehr unangenehm sei, wenn jemand beispielsweise etwas Beleidigendes sage und niemand von den umstehenden Personen reagiere. Gremel betont, dass Betroffene dieses Nichtstun oft als noch schlimmer empfänden als den beleidigenden Akt an sich. In diesem Fall sei es hilfreich, als Zeuge nach dem Vorfall Stellung zu beziehen. Traute man sich in der Situation nicht einzugreifen oder war zu langsam, könne man im Nachhinein klarstellen, dass man ein bestimmtes Verhalten nicht in Ordnung fand. „Zu sagen ‚Es war mir nicht möglich in dem Moment‘, das macht für die Personen selbst einen Riesenunterschied“, sagt Gremel. 


Übung, Übung, Übung

Der Zivilcourage-Trainer sieht grundsätzlich viel Bereitschaft einzugreifen. In den Zivilcourage-Workshops thematisiert er die Wahrnehmung von Konfliktsituationen: Nicht alle nehmen eine Situation als gleich unfair, ungerecht oder gewaltvoll war – oft seien Unterschiede hier sehr individuell. Außerdem erfolgt eine Reflexion von eigenen Werten und Gewaltvorstellungen. Ein weiterer Teil ist die Auseinandersetzung mit einer konkreten Situation. So werden etwa verschiedene Körperhaltungen geübt, um selbstsicher zu werden: „Nur wenn ich das einmal gespürt habe, kann ich das auch abrufen, wenn ich es brauche. Es ist wie ein Mantel, den ich mir in dem Moment dann anziehen und mit dem ich in die Situation hineingehen kann – aber ich muss vorher wissen, wie sich das anfühlt“, sagt Gremel. In einem weiteren Teil wird über Ziele und Strategien nachgedacht – und dann eine Situation durchgespielt. Ziel ist es, nach dem Workshop mehr Handlungsmöglichkeiten zu haben als davor.

Trotz aller Übung bleibt zivilcouragiertes Handeln immer eine Überwindung. Und sie beinhaltet ein gewisses Risiko – seien es Übergriffe oder sei es die Angst, beobachtet, beurteilt und verurteilt zu werden. Trotz seiner langen Erfahrung als Trainer spüre Gremel bei manchen Geschichten, die er in seinen Workshops hört, immer noch eine gewisse Ohnmacht: „Das ist ein Teil von zivilcouragiertem Handeln: Ich habe das Risiko, ich habe das Unsicherheitsgefühl – das bleibt auch. Wenn ich darauf warten würde, dass ich ohne Angst, nur mit vollem Selbstbewusstsein in so eine Situation hineingehen kann – das wird sich wahrscheinlich nie einstellen.“

Kosten der Freiwilligkeit

Freiwilligenarbeit als erfreuliche Schattenwirtschaft

Mehr als drei Millionen Österreicher arbeiten freiwillig. Würden sie für ihre Arbeit plötzlich Geld verlangen, müssten Staat und Non-Profit-Unternehmen tief in die Tasche greifen. Schätzungen gehen von neun Milliarden Euro aus, die diese Arbeit pro Jahr kosten würde. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Freiwilligenarbeit gehen aber über reines Geldsparen hinaus. (Von Manuel Mayr)

Die Wirtschaftskammer definiert das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, „die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft (...) hergestellt wurden“. Um den Wert der Wirtschaftsleistung Österreichs vollumfänglich messen zu können, müssten demnach alle Dienstleistungen bewertet werden – auch unbezahlte. Momentan finden sich jedoch nur bezahlte Waren und Dienstleistungen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) der Statistik Austria wieder, in der das jährliche BIP errechnet wird. Damit fallen nicht nur Haushaltstätigkeiten wie Kochen, Altenpflege oder Kinderbetreuung hinaus, sondern auch freiwillig geleistete Tätigkeiten bei der Feuerwehr, in der Flüchtlingshilfe oder in Sportvereinen.

Knapp neun Milliarden Euro Wertschöpfung erzielt die Freiwilligenarbeit in Österreich pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Wiener Wirtschaftsuniversität (WU) im Jahr 2012. Das sind 2,8 Prozent des BIP von 2012. Die Rechnung war eine einfache: Die Forscherinnen Ruth Simsa und Doris Schober multiplizierten die Anzahl der Freiwilligenstunden mit einem Stundenlohn von 11,48 Euro. Seither wurde keine vergleichbare Berechnung mehr durchgeführt. Der heutige Wert könnte aber über neun Milliarden Euro liegen.

Ungenaue Zahlen

Denn die Anzahl der freiwillig geleisteten Stunden pro Woche ist seit 2012 angestiegen. Die WU-Forscherinnen rechneten mit 7,9 Millionen Stunden „formeller Freiwilligenarbeit“, also der Arbeit in Organisationen wie dem Roten Kreuz oder der katholischen Kirche. Dem Freiwilligenbericht des Sozialministeriums aus dem Jahr 2015 zufolge arbeiten die Freiwilligen in Organisationen bereits 11,5 Millionen Stunden pro Woche (siehe Grafik unten). Aktuellere Zahlen gibt es derzeit nicht. Dazu kommt die „informelle Freiwilligenarbeit“. Damit sind private Tätigkeiten außerhalb des eigenen Haushalts wie Nachbarschaftshilfe, Pflege von Angehörigen oder private Nachhilfe gemeint. Diese Tätigkeiten, die nicht im Rahmen von Organisationen geleistet werden, bezifferten Simsa und Schober mit knapp 6,8 Millionen Stunden pro Woche. Auch dazu gibt es keine aktuelleren Zahlen.

 

Die Zahlen zur Freiwilligenarbeit seien nur Schätzungen, betont Astrid Pennerstorfer. Die Sozioökonomin forscht an der WU zu gemeinnütziger Arbeit. Der Versuch, der Freiwilligenarbeit einen Geldwert zu geben, ist für sie eine „Übung der Wertschätzung“. Dennoch seien Forscher mit Schwierigkeiten bei der Erhebung konfrontiert. Bei der informellen Freiwilligenarbeit gebe es viele Graubereiche, etwa, ob eine Arbeit noch Hobby oder schon Freiwilligenarbeit ist. Dem Nachbarn bei der Gartenarbeit zu helfen, ist für manche Befragte Arbeit, für andere Hobby. Was die formelle Freiwilligenarbeit betrifft, hätten die Organisationen selbst keine genauen Zahlen, sagt Pennerstorfer.

18,3 Millionen Stunden pro Woche (11,5 Millionen formell und 6,8 Millionen informell) multipliziert mit dem Stundenlohn aus der WU-Studie, 11,48 Euro, ergeben auf ein Jahr hochgerechnet eine Wertschöpfung der Freiwilligenarbeit von 10,9 Milliarden Euro. Doch auch diese Rechnung ist zu simpel. Um ein genaueres Ergebnis zu bekommen, müsste für jeden Bereich, in dem Freiwilligenarbeit geleistet wird, ein eigener Lohn für die Berechnung herangezogen werden. Der Stunde eines freiwilligen Rettungssanitäters würde demnach der Lohn eines Sanitäters der Berufsrettung beigemessen. In Wien liegt dieser gemäß Kollektivvertrag des Roten Kreuzes bei mindestens 2383,09 Euro brutto im Monat.

Aber auch bei der Bestimmung der Lohnhöhe sieht Pennerstorfer Schwierigkeiten: „Man kann annehmen, dass man bei der Freiwilligenarbeit weniger effizient arbeiten will. Es soll ja auch Spaß machen.“ In diesem Fall wäre der Durchschnittslohn der jeweiligen Branche zu hoch angesetzt. Umgekehrt würden vielleicht höher Qualifizierte für Tätigkeiten eingesetzt, die normalerweise niedriger Qualifizierte machen würden. Der Durchschnittslohn wäre dann zu niedrig. „Man trifft sehr viele Annahmen“, begründet die Forscherin ihre Skepsis.

Wohlstandsmessung ohne unbezahlte Arbeit

„Auch das BIP beruht auf zahlreichen Schätzungen und Hilfsansätzen“, sagt Arbeiterkammer-Ökonom Matthias Schnetzer. Schnetzer beschäftigt sich mit der unbezahlten Haushaltsarbeit, die ebenso wie die Freiwilligenarbeit nicht im wichtigsten Wohlstandsindikator BIP vorkommt. „Es wäre vermessen zu sagen, das BIP sei eine Daumen-mal-Pi-Rechnung. Aber diese präzise Zahl – 385,71 Milliarden Euro im Jahr 2018 – kann den tatsächlichen Wohlstand einer Gesellschaft nicht zufriedenstellend abbilden.“

Ein Beispiel für Schätzungen seien Trinkgeldzahlungen oder schattenwirtschaftliche Aktivitäten – im Volksmund „Schwarzarbeit“ genannt. Davon gibt es Schnetzer zufolge keine „systematischen Aufzeichnungen“. Für die Ermittlung des BIP wird die Höhe der Zahlungen daher geschätzt. Aus diesem Grund wäre es auch möglich, die unbezahlte Haushaltsarbeit zu schätzen und in die Wohlstandsmessung miteinzubeziehen. 79,26 Milliarden Euro beträgt deren Wertschöpfung laut Berechnungen von Elisabeth Schappelwein. In ihrer Masterarbeit aus dem Jahr 2018 mit dem Titel „Der blinde Fleck unbezahlte Arbeit“ multiplizierte die Studentin den Durchschnittsstundenlohn einer Haushaltshilfe mit den jährlich im Haushalt unbezahlt gearbeiteten Stunden. Das Ergebnis entspricht rund 27 Prozent des BIP. Haushaltsarbeit wäre damit Österreichs größter Wirtschaftssektor (siehe Grafik unten).

 

Die von Schappelwein verwendeten Daten der Arbeitsstunden im Haushalt sind allerdings veraltet. Sie stammen aus der letzten Zeitverwendungserhebung der Statistik Austria von 2008/09. Daher fordert Schnetzer eine neue Zeitverwendungserhebung. In dieser Studie werden repräsentativ ausgewählte Haushalte gebeten, einen Tag lang genau aufzuschreiben, wie viel Zeit sie für welche Tätigkeiten aufwenden.

Die Erhebung vor zehn Jahren zeigte Unterschiede bei der Aufteilung der unbezahlten Arbeit nach Geschlechtern. Während Männer 37 Prozent ihrer wöchentlichen Arbeitszeit (63,5 Millionen Stunden) mit unbezahlter Arbeit verbringen, sind es bei den Frauen 63 Prozent (123 Millionen Stunden). Die Freiwilligenarbeit ist neben Haushalts- und Betreuungsarbeit aber nur ein kleiner Teil davon.

Freiwillig arbeiteten Frauen demnach 5,2 Millionen, Männer 5,5 Millionen Stunden pro Woche. Dem Freiwilligenbericht 2019 zufolge sind etwa Katastrophenhilfe und politische Arbeit klare Männerdomänen. Frauen arbeiten dafür häufiger in der Bildungsarbeit oder im sozialen Bereich. Von der europäischen Statistikbehörde Eurostat wird empfohlen, alle zehn Jahre eine Zeitverwendungserhebung durchzuführen. Die Statistik Austria kann allerdings nicht aus Eigeninitiative aktiv werden. Sie benötigt einen Auftrag einer öffentlichen Institution – etwa der Bundesregierung – sowie eine Finanzierung. Schnetzer zufolge fehlte bei der im Sommer 2019 abgesetzten ÖVP-FPÖ-Regierung der Wille dazu. Aus dem Bundeskanzleramt der seit Juni im Amt befindlichen Übergangsregierung heißt es dazu, das Familienministerium habe ein Angebot von der Statistik Austria eingeholt. Entscheiden sollte laut Ministerin Ines Stilling aber die kommende Regierung. Diese hat sich offenbar entschieden. Im Regierungsprogramm der im Jänner angelobten ÖVP-Grün-Regierung findet sich die Absichtserklärung, eine Zeitverwendungserhebung zu beauftragen.

 

Der übersehene Sektor

Demselben Regierungsprogramm zufolge soll sich eine Arbeitsgruppe damit befassen, ein Satellitenkonto einzurichten, „um auch die wirtschaftliche Bedeutung von gemeinnütziger, zivilgesellschaftlicher und freiwilliger Arbeit sichtbar zu machen“. Die Forderung von Franz Neunteufl hat offenbar Gehör gefunden. Neunteufl vertritt als Geschäftsführer der Interessenvertretung gemeinnütziger Organisationen (IGO) Vereine wie Licht für die Welt oder SOS Mitmensch. Er startete im Juni 2019 einen Aufruf für ein eigenes Satellitenkonto in der Volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung, in dem die wirtschaftliche Bedeutung der gemeinnützigen Unternehmen abgebildet wird. Ein gemeinnütziges Unternehmen ist ein privates, nicht gewinnorientiertes (also Non-Profit-) Unternehmen. Der Sinn eines Satellitenkontos besteht darin, sich einen Teilaspekt der Gesamtwirtschaft genau anzusehen. In Österreich gibt es etwa ein Tourismus-Satellitenkonto. Neunteufl verspricht sich dadurch eine regelmäßige Veröffentlichung von Daten wie Anzahl der Non-Profit-Unternehmen, Anzahl der Beschäftigten im gemeinnützigen Sektor sowie Anzahl der Freiwilligen und deren geleisteter Stunden. „Momentan müssen das die Vereine selbst auflisten. Es gibt keine Vergleichbarkeit und keine Kontinuität“, begründete Neunteufl vor Bekanntwerden des Regierungsprogramms die Forderung.

Eine WU-Studie aus dem Jahr 2013, an der Astrid Pennerstorfer beteiligt war, kam zu dem Ergebnis, dass der gemeinnützige Sektor (Non-Profit-Sektor) eine Wertschöpfung von etwa sieben Milliarden Euro erzielt. Die Zahl entspricht 2,2 Prozent des österreichischen BIP von 2013. Darin enthalten ist allerdings nur bezahlte Arbeit in gemeinnützigen Organisationen und nicht Freiwilligenarbeit.

90 Prozent der 110.000 in Österreich tätigen Non-Profit-Organisationen arbeiten ausschließlich mit Freiwilligen, heißt es im Freiwilligenbericht 2015. Der Fundraising-Verband Austria geht in seiner Studie „Gemeinnützigkeit in Zahlen“ aus dem Jahr 2019 von einer Wertschöpfung des Non-Profit-Sektors inklusive Freiwilligenarbeit von 15 Milliarden Euro aus. Diese Zahl würde 3,9 Prozent des derzeitigen österreichischen BIP ausmachen. Neben 3,5 Millionen Freiwilligen arbeiten rund 250.000 bezahlte Beschäftigte im gemeinnützigen Sektor. Der hohe Freiwilligenanteil in dieser Branche bringt das Problem des Lohndumpings ins Spiel.

 

Dumping-Gefahr?

Das Problem Dumping kennt der erfahrene österreichische Zeitungsleser aus der Baubranche oder der Steuerpolitik. Etwa, wenn osteuropäische Baufirmen ihren Mitarbeitern auf österreichischen Baustellen nur den Mindestlohn aus dem Herkunftsland zahlen. Dann geraten heimische Baufirmen unter Kostendruck und drücken die Löhne, so weit es geht. In der Steuerpolitik wird Ländern wie Irland oder Ungarn vorgeworfen, dass sie mit ihren niedrigen Körperschaftsteuern andere Länder zwingen, aus Wettbewerbsgründen ebenfalls die Steuern zu senken. Nach dieser Logik müssten auch unbezahlte Kräfte im Non-Profit-Sektor den allgemeinen Lohn in diesen Bereichen drücken. Aber gibt es dafür Belege?

Auch WU-Ökonomin Pennerstorfer stellte sich diese Frage. In ihrer Dissertation aus dem Jahr 2008 zum Thema „Lohnhöhe und Lohnstreuung im Non-Profit-Sektor“ verglich sie gemeinnützige Organisationen, die mit Freiwilligen arbeiten, mit jenen ohne Freiwillige. Tatsächlich seien in den Organisationen ohne Freiwillige die Löhne höher als in jenen mit Freiwilligen. Dumping ist für Pennerstorfer aber nur eine Interpretation dieses Ergebnisses: So könnten in Non-Profit-Organisationen mit Freiwilligen etwa beliebtere Tätigkeiten auf der Tagesordnung stehen: „Die Ehrenamtlichen tun offensichtlich etwas, bei dem Leute auch gern mitarbeiten und deswegen geringere Löhne in Kauf nehmen.“

Freiwilligenarbeit als Motor für Wirtschaftswachstum

Es gebe aber zumindest Hinweise, dass Freiwilligenarbeit Angestellte verdrängt: „Organisationen, die unter wirtschaftlichem Druck stehen und Freiwillige haben, haben systematisch mehr Personalabgänge als Organisationen ohne Freiwillige. Wenn man die Organisationen fragt, sagen sie, Freiwillige und Arbeitskräfte ergänzten sich. Aber wenn Not am Mann ist, nimmt man vielleicht schon Freiwillige.“ Andererseits würden aber auch Freiwillige durch Angestellte ersetzt, wenn sich Organisationen professionalisieren. Freiwilligenarbeit hat laut Pennerstorfer dabei die Rolle, neue Wirtschaftszweige zu erschließen: „Über die Jahre hinweg zeigt der Non-Profit-Sektor relativ große Wachstumsraten. Ein Stück weit ist das so zu interpretieren, dass sich Dienstleistungsbereiche neu erfinden. Dass es neuen Bedarf in der Gesellschaft gibt.“ Den Bedarf decken zunächst Freiwillige, bis sich die Organisationen professionalisieren. Der Ersatz von Freiwilligen durch Angestellte ist also eine stetige Entwicklung. Aber was wäre, wenn Freiwillige plötzlich wegfallen würden?

 

Dem Freiwilligenbericht nach gaben nur 22 Prozent der befragten Organisationen an, Freiwillige bei deren Ausfall durch bezahlte Kräfte zu ersetzen. In der Katastrophenhilfe sagten 31 Prozent, sie würden Leute einstellen, in den Bereichen Kultur, Religion, Gemeinwesen oder Bildung waren es nur fünf bis acht Prozent. „Prinzipiell gibt es sicher Bereiche, in denen der Wohlfahrtsstaat seine Pflichten wahrnehmen würde. Der Rettungsdienst würde bezahlt mit öffentlichen Steuermitteln und halt dementsprechend mehr kosten. Die Versorgungslage würde ein Stück weit schlechter. Beim Flüchtlingswesen glaube ich auch, dass es grundlegende Dienste geben muss. Aber andere Dinge wie der Fußballverein für die Kinder würden dann nicht mehr angeboten“, prognostiziert Pennerstorfer.

Welche Wertschöpfung dieser Fußballverein für die Kinder erzielt, ist auf den Cent genau schwer zu berechnen – genauso wie der Deutschkurs für Flüchtlinge oder das Löschen eines Hausbrands. Der Trend, gesellschaftliche Aktivitäten in Zahlen zu gießen, macht aber auch vor der Freiwilligenarbeit nicht Halt.

Hilfe auf Österreichisch

Kleiner Igel, große Spende

Menschen engagieren sich nicht nur für andere Menschen, sondern auch für Tiere. Warum sie das tun und wie tierlieb Österreich ist – eine Spurensuche bei der Wildtierhilfe Wien. (Von Astrid Eisenprobst)

Ein hohes Piepsen füllt die Quarantänestation der Wildtierhilfe Wien. Es ist so durchdringend, dass das Geräusch des Regens, der gegen das Fenster prasselt, beinahe untergeht. Wie als Antwort auf das Piepsen läuft die Uhr der Mikrowelle ab; die Maschine klingelt kurz. Mit einem schnellen Handgriff entnimmt die Biologiestudentin Eva das warme Handtuch und trägt es zu einem der Käfige, in dem eine zerzauste Taube sitzt. Obwohl sie wie ein erwachsenes Tier aussieht, ist sie noch jung, was man an dem fiependen Geräusch erkennen kann, das sie ununterbrochen ausstößt. Routiniert baut Eva ein Nest aus dem warmen Stoff und legt es in den Käfig. Der ganze Vorgang dauert nur wenige Sekunden.

Hier, direkt neben dem Franz-Josefs-Bahnhof, kümmern sich um die 20 freiwilligen Helfer im Schichtbetrieb seit 2016 um verletzte oder kranke Wildtiere wie Eichhörnchen, Füchse und Singvögel. Die knapp 90 Quadratmeter großen Räumlichkeiten umfassen zwei Quarantänestationen, also Räume, die verschlossen werden können, einen Raum mit einem deckenhohen Vogelkäfig, einen Aufenthaltsraum für die Helfer und eine Küche. Ein Außengehege gibt es nicht.

Die Wildtierhilfe wird ausschließlich von Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. Von den Menschen, die verletzte oder kranke Tiere vorbeibringen, wird kein Geld verlangt. Trotzdem kommt von dieser Gruppe das meiste Geld, denn wer ein Tier vorbeibringt, der spendet auch gerne für die Hilfe, die dann geleistet wird. Die Spenden, die von Jahr zu Jahr variieren, reichen, um die Räumlichkeiten, die Medizin und das Futter für die Tiere zu zahlen. 2019 bekam die Wildtierhilfe rund 40.000 Euro. Für Personal reicht das nicht, nur die Obfrau des Vereins ist 15 Stunden die Woche angestellt. Der Arbeitsaufwand entspricht aber dem einer Vollzeitstelle.

Wieder klingelt die Mikrowelle kurz. Ein weiteres Handtuch ist aufgewärmt. Erneut baut Eva daraus ein Nest. „Warum ich mich für Tiere engagiere? Das fragen mich sogar manchmal meine eigenen Eltern,“ sagt sie. Die Antwort lautet: „Irgendjemand muss sich halt drum kümmern. Die Vorstellung, dass man verletzt draußen liegt und niemand hilft, das ist gruselig.“

Es gibt genug Menschen, die verletzte Tiere nicht liegen lassen. Nach einem klärenden Telefonat, bei dem die Hilfsbedürftigkeit des Tieres und der verfügbare Platz in der knapp 90 Quadratmeter großen Wildtierhilfe abgeglichen werden, können Finder vorbeikommen.

Aber muss Wildtieren unbedingt geholfen werden? Ist ein sterbender Igel nicht einfach Teil der Natur?

„Was ist noch die Natur?“ hält Evelyn Moser-Gattringer, die Obfrau des Vereins, solchen Aussagen entgegen. „Dass Menschen sich ärztliche Hilfe holen, ist auch nicht die Natur. Ein erheblicher Teil unserer Tiere kommt durch nachweislich menschliches Verschulden zu Schaden.“ Dazu gehören Kollisionen mit Fensterscheiben von hohen Häusern, gerade im Winter, wenn die Sonne tief steht, aber auch der Kontakt mit Hunden und Katzen. Besonders Katzen sind kein Teil der heimischen Flora, werden aber von Menschen versorgt und dezimieren, wenn sie Freigang haben, die Wildtierpopulation. Besonders heimische Singvögel sind davon betroffen.

Ein weiteres Argument für die Existenz der Wildtierhilfe ist das Tierschutzgesetz. Laut § 9 muss ein Mensch, der ein Tier verletzt oder es in Gefahr gebracht hat, dem Tier Hilfe leisten oder eine Hilfeleistung veranlassen. Moser-Gattringer erklärt das so: „Wenn meine Katze einen Vogel fängt und der Vogel noch lebt, dann bin ich dafür verantwortlich, dass dem Vogel geholfen wird.“ Wem das also passiert, der ist gesetzlich verpflichtet, den Vogel zu einem Tierarzt oder einer anderen Einrichtung zu bringen. Es muss also Stellen geben, an die man sich in so einem Fall wenden kann. Und so eine Stelle ist die Wildtierhilfe.

Allerdings gibt es nicht nur Menschen, die diesen Service in Anspruch nehmen, in dem sie Tiere vorbeibringen. Es gibt auch solche, die mithelfen wollen, weil sie wilde Tiere einmal hautnah erleben wollen. Solche freiwilligen Helfer sind bei der Wildtierhilfe nicht erwünscht.

Das Auswahlverfahren der freiwilligen Helfer ist lang, allerdings muss man keine Vorkenntnisse in der Wildtierpflege mitbringen, nur die Bereitschaft, sich weiterzubilden. Interessierte bewerben sich mit Motivationsschreiben und Lebenslauf und werden zu einer Infoveranstaltung eingeladen, bei der sie, unter anderem, über die Risiken aufgeklärt werden, die die Arbeit mit wilden Tieren mit sich bringt. Abschließend müssen mehrere Schnuppertermine absolviert werden. Während der Schnuppertermine sind die potenziellen freiwilligen Helfer bei einer vollen Schicht dabei und können sich anschauen, was alles von ihnen verlangt wird.

Eine Schicht kann sich stark von der nächsten unterscheiden. Es kommt dabei immer darauf an, welche Tiere gerade in der Wildtierhilfe sind und was sie brauchen. Käfige reinigen und die Tiere füttern gehört auf jeden Fall dazu, allerdings kann es auch häufig vorkommen, dass die Freiwilligen Medikamente verabreichen müssen. Das Ausrechnen der richtigen Dosierung muss man nach den drei Schnupperterminen beherrschen. Wenn Interessierte als freiwillige Helfer aufgenommen werden, dann wird erwartet, dass sie pro Woche mindestens eine sechsstündige Schicht übernehmen.

„Sechs Stunden, das ist das absolute Minimum,“ betont Moser-Gattringer. „Wenn man zwei Wochen nicht da ist, dann kennt man die Tiere nicht mehr und kann nicht beurteilen, ob es ihnen besser oder schlechter als am Vortag geht.“

Luise, die im Master Naturschutz studiert, hilft ebenfalls ehrenamtlich bei der Wildtierhilfe mit. Sie ist um die 20 Stunden pro Woche in den Vereinsräumlichkeiten. „Man sieht ja, wofür wir es machen. Wenn man ein krankes Tier gesund pflegt und wieder auswildert, dann ist das ein tolles Gefühl. Man macht es gerne, sonst wäre man nicht so oft da.“ Den Weg zur Wildtierhilfe hat Luise über einen Aushang an der Universität gefunden. Sie hat sich von dem Aufruf zur Mitarbeit angesprochen gefühlt und sich beworben.

Tierliebe, gesetzliche Bestimmungen, Umweltschutz – die Motivationen der drei Frauen in der Wildtierhilfe sind vielfältig. Es gibt ihn nicht, den einen Grund, warum Menschen sich um Tiere kümmern wollen oder warum sie Geld für Tierschutzorganisationen spenden. Das bestätigt auch Michaela Neumayr von der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie forscht am Institut für Nonprofit Management, unter anderem zu den Themen Spenden und Philanthropie.

„Was zum Spenden motiviert, das kann etwas Intrinsisches sein – ich will, dass ein bestimmtes Problem bearbeitet und gelöst wird. Es kann auch etwas Extrinsisches sein – ich spüre einen sozialen Druck, ich werde angesprochen,“ sagt Neumayr. Auch für die Motivation, sich freiwillig zu engagieren, gibt es viele Erklärungen. Einer der wichtigsten Faktoren sei aber immer, dass sich Spender direkt angesprochen fühlen.

Wer sich wovon angesprochen fühlt und wie viel wofür in Österreich gespendet wird, das wird jedes Jahr vom Fundraising Verband Austria erhoben. Laut dem Spendenbericht 2019 gingen im Jahr 2018 22 Prozent der Spenden an Tiere; nur für Kinder spendet der Österreicher lieber.

Unter den 20 NPOs, die in Österreich die meisten Spenden erhalten, finden sich mit Greenpeace, Vier Pfoten und WWF gleich drei Organisationen, die sich für Tier- und Umweltschutz einsetzen. Zusammen erhielten diese im Jahr 2018 rund 35 Millionen Euro aus Geldspenden und Mitgliedsbeiträgen.

 

In Deutschland sieht das Bild anders aus. Gemäß einer jährlichen Studie des Deutschen Spendenrats wurden zwischen Januar und September 2018 6,4 Millionen Euro für Tierschutz und 3,6 Millionen Euro für Umwelt- und Naturschutz gespendet. Das macht nur zehn Millionen Euro für Umwelt- und Tierthemen in einem Land, das zehn Mal so viele Einwohner wie Österreich hat. Zum Vergleich: Am meisten spendet der Deutsche für humanitäre Hilfe, nämlich 75 Millionen Euro.

„Ich würde diese Zahlen nicht überbewerten,“ meint Neumayr. „Es hängt ganz stark davon ab, wie die Frage gestellt wird. Es macht einen Unterschied, ob man bei der Befragung nach Tieren und Umwelt fragt oder nur nach Tieren. Also aufgrund dieser Befragungsdaten würde ich das nicht überbewerten.“

Allerdings sind Österreicher auch geizig, wenn es um Spenden geht. Dem Spendenbericht 2019 zufolge ist das Spendenaufkommen pro Einwohner in Österreich im Europavergleich mit 77,66 Euro jedenfalls sehr gering. In Deutschland sind es immerhin 90,36 Euro pro Einwohner. Diese Zahlen lassen es doch so aussehen, als wäre das Thema Tiere in Österreich wichtiger als im Nachbarland Deutschland.

Einen Konflikt zwischen den Spendenmotiven gibt es nicht. „Es gibt Menschen, die spricht das eine mehr an und es gibt Menschen, die spricht das andere mehr an“, sagt Neumayr. „Und es gibt sicher eine große Gruppe, die sich für Tiere überhaupt nicht interessiert.“ Selbst innerhalb dieser Gruppe könne es große Unterschiede geben: Manchen seien Hunde und Katzen vielleicht egal, dafür sei ihnen die Artenvielfalt wichtig. Umgekehrt treffe das Gleiche zu.

Wer die Wildtierhilfe kritisiert

Doch Moser-Gattringer und der Verein haben nicht nur Befürworter, sondern werden auch immer wieder mit Kritik konfrontiert. Der Vorwurf, dass sie sich zu viel um Tiere kümmern und nicht um Menschen kommt einem da in den Sinn. Doch meistens wird kritisiert, wie in der Wildtierhilfe gearbeitet wird.

„Es gibt schon manchmal Leute, denen es nicht passt, dass wir uns um Wildtiere kümmern, aber wir werden vor allem wegen der Aufnahmestopps kritisiert“, sagt Moser-Gattringer. Gerade im Sommer sei oft zu wenig Platz da. Wenn sie aus Platzmangel ein Tier ablehnen, werden sie am Telefon angeschrien werden. Auch Tränen sind schon geflossen. „Wenn keine professionelle Anlaufstelle mehr Platz hat, dann ist die einzige andere Möglichkeit, das Tier von einem Tierarzt einschläfern zu lassen. Wenn man das am Telefon sagt, dann ist man unten durch.“

Plötzlich ertönt ein Geräusch, das so klingt, als würde eine große Katze einen Fellball heraufwürgen. „Das ist ein hustender Igel, der hat Lungenwürmer“, sagt Moser-Gattringer mit einem Kopfnicken in Richtung eines weiteren Käfigs. „Da hat er Pech.“

Zurück in die Wildnis

Wenn ein Wildtier in die Wildtierhilfe kommt, dann wird es dort von den freiwilligen Helfern gesund gepflegt. Das beinhaltet die Zufuhr von Medikamenten und das Abheilen von Wunden. Entweder wird das Tier danach am Fundort oder einem anderen geeigneten Ort freigelassen oder kommt zuerst in eine Voliere.

Tiere, die lange in Pflege waren, werden in diesem überdachten Außengehe gehalten, um sich wieder an die Natur gewöhnen zu können. Eine Voliere verfügt meist über ein Doppelgitter und einen Untergrabungsschutz und bietet genug Versteckmöglichkeiten für das Tier. Da die Wildtierhilfe keine eigene Voliere hat, arbeiten sie mit Privatpersonen in ganz Österreich zusammen, die sie bei der Auswilderung unterstützen. Nur wenn Tiere schrittweise ausgewildert werden, können sie in der Wildnis überleben.

Hüter der Wanderwege

Wandern zählt zu den Lieblingssportarten der Österreicher. Um auf den Berg zu steigen, braucht es intakte Wanderwege und gut gesicherte Klettersteige. Diese Arbeit wird größtenteils von Freiwilligen erledigt – eine Spurensuche am Feuerkogel. (Von Annemarie Andre)

Die dunkelbraune Hündin Wanda sitzt im Kofferraum und streckt ihren Kopf nach vorn. Normalerweise sitzt sie auf dem Rücksitz, wenn Erwin Zeppetzauer mit dem Auto fährt. Heute sitzt da aber sein Freund Heli Loidl, gut gelaunt und mit Tiroler Jagdhut auf dem Kopf. „Am Vormittag soll das Wetter halten“, sagt Heli. Regen ist erst für den Nachmittag vorhergesagt. In wenigen Tagen wird der Winter einsetzen, davor wollen Zeppetzauer und Loidl noch alles erledigen. „Ein paar Bäume sind bei einem Sturm auf den Weg gefallen, die schneiden wir heute weg“, sagt Erwin.

Der 69-Jährige lenkt sein Auto an der Hütte vorbei auf eine Schotterstraße, die sich in Serpentinen den Berg hinaufschlängelt. Der Feuerkogel ist der Hausberg der Gemeinde Ebensee im Salzkammergut. Er ist mit seinen 1592 Metern und dem leicht ansteigenden Weg nicht zu beschwerlich zu gehen, ein beliebtes Ausflugsziel. Die auf dem Wanderweg liegenden Bäume könnten für weniger Sportliche und Kinder aber eine Herausforderung werden.

Über Stock und Stein

Rund 53 Prozent der Österreicher gehen einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Marketagent zufolge gern wandern. Bei dieser wurden im Jahr 2015 rund 1000 Österreicher befragt. Nur das Schwimmen ist noch beliebter als das Wandern und liegt damit auf Platz eins der Lieblingssportarten.  Neben dem Bergsteigen schätzen viele Österreicher den „Einkehrschwung“ bei der Hütte – welche Arbeit die Wanderwege verursachen, ist jedoch oft unbekannt.

Dem Verband alpiner Vereine zufolge werden in Österreich rund 60.000 Kilometer Wege und Steige von den Mitgliedsorganisationen gewartet. 26.000 Kilometer Wege werden vom Österreichischen Alpenverein gepflegt. Die Donau, der zweitlängste Fluss Europas, müsste neun Mal verlängert werden, um dieser Kilometeranzahl zu entsprechen. Der Österreichische Touristenklub betreut weitere 19.000 Kilometer Wege, die Naturfreunde ein Wegenetz von 15.000 Kilometern.


 
Ohne Freiwilligenarbeit wäre ein Wegenetz wie dieses nicht zu erhalten. Allein der Alpenverein gibt jährlich rund eine Million Euro für die Instandhaltung der Wege aus. Finanziert wird diese Summe aus Zuschüssen der öffentlichen Hand, Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Kooperationen mit Unternehmenspartnern. Die 45.000 geleisteten Stunden der Freiwilligen pro Jahr würden diesen Rahmen sprengen. Sie arbeiten umsonst, weil sie die Nähe zur Natur schätzen und die Bergwelt erhalten wollen. Dass Wege überhaupt instandgehalten werden und begehbar sein müssen, ist im Gesetz festgeschrieben.
 
§ 33 des Forstgesetzes aus dem Jahre 1975 regelt die Wegefreiheit im Wald. Dieser besagt, dass „jedermann den Wald zu Erholungszwecken betreten und sich darin aufhalten darf“. Die Erhaltung der Wanderwege ist in einigen Bundesländern durch ein eigenes Wegefreiheitsgesetz geregelt. In Oberösterreich, wo Erwin und Heli freiwillig tätig sind, regelt das Tourismusgesetz die Instandhaltung der Wege. Dem Tourismusverband der Gemeinde obliegt die Aufgabe, die Wege zu erhalten, und er darf diese nur sperren, wenn eine Gefahr für den Wegebenutzer besteht. Angestellte, die Wege warten, können sich nur touristische Gemeinden mit einer hohen Nächtigungsquote leisten.

Älterer Herr beim Instandhalten von Wanderwegen
Der Freiwillige Heli beim Instandhalten der Wege am FeuerkogelAnnemarie Andre


Erwin und Heli sind beim Wegeverein der Gemeinde, den Erwin vor 20 Jahren gegründet hat und der finanziell von der Gemeinde unterstützt wird. 30 Jahre lang war der 69-Jährige Naturfreunde-Obmann. Wie er das geworden ist? Der damalige Bürgermeister von Ebensee rief ihn an und teilte ihm mit, dass er bei den Naturfreunden noch einen Obmann-Stellvertreter suche. „Ich habe mir gedacht: ‚Na gut, schau ich mir das halt mal an‘, und dann bin ich geblieben und Obmann geworden“, sagt Erwin, während er sein Auto neben dem neuen Skilift und einigen Schneekanonen parkt. Diese wurden schon getestet, deshalb sind kleine Schneeteppiche zu entdecken, die im Sonnenlicht langsam wegschmelzen.

„Wir gehen jetzt hinunter zur Raststation, auf diesem Weg sollte ein Baum liegen“, sagt Erwin. Heli hat mittlerweile seinen Jagdhut gegen einen Helm ausgewechselt. Für das Fällen der Bäume ist er verantwortlich. Sein Vater war Holzknecht, mit ihm war er oft gemeinsam im Wald. Erwin hat seine Spitzhacke dabei – damit befördert er Baumstämme zur Seite. Heli ist schon beim ersten umgefallenen Baum, weiter hinten folgt Erwin mit Hündin Wanda. Der Labrador läuft aufgeregt nach vorn zu Heli und wieder zurück. So schnell geht es für Erwin nicht mehr. Gesundheitlich geht es ihm, wie er sagt, zwar gut, aber eine künstliche Hüfte und ein künstliches Knie trägt er dennoch bei 200 freiwilligen Stunden im Jahr mit sich herum.

Heli sägt den ersten Baumstamm um
Der erste Baumstamm fälltAnnemarie Andre

Die Motorsäge heult auf, der erste Stamm fällt auf den Weg. „Der Schneedruck im Winter ist so groß, da wäre der Baum sowieso bis herunter gedrückt worden“, erklärt Erwin. Mit seiner Spitzhacke geht er los und befördert den gefällten Baumstamm die Böschung hinunter. Alle zwei bis drei Wochen geht Erwin oder einer der anderen Wegemacher die Strecke ab. Jeder Weg ist einem Verein und innerhalb des Vereins bestimmten Personen zugeteilt. Bäume, die bereits auf dem Weg liegen oder umgeknickt sind und umzufallen drohen, werden von den Wegemachern beseitigt.

Manchmal kommt es vor, dass Wanderer beim Wegeverein anrufen und Bescheid geben, wenn ein Baum zu räumen ist. Die Freiwilligen kümmern sich auch um die Grünfläche bei den Badeseen und die Sauberkeit der Ortszentren. Gemeinsam kommen die acht Wegemacher auf rund 1000 freiwillige Stunden im Jahr. Alle alpinen Vereine dokumentieren, welche Arbeit sie verrichtet haben und wie lang das gedauert hat. Darüber wird die Gemeinde informiert.

Heli hilft Erwin oft bei den Instandhaltungsarbeiten. Die beiden kennen sich bereits seit fast 40 Jahren. „Ohne Freundschaften geht’s nicht“, sagt Erwin und schultert seinen Rucksack erneut, „das Wichtigste für mich beim Verein war immer, dass ich mit allen gut ausgekommen bin.“

„Wir sind lauter Ältere“

So wie Erwin und Heli geht es mehreren Hundert Wegewarten in Österreich. Das Durchschnittsalter der Wegereferenten liegt im Alpenverein und bei den Naturfreunden bei über 50 Jahren. Viele der Freiwilligen wollen in der Pension eine sinnvolle Tätigkeit ausüben und verbinden das mit einem Hobby in der Natur. Es gibt nur wenige Wegereferentinnen; bei den Naturfreunden sind von den 142 Zuständigen nur zehn Frauen. Zu den Freiwilligen, die immer wieder mithelfen, zählen in den Organisationen auch junge Leute und Berufstätige. Gerade um die Jungen bemühen sich sowohl Alpenvereins- als auch Naturfreundejugend. Unklar ist nämlich, wer in Zukunft die Freiwilligenarbeit macht.
 
„Ich frage mich, wie das mit dem Wegemachen weitergeht, wir sind lauter Ältere“, sagt auch Erwin. Bei seinen Kindern sieht er, wie sich das Berufsleben verändert hat und dass die Zeit rar wird. „Früher haben in den Betrieben in der Gegend die Leute auch unter der Dienstzeit telefonieren können“, merkt Erwin an, „das geht heute nicht mehr, das Berufsleben wird immer stressiger.“
 
Früher gab es in Ebensee und Umgebung einige Firmen, die meisten davon sind nun geschlossen oder abgewandert. Berufstätige müssen eine Stunde oder mehr pendeln, um zur Arbeit zu kommen. Dass da die Lust an der Freiwilligenarbeit verloren geht, sei nur verständlich, meint Erwin.
 
Die beiden Freiwilligen lassen sich auf die Bank bei der „Hohen Rast“ fallen. Das Material für die Bank mussten sie zuerst mit dem Auto zum höher gelegenen Skilift bringen und dann nach unten transportieren. Trotzdem immer noch besser, als Holz und Werkzeugkoffer auf den Berg hinaufzutragen.

Aussicht vom Feuerkogel
Aussicht vom FeuerkogelAnnemarie Andre

Heli bleibt nicht lang sitzen, er holt das Gipfelbuch aus der Metallkassette, damit sich die beiden eintragen können. „Wir müssen noch dazuschreiben, dass wir das Holz weggeräumt haben“, sagt Erwin. Bevor es weitergeht, füllt Heli bei seiner Motorsäge Benzin nach. Sie diskutieren, wie viele Bäume weiter unten zu räumen sind. Erwin kontrolliert das mithilfe der Bildergalerie seines Smartphones nach. Er wisse mindestens noch von zwei weiteren Stellen.

Auswirkungen des Klimawandels

„Der Sturm und der Schneedruck haben uns in den letzten Jahren Hunderte Bäume umgehauen“, sagt Heli. „Dafür sind wir vom Hochwasser und den Niederschlägen verschont worden“, merkt Erwin an. Einmal habe es in kürzester Zeit so viel Regen gegeben, dass der komplette Weg ruiniert gewesen und sogar ein kleiner Bach vom Berg heruntergeronnen sei. Am Klimawandel zweifelt hier niemand. Auch der Alpenverein bemerkt, dass die Gewalt von Unwettern in den vergangenen Jahren steigt. Vermurungen, Wegabrisse und Verlegungen durch Lawinen sind nur einige der Folgen. In solchen Fällen greift der Katastrophenfonds der Organisation. Nur für den Karnischen Kamm in Osttirol belief sich die Schadenssumme auf mehr als 100.000 Euro.
 
Wenn Arbeiten von den Vereinen nicht zu bewerkstelligen sind, können sie einen Antrag auf Unterstützung beim Bundesheer stellen. „Unterstützen kann das Bundesheer, wenn es einen wehrpolitischen Wert daraus ziehen kann oder es zu Ausbildungszwecken nützlich ist“, sagt Michael Bauer, Sprecher des Verteidigungsministeriums. Gewerkschaftsbund und Wirtschaftskammer müssen einem solchen Eingreifen aber zustimmen, damit Unternehmen nicht benachteiligt werden. Die Kosten übernimmt der Antragsteller.

Die zwei Freiwilligen beim Instand halten der Wanderwege
Hund Wanda wird wieder zurückgeschicktAnnemarie Andre

Erwins und Helis Weg führt sie über Wurzeln und Blätter weiter nach unten. Durch das feuchte Laub rutscht man leichter aus als sonst. Das Laubgebläse hat Erwin heute nicht dabei. Auch das Laub wegzublasen zählt er zu seinen Arbeiten, damit Wanderer einen besseren Weg haben und weniger darauf achten müssen, wo sie hinsteigen. Im Sommer stutzen sie die Sträucher, da diese sich sonst über den ganzen Weg ranken würden. Das meiste zu tun ist aber jedes Jahr im Frühjahr: „Der Schneedruck und der Winter ruinieren viel“, sagt Erwin, „Stufen sind hin, Leitern sind hin, bei der Hütte ist viel kaputt.“ Da müssen alle zusammenarbeiten.

Mittlerweile hat es zu tröpfeln begonnen, zwei Stunden sind die beiden bereits unterwegs. Besorgt blicken Erwin und Heli in Richtung Himmel. Einen Baum werden sie noch umschneiden und dann schauen, ob das Wetter hält. Das Ganze ist bereits perfekt einstudiert: Heli sägt den Baum ab, und Erwin bringt ihn mit der Spitzhacke zur Seite. Dass man sich untereinander versteht, ist für beide im Verein das Wichtigste.  Nur ein einziges Mal hätten sie im Verein jemanden gehabt, der nicht dazugepasst habe. „Der hat getan, wie er wollte“, sagt Erwin, und Heli nickt bestätigend. „Weil er vom Gipfel herunterschauen wollte, hat er einfach Fichten umgeschnitten, das geht nicht“, ergänzt Erwin.

Erwin beim Instandhalten der Wanderwege
Erwin befördert den Baumstamm mit der Spitzhacke zur SeiteAnnemarie Andre

Verlässlichkeit gehört für Erwin einfach dazu, denn die 50 Kilometer Wanderwege, die sein Wegeverein betreut, müssen regelmäßig gewartet und beschildert werden. Für die Freiwilligen kann das durchaus anstrengend werden, denn mit dem Signalkogel, Kalvarienberg und Sonnstein erklimmen sie insgesamt an die 70.000 Höhenmeter. Dieser Arbeit kann Erwin seit der Pension noch öfter nachgehen. Aber auch während seiner Tätigkeit als Hauptschullehrer hat er das Wegemachen geschätzt. „Natürlich merkst du von der ersten Klasse bis in die vierte Klasse Hauptschule, wer gescheiter geworden ist, aber halt nur langsam“, sagt Erwin. „Wenn ich heute eine Brücke mache, dann freue ich mich und sehe sofort das Ergebnis.“

In den 40 Jahren, die Erwin als Wegemacher tätig ist, hat es nur wenige negative Kommentare gegeben. Die meisten freuen sich, dass jemand die Wege erhält. Lediglich ein bis zwei Leute habe es gegeben, die über die natürliche Wegeerhaltung mit ihm diskutieren wollten und zu Erhaltungsmaßnahmen Kritik äußerten.
 
Zurück beim Auto packen Erwin und Heli die Motorsägen wieder ein. Heli tauscht seinen Helm gegen den Jagdhut, und Hündin Wanda wartet auf den Einstieg. Bis sich Heli weiter unten im Dorf verabschiedet, muss sie noch im Kofferraum mitfahren.

Gute Nachbarn auf Bestellung

Auf die Kinder aufpassen oder zum Arzt fahren – wo man früher für Hilfe beim Nachbarn klingelte, steht man heute meist vor verschlossenen Türen. Starke Abwanderung und Vollzeittätigkeit dünnen die Ortskerne aus. Besonders Ältere können ihren Alltag aber nur mithilfe anderer, wie ihrer Nachbarn, meistern. In einigen Regionen Österreichs hat sich die Nachbarschaftshilfe deshalb professionalisiert. (Von Nina Pöchhacker)

Frau Kaplan muss zweimal pro Woche zur Physiotherapie. Die 89-Jährige ist zu Fuß zwar noch fit, erledigt so ihre Einkäufe, aber das Autofahren traut sie sich seit zwei Jahren nicht mehr zu. Die nächste Physiotherapie, die von der Krankenkasse bezahlt wird, ist in Neusiedl am See – von Kaplans Heimatort, Nickelsdorf, sind das mit dem Auto 25 Minuten. Die Strecke fährt sie jedes Mal mit einem anderen „Nachbarn“. Die meisten kennt sie vom Sehen, so wie Maria Tröstner.

Maria Tröstner und Frau Kaplan
Maria Tröstner (links) und Frau Kaplan im Wartezimmer der Physiotherapie(c) Nina Pöchhacker

Seit März engagiert sich Maria Tröstner bei NachbarschaftshilfePLUS, einem Verein, der Dienste anbietet, die früher oft von Nachbarn erledigt wurden. Dazu zählen Einkaufsfahrten, auf Kinder aufpassen, spazieren gehen, Kartenspiele, Kaffee trinken. Maria Tröstner verbringt etwa zweimal pro Monat Zeit mit einem Klienten – so werden jene Menschen genannt, die Leistungen des Vereins in Anspruch nehmen. „Bis jetzt waren es durchwegs medizinische Termine. Also zu Krankenhäusern oder Ärzten“, sagt Tröstner. Das liege am Alter der Personen. Die meisten sind über 80 Jahre alt. Die 350 Ehrenamtlichen des Vereins gehören zu großen Teilen der Generation 60 plus an und stehen am Anfang ihrer Pension. 

„Die dritte Lebensphase unterstützt die vierte“, erklärt Astrid Rainer, die das Projekt im Burgenland leitet. Seit fünf Jahren gibt es die professionell organisierte Nachbarschaftshilfe – aktuell sind es 17 Gemeinden, begonnen hat man mit sechs. Finanziert wird der Verein von der jeweiligen Gemeinde und dem Land Burgenland. Je nach Ortsgröße gebe es bis zu 25 Ehrenamtliche, sagt Rainer. Die Orte haben alle das gleiche Problem: Sie überaltern.

Vor allem Frauen nutzen Nachbarschaftshilfe

Kaplan wohnt seit 40 Jahren im selben Haus in Nickelsdorf. Sie kennt die Nachbarn in ihrer Straße und wenn sie Kleinigkeiten, wie etwa Lebensmittel, braucht, kann sie sich diese von ihnen ausborgen. Doch sind sie alle in einem Alter, in dem die Bewältigung des Alltags zur Herausforderung wird. Die Kinder und Enkelkinder ziehen oder zogen bereits wegen der Berufsaussichten nach Neusiedl, Eisenstadt und die meisten nach Wien. Um von A nach B zu kommen, sind Ältere immer auf jemanden angewiesen, denn die meisten haben keinen Führerschein oder kein Auto mehr. Die öffentliche Anbindung besteht in kleinen Orten wie Nickelsdorf aus dem Schulbus, der in der Früh und am späten Nachmittag fährt. „Viele Frauen sind nie selbst gefahren und wenn dann der Ehemann stirbt, verlieren sie die Mobilität. Wenn man am Land kein Auto hat, ist es eigentlich vorbei“, sagt Projektleiterin Astrid Rainer.

Die meisten Dienste seien deshalb Fahrten, sagt Rainer. Dabei gehe es nicht um ein Taxiservice, sondern um eine Begleitung. Ehrenamtliche Maria Tröstner sieht das ähnlich: „Es sind ja auch persönliche Fahrten, wenn man zum Krankenhaus fährt. Man lernt jedes Mal jemanden neu und besser kennen, und das ist eigentlich das Schöne daran.“ Mindestens zwei Tage vorher erfährt sie von einer Mitarbeiterin des Vereins, welcher Dienst gebraucht wird. Die Fahrt muss sie aber nicht machen, alles basiert auf Freiwilligkeit.

Frau Kaplan und Maria Tröstner im Hintergrund
Frau Kaplan fährt zweimal pro Woche mit einem "Nachbarn"(c) Nina Pöchhacker

Für Astrid Rainer ist die Art der Terminvermittlung einer der Gründe, weshalb die Ehrenamtlichen auch Teil des Projekts bleiben und nicht nach ein paar Monaten wieder aussteigen: „Es entsteht kein sozialer Druck. Man wird nicht von der älteren Dame direkt gebeten, sondern eine Mitarbeiterin vermittelt die Termine, und man kann ohne Grund als Ehrenamtliche auch Nein sagen.“ So bekommen ältere Personen keine Absage und trauen sich weiterhin, um Hilfe zu bitten. In den neun Gemeinden im Bezirk Oberpullendorf half man so in vier Jahren 380 Klienten. Wären die Personen stattdessen mit dem Taxi oder der Rettung zu Terminen gefahren, hätte das nach Angaben des Vereins etwa eine halbe Million Euro gekostet.

Der Verein versuche auch, dass unterschiedliche Freiwillige zusammenkommen, damit sich niemand zu sehr an eine Person gewöhnt. Damit möchte man verhindern, dass die Nachbarschaftsdienste mit einer Pflegebetreuung oder einem Putzdienst verwechselt werden – das sei vorgekommen, erzählt Projektleiterin Rainer. „Es ist ein neues Projekt, und alles Neue stößt in einem kleinen Ort erst einmal auf Skepsis.“
 
Bevor mit der Suche nach Freiwilligen begonnen wird, führt der Verein deshalb schriftliche Haushaltsbefragungen durch. Der Gemeinderat muss den Start der NachbarschaftshilfePLUS ebenfalls beschließen. In Orten mit Bürgermeisterinnen funktioniere das besser, sagt Rainer: „Das hat viel mit der traditionellen Rollenverteilung zu tun. Es sind vor allem Frauen, die Nachbarn helfen und mit Eltern und Schwiegereltern Arzttermine wahrnehmen. Die Bürgermeisterinnen haben den Bedarf oft schneller erkannt."

Zuerst Abwanderung, dann Isolation

Das strukturelle Problem der Überalterung findet sich in allen Regionen Österreichs. Steirische Gemeinden haben bei Astrid Rainer bereits Interesse bekundet. Ähnliche Nachbarschaftsprojekte, die vor allem Fahrt- und Besuchsdienste machen, gibt es im Waldviertel in Niederösterreich und in Kärnten.
 
Das Kärntner Dorfservice ist das Grundmodell, das auch die NachbarschaftshilfePLUS übernommen hat. Seit zwölf Jahren ist der Verein im Bezirk Spittal tätig. Die Angebote werden breiter ausgelegt als jene im Burgenland. „Es geht darum, die Isolation zu bekämpfen“, sagt Geschäftsführerin Ulrike Kofler. Früher habe das Familiennetz die Lücken geschlossen, jetzt habe man starke Abwanderung. „Das Stadtvorurteil, seine Nachbarn nicht zu kennen, stimmt am Land mittlerweile auch. Denn die Rolle der Frau hat sich am Land total verändert. Frauen haben früher als Hausfrauen die nachhaltigen Beziehungen und das Sozialkapital im Ort gepflegt“, sagt Kofler. Das sehe man weiterhin bei den Ehrenamtlichen: Von den 170 im Bezirk sind 70 Prozent Frauen. Auch die neun Angestellten, die sich um die Termine kümmern, sind Frauen. Über das Weitererzählen würden sich immer wieder neue Freiwillige dem Verein anschließen.

Je nach Infrastruktur des Orts unterscheiden sich die Angebote des Dorfservice in Kärnten. Umgesetzt wurden deshalb auch Greißlereien oder Treffen für junge Mütter. „Wir hätten schon wieder viele Gemeinden, die Bedarf angemeldet haben. Darunter mit Spittal die erste größere Stadt. Aber finanziell ist eine Erweiterung aktuell nicht möglich“, sagt die Geschäftsführerin. Finanziert wird die professionelle Nachbarschaftshilfe zu zwei Dritteln von den Gemeinden und dem Land, ein Drittel wird durch Spenden lukriert. Eine Gemeinde koste das Projekt etwa 7000 Euro im Jahr, erklärt Kofler. Da die Sozial- und Pflegekoordination des Landes aber neu organisiert werde, würden die Mittel für laufende Projekte derzeit nicht erhöht werden.

Andere Nachfrage bei Nachbarschaftshilfe in Städten

Im Burgenland will mit der Landeshauptstadt, Eisenstadt, eine ähnlich große Stadt wie Spittal am Nachbarschaftsprojekt teilnehmen. Die Probleme für ältere Generationen sind dort aber andere, denn Infrastruktur und Mobilität sind gegeben, sagt NachbarschaftshilfePLUS-Projektleiterin Astrid Rainer: „Die Einsamkeit ist das Thema. Es gibt in Städten weniger Netzwerke. Es werden eher Kaffee trinken und spazieren gehen, also klassische Besuchsdienste, sein."

Auch beim Hilfswerk in Wien kümmert man sich seit Jahren um die Vereinsamung im Alter - auch hier anders als in ländlichen Regionen. Es gibt eigene Nachbarschaftszentren, also Orte, an denen sich Nachbarn treffen können. Verena Mayrhofer-Iljić, Leiterin des Nachbarschaftszentrums in Ottakring, sieht das aber nicht mehr unter „Nachbarschaftshilfe“, sondern als Freiwilligenarbeit. Die Eigenmotivation sei eine andere: „Menschen melden sich bei uns, weil sie zum Beispiel freiwillig Kurse abhalten wollen in den Zentren. Aber auch Lernhilfen. Pro Woche finden in Ottakring 35 Veranstaltungen statt.“ Die Nachbarschaft lernt sich so kennen, aber es geht nicht um typische Hilfe, die man von Nachbarn bekommt. Außerdem kämen die Freiwilligen, im Unterschied zur Nachbarschaftshilfe, aus allen Generationen. Beim Hilfswerk engagieren sich neben fitten Pensionisten auch Studierende, Arbeitssuchende oder Menschen, die nach einem Burn-out wieder in den Alltag finden wollen.

London war eine der ersten Städte mit organisierter Nachbarschaftshilfe. In den 1880er-Jahren zogen Studierende und Universitätsprofessoren in ärmere Viertel, um dort Bildung anzubieten. In Wien entstand das erste Nachbarschaftszentrum um 1900 in Ottakring, sagt Mayerhofer-Iljić: „Die Hemmschwelle ist durch die Anonymität viel größer. Menschen ziehen sehr oft um, das schafft keine stabile Nachbarschaft. Beim Nachbarn einfach zu klopfen und etwas zu unternehmen ist deshalb schwierig.“ In Nachbarschaftszentren des Hilfswerks würden Freiwillige, die Kurse anbieten, mit jenen zusammentreffen, die Gesellschaft und soziale Kontakte suchen.

Frau Kaplan (links) und Maria Tröstner spazierend
Den Alltag nicht alleine meistern zu müssen, hilft auch der psychischen Gesundheit(c) Nina Pöchhacker

Freiwillige suchen Aufgaben für Pension

Die Schwierigkeit liegt darin, die Menschen zu erreichen, die einsam sind, aber jene Hemmschwelle nicht überwinden: Die burgenländisiche Projektleiterin Astrid Rainer spricht davon, dass die Eingewöhnungsphase in einem Ort bis zu einem Jahr dauern kann. Bei den Freiwilligen habe man eine geringe Fluktuation, denn es engagieren sich Personen, die in Vereinen wie der Feuerwehr oder im Fußball nicht aktiv sind, sagt Rainer: „Viele haben zu wenig Zeit für regelmäßige Vereine. Bei uns kann man auch einmal im Jahr einem Nachbarn helfen. Für manche ist auch das Kilometergeld als Taschengeld ein Anreiz. Und das Rauskommen von zu Hause – man hat eine Aufgabe, man wird gebraucht.“

Für die Ehrenamtliche Maria Maria Tröstner aus Nickelsdorf war klar, dass sie sich in ihrer Pension freiwillig engagieren möchte. Ihr fällt auf, dass vor allem Menschen die Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen, die gesellig sind: „Ich fahre durchwegs mit Personen, die man früher auf Festen und Veranstaltungen gesehen hat. Auch Frau Kaplan war immer dabei“, sagt Tröstner. Und manchmal gehe es bei den Nachbarschaftsdiensten eben gar nicht um eine bestimmte Erledigung, sondern um das Reden, Geschichtenerzählen und das Gesellschaftleisten an sich.

Warum Pensionisten kranken Menschen Gesellschaft leisten

Immer mehr Pensionisten leisten in Österreichs Pflegeheimen ehrenamtliche Besuchsdienste und spenden somit kranken Menschen Gesellschaft. (Von Heinz Raab)

Österreich wird immer älter. In den letzten Jahren erhöhte sich die durchschnittliche Lebenserwartung, während die Geburtenrate kontinuierlich sank. Die Überalterung bringt Probleme mit sich: Weniger Steuerzahler, jedoch mehr Pensionsbezieher. Weniger Personal im Pflegebereich, jedoch mehr pflegebedürftige Menschen. Momentan sind die Probleme noch zu bewältigen, da der Großteil der Babyboomer-Generation noch erwerbstätig und gesund ist. Jedoch stellt sich die Frage, wie die Situation zu lösen ist, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer das Alter von 70 Jahren überschreiten.

WKO

Die Wartelisten für Pflegeheimbetten werden innerhalb Österreichs alternder Bevölkerung immer länger. Die Zeit, die Familienmitglieder mit Pflegeheimbewohnern verbringen, jedoch nicht. Erfahrene Pflegekräfte schildern, dass seit Jahren sowohl die Häufigkeit als auch die Dauer von Angehörigenbesuche abnehmen.

Währenddessen wendet sich eine nicht mehr wegzudenkende Anzahl von Rentnern den Pflegeheimbewohnern zu. Aus Nächstenliebe, Freude, Zeitvertreib oder in der Hoffnung, selbst einmal besucht zu werden.

Natalie Ferch

In Österreich befinden sich insgesamt 918 Pflegeheime. Deren Bewohner sind in der Regel alt und zumeist auch chronisch krank. Nur die wenigsten sind gesundheitlich dazu in der Lage, eigenständig das Gebäude zu verlassen.

Ihre Zimmer erstrecken sich entlang weiter Flure auf mehreren Stockwerken. Die Einrichtungen können bis zu 3000 Bewohner umfassen. Angaben des Sozialministeriums zufolge leben bundesweit etwa 95.000 Menschen in Pflegeheimen.

Heinz Raab

Für Menschen, die ein Gebäude – oder sogar ihr eigenes Bett – nicht verlassen können, stellt der zwischenmenschliche Kontakt einen Höhepunkt in ihrem Tagesablauf dar. Einsamkeit spielt eine große Rolle.

Die Pflegekräfte in den Einrichtungen haben wenig Zeit für Ausflüge, Spiele oder längere Interaktionen. Ihr Arbeitstag ist bereits vollgepackt mit körperlich vereinnahmenden Tätigkeiten: Waschen, Austausch von Sonden und Kathetern, Mobilisieren, Lagern, Essensausgabe, Verpflegung.

Natalie Ferch

Wenn also Angehörige nicht zu Besuch kommen, sind Pflegeheimbewohner auf die Gesellschaft von Ehrenamtlichen angewiesen. Und viele davon sind Menschen im Ruhestand. Margarete Brummeier zählt zu ihnen.

Natalie Ferch

Zum Besuchsdienst kam die 70-Jährige durch ihre Mutter. Diese war Bewohnerin im Pflegeheim Haus der Barmherzigkeit in Wien Donaustadt. Bis sie dort starb. Doch auch nach dem Tod ihrer Mutter kam Brummeier weiterhin in das Pflegeheim. Nicht mehr, um ihre Mutter, sondern um andere kranke Menschen zu besuchen. Seit vier Jahren erscheint sie jeden Montag und verbringt etwa zwei Stunden mit einzelnen Bewohnern.

Brummeier ist eine von 41 Ehrenamtlichen im Haus der Barmherzigkeit Tokiostraße. Etwa die Hälfte davon sind Pensionisten, und sie werden von einem eigens für die Ehrenamtlichkeit geschaffenen Büro koordiniert. Die Freiwilligen unternehmen Ausflüge, veranstalten Tanzabende oder unterstützen die Bewohner beim wöchentlichen Bingo-Abend.

Natalie Ferch

Pensionisten sind besonders wichtig für das Ehrenamt, weil es bei ihnen durch den Ruhestand eine gewisse Kontinuität geben kann und sie genügend Zeit haben, um Leute regelmäßig zu besuchen.

2016 berechnete das Sozialministerium, dass ungefähr 400.000 Österreicher freiwillig Besuche bei betreuungsbedürftigen Personen tätigen. Davon sind etwa 70 Prozent weiblich und circa die Hälfte Menschen im Ruhestand. Diese Zahlen basieren nicht auf einem Vereinsregister, sondern auf einer großangelegten Umfrage zum Freiwilligenengagement, bei der die Stichprobengröße von 9000 Befragten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurde.

Natalie Ferch

Einrichtungen finden Ehrenamtliche in der Regel über Inserate und Mundpropaganda. Therapeutische, medizinische oder pflegerische Vorkenntnisse sind für die ehrenamtliche Tätigkeit nicht erforderlich. Fortbildungen und übergeordnete Koordinationsstellen dienen als Unterstützung für die Freiwilligen.

Organisationen wie die Caritas oder Freiwillig für Wien bieten Plattformen an und vernetzen Freiwillige, Vereine und soziale Einrichtungen.

Heinz Raab

Oft bauen Pflegeheimbewohner eine enge Beziehung zu den Ehrenamtlichen auf. Sie sind besonders auf die Freiwilligen angewiesen, wenn sie keine Angehörigen mehr haben oder diese nicht mehr zu Besuch erscheinen.

So erledigt Brummeier zum Beispiel auch die Einkäufe von gewissen Medikamenten und Lieblingsnaschereien für eine Bewohnerin.

Dieselbe Bewohnerin braucht auch ihre Besucherin, damit sie ihre Strickfehler ausbessert. Nur so kann sie ihr Hobby weiter ausführen. Brummeier erklärt: „Wenn sie einen Fehler macht, legt sie ihre Strickarbeit zur Seite und beginnt mit einem neuen Wollknäuel, und das macht sie so lang, bis ich komme. Ich verbessere ihre Fehler, und sie kann dann die ganze Woche beruhigt weiterstricken.“

Natalie Ferch

Für die Ehrenamtlichen sind die Besuchsdienste von hoher mentaler Belastung. Das steht außer Frage. Nichtsdestotrotz finden sie in ihrer Arbeit Erfüllung und Hoffnung. Margarete Brummeier erzählt: „Ich freue mich, leide aber auch mit.“ Ihre Hauptmotivation ist es, ihre freie Zeit in der Pension sinnvoll zu nützen, indem sie kranken Menschen Freude schenkt und gleichzeitig Dankbarkeit zurückbekommt.

Seit 2013 arbeitet Brummeier schon als Ehrenamtliche und wünscht sich, das auch noch so lang zu machen, wie es ihr eigener Gesundheitszustand zulässt.

Auf die Frage, ob sie selbst mit den Gedanken spiele, einmal in einem Pflegeheim zu leben und besucht zu werden, sagt sie mit einer Mischung aus Zuversichtlichkeit und Entschlossenheit: „Ich bin jederzeit bereit.“

Natalie Ferch

Krank vor Hilfe: Co-Abhängigkeit

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. In Selbsthilfegruppen lernen Angehörige, sich selbst zu befreien – von der Sucht hinter der Sucht. (Von Sonja Pellumbi)

Es herrscht Uneinigkeit in Wien beim offenen Treffen der Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker (AA) und deren Angehörigen (Al-Anon) über die richtige Suchthilfe. Auf den Tischen befinden sich neben Büchern über Alkoholismus mehrere alkoholfreie Getränke wie Wasser, Kaffee oder Tee. Im Pfarrhaus ist es wohlig warm, einige Kerzen brennen. Hannes (Anm. der Redaktion: Alle Namen im Text wurden geändert) ist trockener Alkoholiker und möchte sich mitteilen.

Er spricht von seiner „nassen“ Zeit. Da laut den AA-Mitgliedern Alkoholsucht nicht heilbar ist, benennen sie die Zeit des Trinkens als nasse und die der Nüchternheit als trockene. Für Hannes war Ersteres eine Abwärtsspirale, welche sich zu einem Versteckspiel mit seiner damaligen Freundin entwickelt habe. „Was für ein wahnsinniger Irrsinn“, sagt Hannes. Er ist froh, seinen Tiefpunkt erreicht zu haben, der ihn dazu bewegte, sich zu ändern. Hätte er diesen früher erreicht, gäbe es weniger verschwendete Lebensjahre für ihn. In Bezug auf seine damalige Partnerin sagt er: „Irgendwann habe ich gemerkt: Man soll einem Alkoholiker mehr geben. Ihm alles hinstellen.“

Die Glocken der Kirche beginnen zu läuten. „Noch ein paar Flaschen Schnaps, damit er dann endlich seinen Tiefpunkt erreicht“, präzisiert Hannes, nachdem das Läuten wieder verklungen ist. Annalisa schüttelt den Kopf. „Das stimmt nicht“, murmelt sie und hebt die Hand. Konrad, der dieses Mal an der Reihe ist, das Meeting zu leiten, schreibt ihren Namen auf seine Liste. In der Selbsthilfegruppe wird niemand beim Sprechen unterbrochen. Annalisa ist Angehörige eines Alkoholikers und jahrelanges Mitglied von Al-Anon, der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken. Die Gruppe führt geschlossene Treffen nur für Angehörige sowie auch offene, die mit den AA-Mitgliedern zusammen abgehalten werden. Im Fokus von Al-Anon steht nicht die Alkoholsucht, sondern die Hilfe für Angehörige. Nach vier anderen Teilnehmern ist Annalisa an der Reihe: „Man soll den suchtkranken Menschen sicher nicht die Dinge wegräumen und so die Eigenverantwortung abnehmen. Aber auch keinen Tiefpunkt aktiv herbeiführen“, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Es soll alles den Lauf nehmen, wie es kommen soll.“

Leichter gesagt als getan. In Österreich ist Alkohol das Suchtmittel Nummer eins. Mit einem Konsum von 11,6 Litern reinem Alkohol pro Kopf im Jahr 2016 lag das Land unter den Top 15 der am meisten konsumierenden Länder in Europa, laut der Initiative Österreichische Dialogwoche Alkohol. Entwickelt sich der Konsum zum Missbrauch und letztendlich zur Abhängigkeit, belastet es das ganze soziale Umfeld. Nach dem Wiener Suchtklinikum Anton Proksch wird der Alkoholkonsum als missbräuchlich eingestuft, wenn das Trinken eine Funktion übernimmt, zum Beispiel, um Schmerz, Angst oder Stress abzubauen. Eine Abhängigkeit liege dann vor, wenn der Betroffene nicht mehr kontrollieren kann, wann und wie viel er trinkt, und sich ein starker Wunsch bzw. Zwang zum Trinken entwickelt. Geschätzte 340.000 Österreicher gelten derzeit als alkoholabhängig, jeder vierte Erwachsene konsumiere in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß.

Die Suchtentwicklung ist kompliziert, verläuft schleichend und wird häufig begleitet von psychischen Erkrankungen, wie Depression und Angststörung. Nach Angaben der christlichen Suchthilfeorganisation in Österreich, dem Blauen Kreuz, leiden vier bis fünf Angehörige pro Alkoholkrankem unter dessen Sucht. Es entsteht ein sogenanntes Suchtsystem. Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen möchten helfen, befinden sich aber oft im Konflikt: Einerseits sehen sie, wie der Betroffene sich mit der Sucht schadet, andererseits möchten sie den Schein bewahren und sich nicht eingestehen, dass wirklich etwas nicht stimmt. Dabei spielt Scham eine große Rolle. „Besser ein stadtbekannter Säufer als ein anonymer Alkoholiker“, meint Ilse, trockene Alkoholikerin und für den AA-Telefondienst zuständig. „Dieses Stigma hängt in Österreich noch immer im Raum.“

Abhängig vom Abhängigen

Die 60-jährige Lydia war nicht bereit, ihren alkoholabhängigen Sohn „im Stich zu lassen“. Sie chauffierte ihn von A nach B, kaufte Essen für ihn ein, lieh ihm Geld und ließ ihn bei sich wohnen. Oft half sie ungefragt. Der 30-Jährige bettelte sie manchmal um Gefälligkeiten an, dann wieder schrie er sie an, er wolle keine Bemutterung. Wenn die Sucht angesprochen wurde, wurde er wütend. Auch Bierdosen habe sie ihm ein paar Male bezahlt, erzählt sie. Das mache sie heute nicht mehr. Der Selbsthilfegruppe für Angehörige stand sie skeptisch gegenüber. Diese folgt dem gleichen Zwölf-Schritte-Programm wie die Anonymen Alkoholiker. Als sie einmal bei einem Treffen war, hat sie sich am ersten Schritt gestoßen. Er steht in der AA-Bibel, dem sogenannten Blauen Buch, auf Seite 68: „1. Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern können.“ Das Buch mit blauem Einband trägt eigentlich den Titel „Anonyme Alkoholiker“ und wurde von den AA-Gründern, William Griffith Wilson und Dr. Robert Holbrook Smith, in den USA 1939 geschrieben. Die Lektüre gilt heute noch als Grundlagentext von AA.

„Klingt für mich wie aufgeben“, sagte Lydia damals und erklärte das Zwölf-Schritte-Programm damit als unbrauchbar. Doch nach wie vor kreisten ihre Gedanken ständig um ihren Sohn und seine Sucht. Andere Themen verblassten neben dem Wunsch, ihn zu retten, und den Schuldgefühlen, die sie beim Scheitern überkamen.

(c) FABRY Clemens

Viele Angehörige kennen diese Verzweiflung. Für die Selbsthilfegruppe ist klar: Das Umfeld wird mitsüchtig. „Die Angehörigen leben nicht mehr ihr eigenes Leben, sondern das Leben der Alkoholiker. Sie sind mehr auf den Alkohol fixiert als der Süchtige selbst. Dieser braucht ihn nur zum Trinken“, sagt Ilse diesbezüglich. Sie steigern sich in Hilfsbemühungen hinein, indem sie in etwa Aufgaben für den Suchtkranken übernehmen. In der Selbsthilfegruppe spricht man hierbei von einer „Co-Abhängigkeit“. In der Suchtforschung ist das ein kontroverser Begriff, weil es keine offiziell anerkannte Störung ist und damit keine klinische Diagnose erfolgen kann. Einige Suchtforscher kritisieren, der Ausdruck stifte mehr Verwirrung als Klarheit, und fordern dazu auf, den Begriff zu vermeiden und stattdessen von „suchtfördendem Verhalten“ zu sprechen.

Für viele Selbsthilfeorganisationen, wie die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, hingegen ist die Krankheit klar definiert. Nach ihnen durchlaufen Erkrankte der Co-Abhängigkeit verschiedene Phasen: Zuerst versuchen Angehörige zu beschützen und erklären. Zwar sind sie genervt vom Verhalten des Suchtkranken, aber trotzdem übernehmen sie Verantwortung und finden Entschuldigungen dafür. Die Sucht wird zum Geheimnis der Angehörigen, was zur Isolation führt. In der zweiten Phase rückt die Sucht des Nahestehenden noch stärker ins Zentrum, und das Selbstvertrauen sinkt. Aus Verzweiflung versuchen die Angehörigen, Kontrolle über die Sucht zu gewinnen und den Konsum einzuschränken. Am Ende der seelischen Belastbarkeitsgrenze formt sich eine Wut, die in der Anklage Ausdruck findet.

Zwischen Rettung und Untergang

Die gute Nachricht: Laut Österreichische Dialogwoche Alkohol sinkt der durchschnittliche Alkoholkonsum seit dem Jahr 1993 in Österreich kontinuierlich. Experten erklären den Trend mit einer verstärkten Aufklärung und dem gesellschaftlichen Wandel. Auch eine verstärkte Medienpräsenz des Themas spielt eine Rolle. Wie in etwa bei der Netflix-Serie „BoJack Horseman“, die sich in tragisch-komischer Manier ausgiebig dem Thema Alkoholsucht anhand eines in Vergessenheit geratenen Schauspielers widmet. In einer Folge, die aus einem einzigen Drogenrausch der Hauptfigur besteht, besucht dieser im Vollrausch mehrmals seine Managerin, um sie um Verzeihung zu bitten. Sie antwortet ihm mit einer Anekdote über ihre Ausbildung als Rettungsschwimmerin: „Am ersten Tag meiner Ausbildung sagte mein Ausbilder: ,Es wird der Moment kommen, an dem man jemanden sieht, der in Not ist. Man will sofort losrennen und alles tun, um ihn zu retten. Aber man muss sich selbst zurückhalten, denn manche Menschen kann man einfach nicht retten. Diese Menschen werden um sich schlagen und herumzappeln und versuchen einen mit sich hinunterzuziehen.‘“

Die hier geschilderte Gefahr ist eine reale, vor allem für Laien, die mit notwendigen Befreiungsgriffen nicht vertraut sind. Für sie ist das Risiko hoch, bei einem Rettungsversuch eines Ertrinkenden zu sterben. Dies passiert Rettungsschwimmer Kurt Rath zufolge, weil Menschen, die sich in Not befinden, in Panik geraten. Sie greifen nach allem, was in ihrer Nähe ist, und drücken es hinunter, um sich selbst hochzuziehen. Dieses Phänomen ist so häufig, dass es einen Namen trägt: Avir-Syndrom (aquatic victim instead of rescuer), das „Wasseropfer-statt-Retter-Syndrom“.

Das Gleiche gilt bei Angehörigen: Beim Versuch, den Suchtkranken aus der Sucht zu retten, laufen sie Gefahr, zu Suchtopfern statt Rettern zu werden. Deshalb ist es vorrangig, sich um sich selbst zu kümmern, das unterstreichen Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Therapeuten gleichermaßen. So sehr, dass das Schlagwort Selfcare über Hashtags wie „selfcaresunday“, „selflove“ oder „selfcaretips“ auf Social Media großen Anklang findet.

Das Ziel, und gleichzeitig die Kunst, ist laut mehreren Al-Anon-Mitgliedern, die Grenze zwischen sich selbst und den anderen zu finden. Vor allem bei Eltern von Suchtkranken. Letztere fühlen sich zur Versorgung ihres Kindes verpflichtet, wie Lydia. Am schwersten war es für die Mutter, als das Zusammenleben mit dem wohnungslosen Sohn unerträglich wurde und sie darauf bestand, dass er auszog. „Es war sehr schwierig für mich. Ich habe mich schuldig gefühlt und hatte Angst, das Falsche getan zu haben“, sagt Lydia. Viele Alkoholiker geraten in die Wohnungslosigkeit, ihr Sohn hat jedoch inzwischen eine Einzelwohnung gefunden. Nach einer Therapie versucht die Angehörige sich wieder mehr um ihr eigenes Leben zu kümmern, indem sie den Kontakt zu alten Freundinnen aufgenommen hat und ab und zu auf Reisen geht.

Freiwilligkeit statt Zwangskontrolle

Lydias Sohn hat ebenfalls begonnen, etwas zu ändern. Zwar hat sie auf seinen Wunsch hin kaum Kontakt zu ihm, aber über einen Freund des Sohnes hat sie erfahren, dass er seit einigen Monaten nicht mehr trinkt, ohne die Hilfe seiner Mutter. Bei AA-Mitglied Konrad, der seit zwölf Jahren trocken ist, ging es wie bei Lydias Sohn nur auf dem Weg der Freiwilligkeit. Indem er selbst bereit war, etwas zu ändern. Laut den meisten Alkoholikern von AA können Angehörige die Sucht nicht bekämpfen oder die Betroffenen zum Aufhören bringen. Auf Ratschläge oder Kontrollversuche reagierten sie dann oft wie Kinder und tranken aus Trotz mehr. Man dürfe den Suchtkranken nicht die Eigenständigkeit nehmen. Kein Beschönigen der Krankheit, konsequentes Grenzenziehen, über die eigenen Gefühle sprechen ohne Vorwürfe, immer wieder auf Kontaktstellen hinweisen und anbieten, die Betroffenen dorthin zu begleiten. Das können Angehörige Selbsthilfegruppen zufolge für Suchtkranke tun. Alkoholkranke betonen dabei vor allem, dass Angehörige aufhören müssen, das Suchtverhalten der Alkoholiker zu akzeptieren, und stattdessen „die Koffer packen und gehen“ sollen.

Viele AA-Mitglieder, wie Ilse, wissen, dass sie zu einem winzigen Prozentsatz der Alkoholkranken gehören, der sich Hilfe holt. Viele schaffen den Weg in die Trockenheit nicht. Und auch dieser Weg ist laut AA vielfältig. Es kann eine Selbsthilfegruppe oder eine klinische Betreuung zielführend sein. Auch die schwere Entscheidung einer Unterbringung – das bezeichnet das unfreiwillige Einweisen in eine Krankenanstalt – kann manchmal helfen. Erzählungen von Angehörigen zufolge kann diese Maßnahme zu einem unverzeihlichen Vertrauensbruch oder einer nachträglichen Dankbarkeit seitens der Betroffenen führen.

Die Menschen, die sich vor allem in Selbsthilfegruppen Hilfe holen, schätzen dabei den Austausch mit Gleichgesinnten. Die Angehörige Annalisa erzählt bei Treffen von ihrer eigenen „Sucht“, der Co-Abhängigkeit, von der sie loskommen möchte. Sie ist auf der Suche zu sich selbst und versucht ehrlich zu sich zu sein. „Durchs Immer-wieder-zu-mir-Finden werde ich immer weniger süchtig.“ Dabei hilft ihr, mit Menschen darüber zu sprechen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Deshalb engagiert sie sich, wie die anderen Anwesenden, ehrenamtlich in der Gruppe, um das Gelernte nicht zu vergessen. Denn nach einem der vielen positiven Sinnsprüche der AA: Ich kann nur behalten, was ich weitergebe.

Internationale Freiwilligkeit

Wikipedia: Mühevoller Kampf oder Ideologie?

Wikipedianer leisten aufwendige Arbeit, die immer weniger Menschen machen wollen. Sie kostet viel Zeit, in den Diskussionsforen geht es harsch zu, und irgendwie ist es ein bisschen wie in einem Männerverein Anfang der 2000er. Wieso tut man sich das überhaupt noch an? (Von Selina Holešinsky)

Plani schreibt gern. Am liebsten über Vorarlberger Lokalpolitiker. Manchmal aber auch über Flüsse, Bergspitzen oder Gummigeschosse. 474 Artikel hat er schon erstellt und bearbeitet. Ab und zu macht Plani auch Fotos. Darunter Abbildungen vom Verteilerkreis Favoriten, Aufnahmen von ehrwürdigen Amtsgebäuden oder Nahaufnahmen von Polizeiautos. Ein buntes Potpourri, das man sich eher nicht ins Familienalbum kleben würde. Dafür ist es aber auch nicht gedacht. Denn wenn Plani ein Foto macht, dann kategorisiert und archiviert er es fein säuberlich online auf Wikipedia. Seiner digitalen Heimat.

Seit mehr als 15 Jahren ist Plani, dessen eigentlicher Name Thomas Planinger ist, schon dabei. Er ist Wikipedianer der frühen Stunde und mittlerweile auch Vorstandsmitglied der Wikimedia-Foundation – jener Organisation, die Wikipedia durch Spenden finanziert. Täglich sitzt er mindestens vier Stunden in dem kleinen Büro seiner Wohnung und tut, was er nicht lassen kann: schreiben.

Mit diesem Hobby ist Plani nicht allein. Weltweit teilen laut Angaben von Wikimedia rund 2,5 Millionen Menschen seine Passion und kategorisieren, diskutieren oder verfassen Artikel. In Österreich liegt die geschätzte Autorenzahl bei rund 450. Wer genau hinter den Wikipedia-Einträgen steckt, ist schwer zu sagen, denn die Nutzer sind anonym.

Mittlerweile existiert Wikipedia in 303 Sprachversionen. Dabei wird keineswegs einfach eine Version von Wikipedia in alle Sprachen übersetzt: Jede Sprachversion bearbeitet Themen für sich und sucht nach Quellen, die von den jeweiligen Autoren als relevant empfunden werden. Das führt dazu, dass in unterschiedlichen Kulturkreisen Themen unterschiedlich dargestellt werden.

Raue Diskussionen können abschreckend wirken

Immer wieder jedoch komme es gerade bei politischen Themen zu Diskussionen über Belege von Fakten, hinter denen sich manchmal auch Meinungen von Autoren versteckten, erzählt Plani. In solchen Fällen ist es wichtig, dass die Community reagiert, diskutiert und die Quellen überprüft werden. Dass das nicht in allen Fällen einfach ist, sei klar, doch dafür müssten Diskussionen angestoßen werden. Sie tragen dazu bei, dass sich die Qualität und die Inhalte bei Wikipedia verbessern. Doch wenn Wikipedianer diskutieren, könne es auch „sehr rau“ hergehen, und wenn man das nicht gewohnt sei, wirke das leicht abschreckend. Vor allem für Neueinsteiger, meint Plani.

Ein Wissensverein für Männer?

Seit der Anfangsphase ist der Anteil der männlichen Autoren weit größer als jener der weiblichen. Woran genau das liegt, ist schwer zu sagen, doch wie so oft spielt hier eine Vielzahl an Faktoren zusammen. Was mit männlichen Tech-Nerds begonnen habe, habe sich über die Jahre in eine Art Männerverein verwandelt, erzählt Plani. Schätzungen von Wikimedia zufolge sind rund 80 bis 90 Prozent der Wikipedianer männlich.
 
Aufgrund des großen Männeranteils wird Wikipedia immer wieder vorgeworfen, dass sich das Geschlecht der Autoren auch auf die Inhalte auswirke. So handeln etwa nur 16 Prozent aller Biografien in Wikipedia von Frauen. Doch Frauen sind in Wikipedia nicht nur unterrepräsentiert, sie werden oftmals auch anders dargestellt. So hat beispielsweise die Sozialwissenschaftlerin Claudia Wagner von der Cornell University in einer Studie herausgefunden, dass in Artikeln über Frauen häufiger ihr Beziehungs- und Familienleben erwähnt wird. Bei Männern hingegen werden Themen wie Scheidungen oder Kinder kaum bis gar nicht angeschnitten.

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, gibt es seit 2015 die Initiative „Frauen in Rot“. Sie macht darauf aufmerksam, dass der Gendergap auf Wikipedia immer noch sehr groß ist, und versucht, Wikipedianer dafür zu sensibilisieren, die Geschlechterlücke zu schließen.

Tabuthema Bots

Doch nicht nur der Gendergap stellt Wikipedianer vor Herausforderungen. Unter ihnen gibt es auch ein Tabuthema: Bots. Die zweit- und drittgrößte Wikipedia-Version der Welt wird nämlich teilweise von Bots geschrieben. Ein heikles Thema in der Community, erzählt Plani.



Während die schwedische Wikipedia als drittgrößte Enzyklopädie noch eine aktive Community hat, wird die cebuanische (Cebuano wird auf den Philippinen gesprochen) ausschließlich von Algorithmen befüllt. Ihnen wird die Artikelhoheit übertragen. Sie entscheiden über Aufbau und Quellen, die in der Masse, in der sie Artikel erstellen, von niemandem überprüft werden können. Das gehe natürlich auch zulasten der Qualität, erzählt Plani.

Kind der 2000er-Jahre

Die Qualität der Online-Enzyklopädie ist nicht nur durch Bots in Gefahr, sondern auch durch die jüngsten Entwicklungen auf der Plattform. 2001 startete der damals 35-jährige Amerikaner Jimmy Wales das Projekt Wikipedia, das sich seither in ungeahntem Tempo entwickelte: Innerhalb von zwei Jahren umfasste die gesamte Wikipedia bereits über 130.000 Artikel in 28 Sprachen – eine Marke, mit deren Erreichen Wales erst acht Jahre nach Gründung gerechnet hatte.

Bis 2006 kamen immer wieder neue Autoren hinzu, die enthusiasmiert neue Themen aufgriffen und sich der Betreuung ihrer Artikel widmeten. Doch was sich in unkontrollierbarem Tempo von selbst verbreitet hatte, flaute seit 2006 ab. Immer weniger neue Autoren begannen zu schreiben, und bestehende Autoren schränkten ihr Aktivitätsniveau stark ein.

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Je älter Wikipedia wurde, desto mehr Eintrittsbarrieren gab es für Interessierte. Plani bezeichnet vor allem die deutschsprachigen Wikipedianer als „strukturkonservativ“. Wikipedianer der ersten Stunde wollten keine Änderungen in „ihrem“ System zulassen: „Die Website ist ein Kind der frühen 2000er. Das sieht man ihr an allen Enden an.“ Seit dem Beginn von Wikipedia hat sich die Website nur langsam weiterentwickelt und enspricht nicht mehr dem heutigen Standard der Nutzerfreundlichkeit, findet Plani.

Wikipedia verliert Freiwillige

Der Autorenschwund ist ein ernst zu nehmendes Problem, dem auch die Wikimedia Foundation aktiv entgegenzusteuern versucht. Durch Workshops und Veranstaltungen sollen Eintrittsbarrieren entfernt und Interessierte zur Mitarbeit animiert werden. „Viele wissen nicht, dass sie selbst mitmachen können. Für viele ist Wikipedia ein Buch mit sieben Siegeln. Das muss sich ändern“, sagt Plani.
 
Je weniger neue Autoren hinzukommen, desto größer die Gefahr, dass Artikel irgendwann nicht mehr überarbeitet werden und Wikipedia veraltet. Seit Februar 2015 hat sich die Anzahl der als veraltet gekennzeichneten Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia-Version bereits verdreifacht.
 
Im Idealfall empfindet man Verantwortung für jene Artikel, die man geschrieben oder an denen man mitgearbeitet hat. Denn einen Wikipedia-Artikel schreibt man und überlässt ihn dann nicht einfach sich selbst. Er ist ein Projekt, das immer wieder erneuert werden muss und auf das man auch ein bisschen stolz sein darf, so Plani.
 
Für Plani ist das Stichwort: Dornbirner Ach. „Eines meiner Frühwerke.“ Drei Wochen lang hat er daran gearbeitet, den Fluss genau zu beschreiben. In keinem Werk sei dieser Fluss je so ausführlich erschienen wie auf Wikipedia, ist der Vorarlberger überzeugt.

Das Schreiben füllt die Leere

„Einen Artikel fertig geschrieben zu haben, fühlt sich gut an. Man weiß, man hat etwas für die Ewigkeit geschrieben“, sagt Plani. Ewigkeit. Ein Wort, das in einem solchen Kontext selten fällt. Und doch ist die Halbwertszeit eines Wikipedia-Artikels verglichen mit der eines Beitrags in den sozialen Medien wahrscheinlich eine Ewigkeit.
 
Doch die Motivation für Wikipedianer, Artikel zu schreiben, liege tiefer als das Bewusstsein, tatsächlich Geschichte (mit) zu schreiben, findet Plani. „Das Gefühl zu haben, dass es nichts mehr zu schreiben gibt, ist das Schlimmste, was einem Wikipedianer widerfahren kann.“ Natürlich könne man alles bearbeiten, aktualisieren und sicherstellen, dass der neueste Forschungsstand abgebildet werde, doch der eigentliche Reiz sei es, ein neues Thema zu beginnen und es jenen zugänglich zu machen, die es interessiert. Zum Glück sei das immer wieder der Fall. Es passiert ständig etwas in der Politik oder es gibt Neues in der Forschung, über das man schreiben kann. „Das hat schon auch etwas Beruhigendes“, sagt Plani.
 
Der Mythos Wikipedia ist schwer zu beschreiben. Doch es ist immer noch der Gründungsgedanke, der die größte nicht kommerziell finanzierte Website der Welt am Leben erhält. Es ist die Vision, Wissen zu verbreiten und Aufklärung zu schaffen, die schon seinen Gründer, Jimmy Wales, nicht losgelassen hat und in deren Bann auch Plani gezogen wurde.

Kann ich selbst einen Artikel auf Wikipedia über mich verfassen?

Jein. Die Relevanzkriterien für Personen sind sehr klar definiert. Einen eigenen Eintrag zu verfassen geht nur, wenn bestimmte Kriterien erfüllt werden. Politiker beispielsweise, bekommen nur einen Eintrag, wenn sie hauptamtlicher Bürgermeister in einem Einzugsgebiet von mehr als 20.000 Einwohnern (oder größer) sind oder gewählter Mandatar in einer gesetzgebenden Körperschaft.

 

Wikimedia – Was ist das?

Wikimedia ist eine gemeinnützige Stiftung mit Hauptsitz in San Francisco. Sie kümmert sich um die Wartung, Instanthaltung und die Autorenakquise von Wikipedia und wird ausschließlich durch Spenden finanziert.

Wikimedia – Was ist das?

Wikimedia ist eine gemeinnützige Stiftung mit Hauptsitz in San Francisco. Sie kümmert sich um die Wartung, Instanthaltung und die Autorenakquise von Wikipedia und wird ausschließlich durch Spenden finanziert.



 

Wie Freiwillige Kinder zu Waisen machen

In Nepal, Kambodscha und Myanmar werden Kinder von ihren Familien getrennt, um die Kinderheime zu füllen und damit Freiwilligentouristen anzulocken. Das zeigt eine Studie der EU-Kommission und des SOS-Kinderdorfs. (Von Soraya Pechtl)

Narayan ist sieben Jahre alt. Er lebt in einem Waisenhaus in Nepal, gemeinsam mit Dutzenden anderen Kindern. Alle paar Wochen kommen Freiwillige aus westlichen Ländern, um mit Narayan und den anderen Kindern zu spielen, ihnen Nachhilfe zu geben und Fotos für ihre Instagram-Profile zu machen. Unter den Hashtags „volunteering“, „volunteerabroad“ oder „orphanage“ finden sich auf Instagram Hunderttausende Bilder. Alle mit demselben Motiv: junge, weiße Mädchen, die sich lächelnd mit dunkelhäutigen Waisenkindern ablichten lassen.

Vielen jungen Menschen reiche es nicht mehr, ein Land nur zu bereisen, sagt Petra Dannecker, Leiterin des Instituts für Entwicklungssoziologie an der Universität Wien. Immer mehr Reisende wollen sich von den Massentouristen abheben und im Urlaub etwas Gutes tun, außerdem sehe Auslandserfahrung auf dem Lebenslauf gut aus, sagt die Wissenschaftlerin.

So war es auch bei Cornelia Groiss. Die Wienerin verbrachte nach ihrem Bachelorabschluss im Jahr 2013 ein halbes Jahr in Indien. In einer kleinen Stadt im Süden des Landes unterrichtete sie Englisch und betreute Kinder in einem Schülerheim. Die Kinder lebten in einem Internat, weit weg von ihren Eltern. Groiss, die mittlerweile als Journalistin arbeitet, hält heute nicht mehr viel von dem Kinderbetreuungsprojekt. Sie sagt: „Ich glaube nicht, dass die Kinder einen großen Benefit vom Freiwilligentourismus hatten. Die sind eher verwahrlost.“ Die 30-Jährige kritisiert vor allem, dass die Kindererziehung gering qualifizierten Freiwilligen überlassen wurde.

Im Internat habe sich niemand um die Kinder gekümmert. „Es gab Lehrer, aber die haben das alles auf die Freiwilligen abgeschoben. Die können gar nicht wissen, was für die Gegend eine adäquate Kinderbetreuung oder Schulunterricht ist“, sagt Groiss. Die Einrichtung im Internat war spärlich, selbst für indische Verhältnisse, wo laut SOS-Kinderdorf zwei Drittel der Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen müssen. Es gab nur das Allernötigste. „Wenn es Matratzen gab, dann nur sehr dünne, die zum Teil auf dem Boden lagen“, erzählt Groiss.

NGOs und Entwicklungsforscher kritisieren, dass Freiwilligentourismus nicht nachhaltig sei. Dannecker sagt: „Es werden bestimmte Bilder von den anderen repräsentiert, die eigentlich noch immer einem kolonialen Muster folgen.“ Sie sagt, die Menschen im globalen Süden würden oft als die „Armen, denen wir helfen müssen“, dargestellt.

Trotzdem gehen immer mehr vor allem junge Menschen ins Ausland, um sich dort freiwillig zu engagieren. Die Servicestelle für internationale Freiwilligeneinsätze „Welt Weg Weiser“ erhebt jährlich die Zahl der internationalen Freiwilligeneinsätze. Dabei werden 37 Organisationen befragt, die Freiwilligeneinsätze mit einer Mindestdauer von drei Monaten anbieten.

2018 haben sich demnach 475 Freiwillige im Ausland engagiert. Das ist ein Anstieg um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Hilfsorganisation Jugend Eine Welt hat das Projekt WeltWegWeiser 2015 gegründet. Seither nimmt die Zahl von Freiwilligentouristen jedes Jahr zu. Reiseagenturen werden in der Statistik allerdings nicht berücksichtigt. Auch das Außenministerium erhebt dazu keine Zahlen. Die Dunkelziffer ist deshalb sehr hoch. Eine Schätzung von Brot für die Welt für Deutschland zeigt, dass im Jahr 2014 zwischen 15.000 und 25.000 Freiwillige ein kommerzielles Angebot, etwa über eine Reiseagentur, angenommen haben. Dagegen haben weniger als die Hälfte (7.691) einen Aufenthalt über eine gemeinnützige Organisation gebucht.

Laura Fritsch von der Reiseagentur STA Travel sagt, dass allein in der Filiale im neunten Wiener Gemeindebezirk ein bis zwei Leute pro Monat ein Freiwilligenprojekt buchen. Das Angebot ist groß. Interessierte können aus einem 80-seitigen Katalog auswählen. Eine Woche in Thailand Elefanten pflegen oder lieber drei Wochen in Kambodscha Kinder unterrichten. Viele andere Reiseveranstalter bieten ähnliche Trips an. Die Freiwilligen zahlen für die Reise oft mehrere Tausend Euro. Der Flug ist dabei nicht inkludiert. „Den Großteil, circa 50 Prozent, machen die Betriebskosten, Kost und Logis aus. 15 bis 20 Prozent gehen ins Projekt selbst“, sagt Fritsch. Der Rest geht an die Reiseagentur.

„Die Agenturen schaffen offensichtlich eine Nachfrage nach Waisenkindern“

Das Geschäft mit den Freiwilligentouristen boomt. Laut WeltWegWeiser sind pädagogische und soziale Tätigkeiten besonders beliebt. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, dass sich Waisenhäuser etwas einfallen lassen müssen, um den Bedarf nach Freiwilligenarbeit zu decken. „Die Touristen kommen natürlich nur, wenn Kinder in den Waisenhäusern sind“, sagt Dannecker. Viele Kinder in Waisenhäusern sind deshalb gar keine Waisen.

„Die Agenturen, die das organisieren, schaffen offensichtlich eine Nachfrage nach Waisenkindern“, sagt die Wissenschaftlerin. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie des SOS-Kinderdorfs und der EU-Kommission aus dem Jahr 2017. In Nepal würden Kinder gezielt von ihren Familien getrennt, um die Kinderheime zu füllen und damit Freiwilligentouristen anzulocken. Ähnliches passiere auch in Kambodscha und Myanmar. Eine Unicef-Studie aus dem Jahr 2018 zeigt, dass rund 80 Prozent aller Heimkinder in Kambodscha zumindest einen Elternteil haben. In Ecuador sind es 97 Prozent. Viele Familien, die ihre Kinder weggeben, leben in Armut, sagt Dannecker. Verurteilen will sie die Familien dafür nicht. „Es kann pragmatisch sein, dass man ein Kind extern versorgen lässt“, sagt die Entwicklungsforscherin.

Die Kinder, die Cornelia Groiss betreut hat, haben alle noch Eltern. Sie lebten auf dem Land und gehörten einer marginalisierten Kaste an. Vor allem in ländlichen Regionen Indiens werden Mitglieder einer niedrigen Kaste noch immer diskriminiert. „Die Eltern haben wahrscheinlich gehofft, dass ihren Kindern dort (im Internat, Anm.) mehr Möglichkeiten offenstehen“, sagt Groiss. Sie bezweifelt allerdings, dass die Kinder eine chancenreiche Zukunft haben werden. „Es wäre besser gewesen, wenn sie auf dem Land geblieben wären und die paar Kühe von ihren Eltern übernommen hätten“, sagt sie. Die Wienerin glaubt, dass sich die ländlichen Regionen nicht entwickeln könnten, wenn alle jungen Menschen von dort weggehen.

Eine aktuelle Studie der Vereinten Nationen zeigt, dass weltweit etwa 5,4 Millionen Kinder in Institutionen untergebracht sind. In Bangladesch, Kirgistan, aber auch in europäischen Ländern wie den Niederlanden und der Slowakei ist die Zahl besonders hoch. Global gesehen geht die Zahl der Kinder in Heimen und Internaten aber zurück.

Die EU will diese Deinstitutionalisierung weiter vorantreiben und Kinder stattdessen bei ihren eigenen Familien oder bei Pflegefamilien unterbringen. Der Grund: In Heimen würden Kinder tendenziell eher von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, darin sind sich die EU und die Vereinten Nationen einig. In vielen Ländern des globalen Südens geht die Zahl der Kinder in Betreuungseinrichtungen aber nur langsam zurück. Die Zahl der Waisenhäuser steigt teilweise sogar, beispielsweise in Kambodscha: 2016 gab es dort um 65 Prozent mehr Waisenhäuser als noch im Jahr 2005, obwohl die Geburtenrate in Kambodscha laut Weltbank seit Jahren rückläufig ist.

„Das war ein ständiges Kommen und Gehen“

Neben der Problematik, dass viele Kinder ihren Eltern zu Tourismuszwecken genommen werden, sehen Experten auch die Dauer der Freiwilligeneinsätze kritisch: Viele Freiwillige wollen nur ein oder zwei Wochen in sozialen Projekten bleiben und dann weiterreisen, um das Land zu erkunden, sagt Fritsch von STA Travel. Dieser ständige Wechsel an Betreuungspersonen ist belastend für Kinder. Diese Erfahrung hat auch Cornelia Groiss gemacht. Sie war eine der wenigen, die ein halbes Jahr im südindischen Bundesstaat Karnataka geblieben ist. „Das war ein ständiges Kommen und Gehen“, sagt sie.

Derart kurze Aufenthalte schwächen den Lernerfolg der Kinder. „Einmal hat eine Freundin von mir Englisch und Mathematik unterrichtet. Sie hat den Kindern das ABC und die Zahlen von eins bis drei beigebracht“, sagt Groiss. Dass die Kinder je über das Alphabet hinauskommen werden, glaubt sie nicht. „Dann sind die Freiwilligen eh schon wieder weg“, sagt sie.

Möglichst viel sehen in kurzer Zeit. Die Tour „Indien Erleben & Helfen“ von STA Travel dauert 15 Tage und beinhaltet fünf Destinationen. Zwischen Yoga und Sightseeing beteiligen sich die Reisenden vier Tage an einem Kinderhilfsprojekt. Das Ganze zu einem Preis ab 985 Euro, ohne Flug. Laura Fritsch von STA ist sich bewusst, dass solche Kurzaufenthalte schlecht für die Kinder sind, da sie eine Bindung zu den Neuankömmlingen aufbauen, die nach drei Wochen abrupt endet. Dennoch gehe es auch darum, den Kundenwünschen zu entsprechen: „Länger ist natürlich gut, aber es geht bei den meisten nicht länger als drei Wochen.“ Viele ihrer Kunden sind Studenten, die in den Semesterferien verreisen und dabei etwas Gutes tun wollen. Ihr Credo: Besser kurz helfen als gar nicht helfen. STA Travel würde den Kindern vermitteln, dass die Freiwilligen nur kurze Zeit da sind, verteidigt Fritsch die Reiseagentur.

Cornelia Groiss hält von solchen Angeboten nichts. Sie hat sich für ihren Aufenthalt sechs Monate Zeit genommen. Gebucht hat die Journalistin über den Verein Grenzenlos, eine Partnerorganisation von WeltWegWeiser. Die Freiwilligenprojekte, die WeltWegWeiser anbietet, kosten zwischen 2000 und 3000 Euro für drei bis zwölf Monate. Darin enthalten sind Flug, Unterkunft und Verpflegung. Gewinn machen die gemeinnützigen Organisationen nicht.

Cornelia Groiss in Indien
Cornelia Groiss in IndienCornelia Groiss

Worauf man bei internationalen Freiwilligeneinsätzen achten sollte

Sophia Stanger arbeitet als Bildungsreferentin bei WeltWegWeiser. Sie informiert Freiwillige über die verschiedenen Angebote. Die 25-Jährige glaubt, viele Reiseagenturen würden „Schindluder“ mit den Freiwilligen treiben. „Die Hälfte vom Tag Safari machen und am Nachmittag in ein Waisenhaus gehen und ein bisschen helfen, um nächste Woche wieder wo anders zu sein: Das entspricht überhaupt nicht dem, was wir unter einem Freiwilligeneinsatz verstehen“, sagt die Bildungsreferentin. Sie rät den Freiwilligen, mindestens drei Monate in einem Projekt zu bleiben.

Interessierte könnten seriöse Projekte an bestimmten Kriterien erkennen. Stanger sagt, man solle zum Beispiel darauf achten, ob die Organisationen Vorkenntnisse von den Freiwilligen verlangen. Reiseagenturen gehe es oft nur ums Geld, ob die Freiwilligen kompetent genug sind, sei ihnen größtenteils egal. Unseriöse Angebote würden aggressiver beworben werden. Agenturen würden Freiwillige als Retter und Superhelden darstellen. Von solchen Angeboten rät die Bildungsreferentin ab. Sie sagt: „Es ist wichtig, dass ein realistisches Bild vermittelt wird.“ Ebenso wichtig sei eine ausreichende Vorbereitung und Nachbetreuung. Die Partnerorganisationen von WeltWegWeiser laden die Freiwilligen nach ihrem Aufenthalt ein, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und diese zu verarbeiten.

Beides hat Groiss gemacht. Sie musste für ihren Einsatz eine Bewerbung schreiben und hat in Indien einen einwöchigen Vorbereitungskurs besucht. Dort hat sie die Grundlagen der Sprache und der indischen Kultur kennengelernt. „Das war sehr hilfreich“, sagt die junge Frau.

Trotz der schlechten Erfahrungen im Internat sieht Groiss ihren Aufenthalt insgesamt positiv. Die Arbeit im Schülerheim war nur ein kleiner Teil ihres Einsatzes. Die meiste Zeit hat sie erwachsenen Frauen Englisch beigebracht. Sie glaubt, dass diese Interaktion mit den Frauen beiden Seiten etwas gebracht hat. „Es hat sich sicher nicht die Welt verändert, aber es hat insofern etwas gebracht, als beide Seiten mehr Verständnis füreinander haben und mehr von der jeweils anderen Welt wissen“, sagt die 30-Jährige. Auch wenn Groiss zugibt, dass vor allem die Freiwilligen von dem Aufenthalt profitieren. „Da muss man sich auch nicht einreden, dass man die große Wohltäterin ist“, sagt sie. Ihr Fazit: Projekte mit Erwachsenen ja, mit Kindern nein. Eine Erhebung von WeltWegWeiser aus dem Jahr 2018 zeigt, dass nur knapp 15 Prozent der Freiwilligen im Sozialbereich mit Erwachsenen arbeiten. Der Großteil engagiert sich im pädagogischen Bereich.

Eine Chance für Frauen

2016, zwei Jahre nach ihrem Aufenthalt, ist Groiss nach Indien zurückgekehrt. Sie hat ihre Masterarbeit in Gender-Studies zum Thema Freiwilligentourismus geschrieben. „Ich wollte dem Ganzen nochmal nachgehen“, sagt die Wienerin. Sie wollte herausfinden, ob ihr Aufenthalt auch etwas Positives bewirkt hat.

In Karnataka hat die Wienerin Familien interviewt, die vom Tourismus leben. Die Gegend hatte sich innerhalb von zwei Jahren stark verändert. Während ihres Freiwilligeneinsatzes lebte Groiss, wie viele Freiwillige, bei einer Gastfamilie. „Ich habe dann gesehen, dass das beiden Seiten etwas bringt“, sagt sie. Die Familie hatte fließend Wasser und einen Kühlschrank. Zwei Jahre zuvor hatten sie nur ein Becken, das zwei Mal pro Woche mit Wasser aufgefüllt wurde.

Groiss sieht im Freiwilligentourismus vor allem eine Chance für Frauen, sich zu emanzipieren. Sie könnten sich mit der Bewirtung von Freiwilligen selbstständig machen. Das hat auch Groiss' Gastmutter gemacht.

Cornelia Groiss lebte während ihres Einsatzes bei einer Frau mit zwei Kindern. Die Familie war von ihrem Mann verlassen worden. „Der war Alkoholiker und hat sie im Stich gelassen“, sagt sie. Die Frau hatte ohne ihren Mann keine Einnahmequelle mehr. Kurzzeitig habe sie nicht gewusst, was sie machen solle, erzählt sie. Erst durch die Zimmervermietung konnte die Frau ihr Einkommen sichern. Ohne den Freiwilligentourismus wäre das nicht möglich gewesen. „In der Gegend gab es sonst nicht viel, was andere Touristen anlocken würde“, sagt Groiss.

Freiwilligentourismus kann also auch positive Effekte haben. Wer sich im Ausland engagieren möchte, sollte darauf achten, ein seriöses Angebot zu finden. Vor allem bei Projekten mit Kindern ist Vorsicht geboten. Prinzipiell gilt: Je länger der Aufenthalt, desto besser. Es gibt allerdings auch andere Möglichkeiten, um sich vom Massentourismus abzuheben. Unsere Autorin Anja Malensek war für eine Woche in Israel und hat dort bei einer jüdischen Familie gewohnt und gearbeitet.

Freiwillig in der Wüste arbeiten

Ich wollte immer schon auf einer Reise freiwillig arbeiten. Die konkrete Idee für den Ort kam erst vergangenen Sommer. Eine Freundin verbrachte den ganzen August als Ehrenamtliche in der israelischen Wüste und hörte nicht auf, davon zu schwärmen. Es war höchst ansteckend. Ich beschloss, eine düstere Wiener Novemberwoche lieber in der Wüste zu verbringen, und buchte einen Flug nach Tel Aviv. (Von Anja Malensek)

Es ist sechs Uhr in der Früh. Die rote Sonnenkugel hängt knapp über dem Horizont. Der Blick reicht weit über die kahle, mit vereinzelten Bäumen gesprenkelte Landschaft. Eine dünne Frauengestalt in Sandalen öffnet den Zaun des Pferdestalls und ruft: „Kadima, kadima!“ Drei Pferde und ein Esel machen sich auf den Weg in die Halbwüste, wo sie den ganzen Tag weiden, bevor sie am Abend zurückkehren.

Die WüstensonneAnja Malensek

Dem Winter entkommen

„Ist es nicht zu gefährlich?“, waren viele meiner Freunde skeptisch, als ich ihnen von meinen Reiseplänen erzählte. Das Fernweh und die Flucht vor der winterlichten Dunkelheit konnten alle nachvollziehen. Die meisten fanden meine Unternehmung mutig und ein wenig verrückt. Vor allem, als ich nach der Rückkehr von Fahrten per Anhalter, einsamen Wüstenwanderungen und ganz tief kreisenden Militärflugzeugen erzählte. Und natürlich vom Künstlerpaar Tess und Noel.

Tess und Noel (die Namen wurden von der Redaktion geändert) sind ein älteres Paar in Ezuz, einem abgelegenen Dorf nahe der ägyptischen Grenze im Süden Israels. Sie haben fünf Kinder, drei Pferde, zwei Hunde – und oft auch Freiwillige, die über die Plattform Workaway ihren Weg dorthin finden. Ezuz besteht aus etwa zwanzig Häusern, die von mehreren Großfamilien bewohnt werden. Die meisten Einwohner leben vom Tourismus, von Kunstwerken oder lokalem Gemüseanbau. Ein Geschäft gibt es in Ezuz nicht. Einmal in der Woche bekommt die Familie eine Gemüsekiste aus dem Nachbarort zugestellt. Sonstige Einkäufe erledigt sie in der Stadt Beer Sheva, wo sie derzeit ein Haus zur Vermietung herrichtet. Tess und Noel betreiben in Ezuz ein Öko-Hostel. Auf ihrer Parzelle stehen neben dem Wohnhaus und dem Pferdestall niedliche Hütten, in denen man übernachten kann, und ein offenes Parkettgelände für Yoga, Tanz oder Akrobatik. Viele Touristen machen in Ezuz kurze Rückzugsurlaube mit unterschiedlichen Workshops.

Tess vor den Touristenhütten in EzuzAnja Malensek

privat

Freiwillige aus der ganzen Welt

Das Paar weiß nicht genau, wie oft es schon Freiwillige bei sich hatte. „Bestimmt mehr als 100 Mal“, schätzt Tess. „Vielleicht auch 200 Mal.“ Angefangen hat das Ganze, als die jüngste Tochter zur Welt kam. Sie brauchten dringend die Hilfe eines Babysitters, konnten sich aber keine Betreuung leisten. Sie fanden Workaway und engagierten Volontäre anfangs als Au-pair. Die jüngste Tochter ist inzwischen zwölf Jahre alt, aber die Familie hostet weiter. In der Touristensaison – vor allem im Frühling und Herbst – brauchen sie die freiwillige Hilfe noch, etwa beim Wäschewaschen, Aufräumen, Kochen und beim Ausmisten des Pferdestalls.

Freiwillige aus der ganzen Welt kommen nach Ezuz. Besonders oft verschlägt es Deutsche dorthin. Tess weiß nicht, warum dem so ist. In der Novemberwoche, in der ich dort war, hatte ich tatsächlich eine „Kollegin“ aus Berlin, die 35-jährige Lisa. Tess wollte nicht zu viel über andere Freiwillige erzählen, weil das schlechtes Karma mit sich bringe. Eine ungewöhnliche Workaway-Geschichte teilte sie aber doch mit uns: Vor ein paar Jahren kamen zwei Freiwillige, die sich erst in Ezuz kennenlernten, den ganzen Sommer bei ihnen verbrachten und dort ein Kind zeugten. „Die Wüste bringt die Leute einander näher“, sagt Tess schmunzelnd. Auch ohne derartige Vorhaben spürte ich dieses Gefühl der Nähe von Anfang an. Ich hätte mir nicht vorgestellt, dass man sich noch am Tag der Ankunft bei wildfremden Menschen so zu Hause fühlen kann. Ich putzte ihr Haus wie meine eigene Wohnung und nahm das aus dem Kühlschrank, worauf ich gerade Lust hatte. Sie redeten mit mir und vor mir über ganz persönliche Dinge, als wäre es selbstverständlich, dass ich für eine Woche zur Familie dazugehörte.

Kosher? Challenge accepted!

Tess und Noel sind jüdisch. Sie halten den Schabbat ein, essen koscher und beachten auch die anderen Gesetze der Tora. Das Geschirr aus den getrennten Küchen (eine für milchige Speisen, die andere für fleischige) wird allerdings in demselben Geschirrspüler gewaschen, denn „man kann den göttlichen Gesetzen selbst eine vernünftige Grenze setzen“. Den Schabbat, der im Judentum als die heiligste Zeit der Woche gilt, widmen sie der Familie. Gegen den Sonnenuntergang am Freitag wird eifrig gekocht und aufgeräumt. Zu Besuch kommen ein Sohn aus dem Militärdienst, der jüngste Sohn aus dem Internat und Noels älteste Tochter aus Paris.

Ich bereite das Hauptgericht für das Schabbat-Abendessen für acht Personen vor, was angesichts der begrenzten Gemüseauswahl, unbekannter Gewürzen und zwei Küchen mit streng zu trennenden Besteck-Sets eine Herausforderung ist. Als wir uns lang nach dem Sonnenuntergang endlich zu Tisch setzen, ist Noels Miene ernst. Er wartet, bis alle ihre Handys weggesteckt haben, und sagt die einleitenden Gebete. Es ist offensichtlich, dass die Traditionen nicht für alle Familienmitglieder eine so große Stellung haben. Noels Gesicht hellt sich allerdings auf, als alle einstimmig „Schalom Aleichem“ singen.

Abendessen am SchabbatAnja Malensek

Aus einer Großstadt in ein winziges Dorf

Die Geschichten, die das Paar über sein Leben erzählt, klingen wie aus einem Film. Tess und Noel waren jahrelang als Künstler tätig – Noel als Maskenbildner aus Algerien bzw. Frankreich, Tess als Zirkuskünstlerin aus Amsterdam. Nach vielen Zwischenstationen zogen sie 2001 nach Israel. Die neue Heimat kam ihnen sofort wie das richtige Zuhause vor. „Es fühlte sich an, als könnten alle älteren Paare meine Großeltern sein“, erinnert sich Noel.

Das kleine Wüstendorf wird oft tags und nachts von Militärflugzeugen überflogen. In der Nacht leuchtet die wenige Kilometer entfernte Militärbasis so stark, dass die Milchstraße kaum zu sehen ist. Manchmal höre man auch Schießübungen. „Solang sie von dieser Seite kommen, ist alles gut, aber wenn das einmal von der anderen Seite kommt, haben wir ein Problem“, sagt Noel und zeigt in Richtung Ägypten.

„Ich bin nicht hier, um zu urteilen“

Der Alltag in Ezuz wirkt trotz alledem friedlich. Nachdem der Pferdestall ausgemistet ist und die Bettwäsche in einer leichten Brise über die Veranda flattert, können sich Freiwillige in eine der vielen Hängematten legen oder mit den Hunden spielen. Man sollte höchstens fünf Stunden am Tag arbeiten. Die Arbeit ist leicht und hat im Vergleich zum stressigen Leben in Wien eine beruhigende Wirkkraft.

Der Weg nach EzuzAnja Malensek

Mitte November sind die Tage in Negev noch heiß und die Abende bereits frisch. Ich nutze die Zeit für Gespräche mit Tess, Noel und Lisa. Lisa konnte sich für die Workaway-Reise nach Israel zwei Monate freinehmen und plante außer Ezuz noch Aufenthalte in Jerusalem, Haifa und „in dem Gebiet“. Die Stadt in Palästina spricht sie flüsternd aus, auch wenn niemand in Sicht ist: Jericho. Sie wiederholt immer wieder das Motto, mit dem sie nach Israel gekommen ist: „Ich bin nicht hier, um zu urteilen.“ Manchmal scheint es, als würde sie sich selbst überzeugen müssen.

Mitten im Leben anderer Menschen

Am letzten Tag meiner Freiwilligenwoche sprechen wir Tess auf den Israel-Palästina-Konflikt an. Ich könnte jenen Ort nicht verlassen, ohne das Thema hervorzubringen. Tess hat kein Problem damit, ihre Sichtweisen offenzulegen und Urteile über ein ganzes Volk zu fällen. Sie wundert sich, dass wir die „wahre“ Sachlage nicht erkennen, und versteht unsere Zweifel nicht. Für uns ist die Situation alles andere als schwarz-weiß, für sie nicht. Sie erzählt kopfschüttelnd von vielen jungen grünen Israelis, die wegen der Geschichte Israels ein schlechtes Gewissen hätten und „ihr Land am liebsten aufgeben würden“. Das Paar achte deswegen darauf, dass ihre Kinder in der Schule nicht zu links erzogen würden. Ansonsten sei die Politik bei ihnen kein großes Gesprächsthema. Dieses absolute Denken scheint ausschließlich auf das eine Thema begrenzt zu sein.

Einige Stunden später tauschen wir uns wieder über ganz etwas anderes aus, kochen und essen gemeinsam, sitzen auf der Veranda und holen die Pferde zurück in den Stall. Im Familienhaus gibt es fast keine Privatbereiche, keine verschlossenen Türe oder Dinge, die man nicht benutzen sollte. Genauso ist es auch mit privaten Gesprächen, die sie auf Französisch, Hebräisch oder sogar auf Englisch vor uns führen.

Tess und Noel in ihrem KünstlerstudioAnja Malensek

Tess liebt es, Geschichten über Wien zu hören. Am Schabbat schaute sie Dokus über europäische Städte, während ich im selben Raum das Essen zubereitete und ihr 15-jähriger Sohn Computerspiele spielte. Ich war überrascht, wie natürlich sich die komplette Immersion in das Leben einer „fremden“ Familie anfühlte. Genau das ist das Ziel eines solchen Aufenthalts, waren sich Lisa und ich einig. Wochen später sitzen wir womöglich alle mit akutem Fernweh vor dem Laptop oder Fernseher: die Familie in Ezuz mit Dokus über Wien, und ich in Wien mit Fotos aus Ezuz, schon dabei, die nächste Reise zu planen. Der „klassische“ Tourismus kommt dabei nicht mehr ersthaft infrage. Nicht nur, weil ich für neun Tage Urlaub weniger als 500 Euro ausgab (davon 100 Euro für den Flug und fast 100 Euro für das Daten-Roaming, das in Israel extrem teuer ist). Aus meiner Sicht lernt man erst durch solche Erfahrungen einen Ort wirklich kennen. Und danach will man nur noch eines: zurückkehren.

Auf einen Blick

“Workaway” ist eine Plattform für freiwillige Arbeit. Freiwillige können weltweit nach Hosts suchen - oder umgekehrt. In Israel bieten bereits 118 Familien, Einzelpersonen, Hostels, Gemeinschaften oder Kibbutzim diese Möglichkeit. Im Schnitt werden 4-5 Arbeitsstunden am Tag verlangt, mit ein bis zwei freien Tagen pro Woche. Die Mindestaufenthaltsdauer beträgt in der Regel drei Wochen. (Bei Tess und Noel geht es bereits ab einer Woche). In Israel gibt es noch zahlreiche anderen Plattformen für Freiwillige, wie Kibbuz-Programm, Organic Farming (http://www.wwoof.org.il/) und Vieles mehr.

Offiziell verlangt Israel ein Freiwilligen-Visum, um in Israel freiwillig arbeiten zu dürfen. Auf Workaway gibt es allerdings keine Infos dazu und die Hosts verlangen nicht nach Dokumenten. Meistens reicht eine ausführliche E-Mail und die Beschreibungen der Erfahrungen und Skills, die man mitbringt. Manche anderen Plattformen haben ein langwieriges Registrierungsprozess mit Genehmigungen usw. Mit einer normalen Touristenvisa, die auch viele Freiwillige haben, darf man max. 3 Monate in Israel bleiben.

 

Warum schaffen wir die Entwicklungshilfe nicht ab?

990 Millionen Euro netto wandte Österreich 2018 für die Entwicklungszusammenarbeit auf – obgleich Ökonomen wie Hans Stoisser oder James Shikwati seit Jahren vor derartigen Hilfsformen warnen. Wer hat recht? (Von Evangelista Sie)

Bei der Entwicklungszusammenarbeit scheiden sich die Geister. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordert von Österreich, als Mitglied des Entwicklungshilfe-Ausschusses der OECD (DAC), mehr als die rund 990 Millionen Euro netto oder 0,26 Prozent des Bruttonationaleinkommens 2018 an Entwicklungshilfeleistungen (Official Development Assistance, ODA) zu zahlen. Das Ziel der DAC-Länder liegt bei 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens der DAC-Länder.

Entwicklungsökonomen räumen ein, dass jener Teil der Entwicklungszusammenarbeit, der in die humanitäre Hilfe, also in zeitlich beschränkte Hilfe in Notlagen fließt, sinnvoll und wichtig ist und ausgebaut werden sollte. Denn in Österreich machte die humanitäre Hilfe 2018 sechs Prozent von Österreichs Entwicklungszusammenarbeit aus. Den Rest der Entwicklungszusammenarbeit jedoch stellen Entwicklungsökonomen wie Hans Stoisser infrage.

Was ist die Kritik an der Entwicklungshilfezusammenarbeit?

Die Entwicklungszusammenarbeit sei ineffizient, kritisiert Ökonom und Afrika-Experte Hans Stoisser gegenüber der Presse. „Hilfsstrukturen sind per Definition ineffizient. Denn es geht immer zumindest um ein komplexes Dreierverhältnis“, sagt Stoisser. In dem Dreierverhältnis gebe es einen Geldgeber, eine Hilfsorganisation und eine Zielgruppe. Die Hilfsorganisation müsse sich an dem Geldgeber orientieren. „Der eigentliche Kunde ist der Geldgeber“, sagt Stoisser und nennt das Berichtswesen gar ein autoreferenzielles System, in dem Hilfsorganisationen tendenziell im Sinne der Geldgeber berichten würden.

Auch die ehemalige Vorsitzende der Statistik-Arbeitsgruppe im Entwicklungshilfeausschuss (DAC) der OECD, Hedwig Riegler, kritisierte das Berichtswesen zur Entwicklungszusammenarbeit in einem Interview mit dem Rechercheprojekt Addendum im April 2019. Demnach seien Evaluierungen der Projekte und Programme wenig transparent, und mitunter würden Organisationen Fehler zudecken, um weiterhin Finanzierungen zu bekommen.

Dazu kommt, dass sich die Beziehungen zwischen Geldgeber und Zielgruppe Stoisser zufolge mit der Pariser Erklärung verändert hätten. Mit dem Abkommen wollten die DAC-Länder mehr „Aid Effectiveness“ erwirken – und zwar mithilfe eines „Direct Budget Support“. Dessen Intention war: Industriestaaten sollten Geld zur Entwicklung der südlichen Länder transferieren. Die Länder wüssten selbst am besten, wie sie die Mittel am effektivsten verwenden. „Aber einfach Geld zu transferieren ist nie gut“, sagt Stoisser. Denn dadurch entstünden Begehrlichkeiten, Interessengruppen, Kämpfe um das Geld.

Stoisser erklärt weiter: „Das Negative daran ist, dass die Eigenständigkeit weggenommen wird. Das ist wie ein Tropf, an dem man hängt.“ Ein Geldgeber bedeute, dass es auf der anderen Seite einen Geldempfänger gäbe. Geldempfänger würden sich in den überwiegenden Fällen so verhalten, dass sie mehr Geld aus dem Projekt oder überhaupt ein Projekt bekämen. „Dann kann das keine hierarchiefreie Beziehung sein. Dann gibt’s so was wie Augenhöhe nicht“, sagt Stoisser und resümiert: „Das liegt in der Natur dieser Hilfskonstruktion.“

Die Hilfskonstruktion, die Stoisser die Entwicklungszusammenarbeit nennt, ist trotz internationaler Kritik aufrecht. So wandte Österreich 2018 rund 990 Millionen Euro netto und damit 0,26 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfeleistungen auf. Doch wohin gingen die Entwicklungshilfegelder und was geschah damit?

Wohin gehen Österreichs Entwicklungshilfegelder?

Mehr als die Hälfte der fast 990 Millionen Euro netto an Österreichs Entwicklungshilfeleistungen 2018 gingen mit 578,50 Millionen Euro netto an die multilaterale Entwicklungszusammenarbeit, also an internationale Organisationen und ihre Projekte. 409,09 Millionen Euro netto flossen in die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit und damit an einzelne Empfängerländer. Das Empfängerland, an das Österreich 2018 die höchsten Entwicklungshilfeleistungen zahlte, war die Türkei. So erhielt die Türkei 2018 mit etwas mehr als 28 Millionen Euro netto fast sieben Prozent der österreichischen Entwicklungshilfeleistungen.

Ein hoher Anteil dieser Entwicklungshilfeleistungen an die Türkei entfiel auf die EU-Türkei-Flüchtlingsfazilität, indirekte Studienplatzkosten und Lehrerentsendungen, heißt es im tabellarischen ODA-Bericht 2018 des österreichischen Außenministeriums. Anders gesagt: Den Großteil der Entwicklungshilfegelder an die Türkei verwendete Österreich für den Hilfstopf zur Unterstützung von geflüchteten Menschen in der Türkei, für Studienplatzkosten für Studierende mit türkischer Staatsangehörigkeit und für den Einsatz von Lehrkräften in der Türkei. Das Beispiel Türkei zeigt, dass nur ein Teil der bilateralen Entwicklungshilfeleistungen sich direkt an die Partnerländer richtet, und damit zur direkten Entwicklungszusammenarbeit zählt.

Denn die Gelder für die direkte Entwicklungszusammenarbeit Österreichs, sprich die operativen Entwicklungshilfeleistungen, machten mit 86,39 Millionen Euro netto etwas mehr als 20 Prozent der bilateralen Entwicklungshilfeleistungen 2018 aus, zeigt der Geschäftsbericht der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (Austrian Development Agency, ADA). Fast 43 Prozent davon leistete Österreich an afrikanische Länder. 27 Prozent gingen an asiatische Länder und rund 15 Prozent an europäische Länder.

Somit verwendete Österreich von fast 990 Millionen Euro netto an Entwicklungshilfeleistungen knapp neun Prozent für die direkte Entwicklungszusammenarbeit. Die Berichte zur Entwicklungszusammenarbeit Österreichs 2019 hat das Außenministerium noch nicht veröffentlicht. Die jüngst vergangenen Jahre zeigen jedoch: Die Entwicklungshilfeleistungen Österreichs stagnieren. Nur in den 2000er-Jahren stiegen sie nach der Pariser Erklärung 2005 und aufgrund der österreichischen Flüchtlingspolitik 2015 und 2016 signifikant an.

Im internationalen Vergleich liegen Österreichs Entwicklungshilfeleistungen hinter den ODA-Leistungen seiner deutschsprachigen Nachbarländer Deutschland und der Schweiz. Damit liegt Österreich weit unter dem im Entwicklungsausschuss (DAC) der OECD 1970 festgesetzten Ziel Österreichs und der anderen DAC-Länder, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit zu verwenden.

Warum steigen wir nicht aus der Entwicklungszusammenarbeit aus?

Stoisser sieht eine Einstellung der Entwicklungshilfeleistungen kritisch: „Es gibt Abhängigkeiten. Auch wenn 30 oder 20 Prozent vom Staatshaushalt aus dem Ausland kommen, kann man das nicht von heute auf morgen abstellen – aber über einen Zeitraum. Man braucht einen Plan.“ So habe es zum Beispiel vor der Wirtschaftskrise 2008 in vielen afrikanischen Ländern Wachstumsraten gegeben. Das sei ein guter Zeitpunkt gewesen, um ein Ausstiegsszenario zu konstruieren. „Man hat nicht einmal diskutiert über ein Ausstiegsszenario, und das ist der große Vorwurf“, kritisiert Stoisser.

Mögliche Gründe für das Fehlen von Ausstiegsszenarien sieht Stoisser in vier falschen Annahmen über Afrika und über Entwicklungszusammenarbeit:

Der erste Grund habe mit einer Instrumentalisierung der Entwicklungshilfe zu tun. „Wir glauben, dass Entwicklungszusammenarbeit ein Instrument der Migrationspolitik ist. Das ist sie nicht“, sagt Stoisser. „ Die Menschen aus afrikanischen Ländern kommen nicht zu uns, weil sie immer ärmer werden, sondern weil sie immer weniger arm werden.“

Zweitens nähmen Menschen in Industriestaaten an, in Afrika werde immer alles schlechter. „Das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine neue Mittelschicht entstanden“, erklärt Stoisser.

Drittens glaubten, Stoisser zufolge, Leute in Industriestaaten: „Wenn es uns gut geht, geht es afrikanischen Ländern schlecht und umgekehrt.“ Doch wenn es einem Land gut gehe, ginge es auch anderen Ländern besser, hält Stoisser fest und betont: „Die Vernetzung hat zugenommen. Deswegen geht es den afrikanischen Ländern besser, weil sie Teil der Weltwirtschaft geworden sind – verstärkt durch die Digitalisierung.“

Symbolbild: Harare, Zimbabwe
Symbolbild: Harare, Zimbabwe(c) REUTERS (Philimon Bulawayo)

Zur vierten falschen Annahme sagt Stoisser: „Wir glauben, dass Entwicklungszusammenarbeit so relevant ist.“ Aber nun kämen chinesische Unternehmen, indische, pakistanische, türkische Unternehmen in die Länder. „Die Wirtschaft boomt, da tut sich unheimlich viel.“

Auch der Ökonom James Shikwati kritisiert in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ im Juni 2019, dass der Westen noch immer in den Mustern der Vergangenheit verhaftet sei und „Afrika stets nur als Ort für Hilfe wahrgenommen wird“. Entwicklungsorganisationen würden sich Shikwati zufolge zu sehr auf die Probleme in Afrika konzentrieren und zu wenig die Chancen, die es in Afrika gäbe, präsentieren. Im Gegensatz dazu würden Chinesen keine Hilfe geben, sondern investieren und damit eine „völlig neue Dynamik auf dem Markt“ erzeugen, sagt Shikwati.

Daher bräuchte es neue Formen der Zusammenarbeit, sagt auch Stoisser: „Wir müssen [die Entwicklungszusammenarbeit] transferieren in etwas, bei dem es um gemeinsame Interessen geht!“

Wie stehen das Außenministerium und die Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit dazu?

Was Ausstiegsszenarien Österreichs aus der Entwicklungszusammenarbeit betrifft,  verweisen die Sektion VII des Außenministeriums und die Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (ADA) in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der Presse auf das Dreijahresprogramm 2019–2021 des Außenministeriums mit den Programmen und Projekten der Entwicklungszusammenarbeit Österreichs. „Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit konzentriert sich auf einige Schwerpunktregionen in Afrika, Asien, Südosteuropa und im Südkaukasus. Damit folgen wir dem internationalen Trend, verstärkt auf umfassende Programmziele zu setzen und punktuelles Engagement zu reduzieren. Unser Ziel ist es, gemäß der Ausrichtung des Dreijahresprogramms aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen und erforderliche Anpassungen vorzunehmen“, heißt es in der Stellungnahme.

Dies geschieht der Stellungnahme zufolge weiterhin unter Commitment Österreichs zur ODA-Quote von 0,7 Prozent: „Dank dieser ist es […] gelungen, sich bei der Dotierung der gestaltbaren Mittel nach oben zu orientieren. In den vergangenen Jahren gab es gleichbleibende Budgetmittel der Austrian Development Agency (ADA), 2019 wurden sie um 10 Millionen erhöht.“

Besuch einer Delegation der OECD
Besuch einer Delegation der OECD(c) BKA, Regina Aigner

Dass die mit diesen Leistungen finanzierte Entwicklungszusammenarbeit von hierarchischen Beziehungen fernab von Augenhöhe geprägt sei, entgegnen Außenministerium und ADA mit: „Unser Leitgedanke in unserem Tun ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe – diese wird unter anderem durch die Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen der Partnerländer gelebt.“ Demnach nutze die österreichische Entwicklungszusammenarbeit die Planungs-, Finanzierung- und Abwicklungsstrukturen der Partnerländer und fördere dadurch den Aufbau der Verwaltung vor Ort. „Damit wird zielgerichtet auf die konkreten lokalen Bedürfnisse und Gegebenheiten eingegangen“, hält die Stellungnahme fest.

Der Kritik der mangelnden Transparenz bei den Evaluierungen der Projekte und Programme halten das Außenministerium und die ADA entgegen: „Entwicklungszusammenarbeit effektiv und nachhaltig zu gestalten ist ein wesentliches Ziel. Regelmäßige Evaluierungen helfen dabei, das zu gewährleisten und werden nach den Qualitätskriterien des OECD Development Assistance Committees durchgeführt. Wichtige Prinzipien sind dabei Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, Partizipation, Transparenz und  Nützlichkeit.“

Zur Kritik, dass die Entwicklungszusammenarbeit nicht nachhaltig sei und nicht leisten könne, dass sich Partnerländer wegen der Zusammenarbeit weiterentwickeln, schreiben Außenministerium und ADA: „Klar ist, die klassische Entwicklungszusammenarbeit allein reicht nicht  aus. In enger Zusammenarbeit mit Zivilgesellschaft und Privatsektor suchen wir bewährte und neue Synergien.“ Welche Rolle spielen dabei neue globale Akteure wie China, Brasilien und Indien, die als strategische Geberländer in der Entwicklungszusammenarbeit aufgetreten sind, für Österreich? Die Stellungnahme besagt: „Wichtig ist es, die neuen Akteure bestmöglich in einen Dialog einzubinden und sich für die Einhaltung bewährter Standards einzusetzen. Hauptverantwortung für ihren Entwicklungsweg tragen aber unsere Partnerländer selbst. Sie legen ihre eigenen Ziele und Prioritäten fest. Süd-Süd-Kooperationen werden dabei in Zukunft eine zunehmende Rolle spielen.“

Was bedeutet das für die Entwicklungszusammenarbeit Österreichs in Zukunft?

Die Welt ist komplexer geworden, die globale Gesellschaft vernetzter. In dieser globalen Gesellschaft ist die Entwicklungszusammenarbeit zu stark verankert und ein zu inhärenter Teil der Staaten geworden, als dass die Geberländer und Partnerländer einstellen könnten. Zudem sind zu viele Akteure an den Entscheidungen über die Entwicklungszusammenarbeit Österreichs beteiligt wie beispielsweise die Europäische Union, die OECD, und Generalversammlung der Vereinigten Nationen. Österreichische Entwicklungshilfeleistungen fließen in verschiedene Töpfe und von dort gebündelt in Projekte und Programme im Inland und in Zielländern. Die Entwicklungshilfeleistungen Österreichs sind international mit Entwicklungshilfeleistungen anderer Länder verwoben.

Darum geht es in dieser komplexen Welt nicht länger um die Frage, warum wir die Entwicklungszusammenarbeit nicht einstellen. Wir stellen sie nicht ein, weil wir sie in einer global vernetzten Welt nicht einstellen können. Vielmehr geht es für Österreich darum, die Entwicklungszusammenarbeit zu verändern und gemeinsam mit sämtlichen beteiligten Akteuren in der Entwicklungszusammenarbeit wie den Partnerländern oder auch Geberländern und internationalen Organisationen neue Formen der Entwicklungszusammenarbeit zu entwickeln, um den Herausforderungen einer vernetzten globalen Gesellschaft zu begegnen.

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